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Stirbt das Kalb, braucht es bei Mutterkühen die Balance zwischen Instinkt und Intervention

Dass Mutterkühe ihre Kälber nicht annehmen, kommt selten vor. Dennoch ist es manchmal notwendig, einzugreifen. Stirbt eines der beiden Tiere, braucht es rasches Handeln. So auch im Stall von Mutterkuhhalter Thomas Friedli.

Kurz & bündig

- Nimmt eine Kuh ein Kalb nicht an, muss es schnell gehen, damit das Kalb nicht zu schwach wird. - Viele Tricks, die Kuh und Kalb helfen, basieren auf der Veränderung des Kälbergeruchs. - Doch auch andere Massnahmen, wie etwa der Einsatz eines Hundes, können die Mütterlichkeit der Kuh instinktiv animieren.

«Heute hatte ich Pech im Stall», sagt Mutterkuhhalter Thomas Friedli. Ein drei Wochen altes Kalb musste am Morgen eingeschläfert werden. Die Mutter des toten Tieres heisst Wenke. Sie steht mit vollem Euter in einer dick mit Stroh eingestreuten geräumigen Box, läuft unruhig umher und muht.

Zum Glück komme es nur selten zu solch einer Situation, berichtet der Betriebsleiter aus Oberwangen bei Bern. Er beobachtet die Mutterkuh eine Weile, bevor er sie in der Nähe des Futtertroges am Halfter fixiert. Friedli hält 45 Mutterkühe mit Nachzucht sowie 40 Milchkühe. Deren Kälber sind direkt gegenüber von der nun angebundenen Mutterkuh untergebracht.

So nah die Lösung räumlich jedoch liegen mag, der Weg dorthin kann erfahrungsgemäss holprig sein. Friedli wählt eines der Kälber aus – ein Munikalb, weil dieses schon ein paar Tage älter und etwas robuster sei als die anderen – und trägt es hinüber zu Wenke.

Etwas desorientiert sucht das Kalb das Euter zunächst zwischen ihren Vorderbeinen. Ruhig führt Friedli das Kalb in die richtige Position und es dauert nicht lange, bis es trinkt. Ein erster Erfolg. «Ob sie es annimmt, wird sich erst noch zeigen», sagt der Landwirt.

Ob eine Kuh ein fremdes Kalb akzeptiert, wird von vielen Faktoren beeinflusst. «Manchmal liegt das grösste Problem in einer solchen Situation auf der anderen Seite des Halfters», sagt Adrian Dietrich, Berater für Mutterkuhhaltung und Coach am Inforama Berner Oberland in Hondrich BE.

Er erklärt, dass die Befindlichkeit des Menschen, der Mutterkuh und Kalb zusammenführen wolle, eine wichtige Rolle spiele. Geduld und Ruhe seien das A und O in einer solchen Situation. «Bin ich als Tierhalter selbst schon auf 180, färbt das direkt auf das Tier ab», sagt der Berater klar. Dies entscheide auch darüber, wann der Versuch abgebrochen werde.

Zusammenführen braucht Geduld für Kuh und Kalb

Unter Umständen kann sich die Zusammenführung von Mutterkuh und Kalb über Wochen ziehen. Wichtig dabei sei, zu beobachten, ob es Fortschritte gebe. «Wenn die Kuh sehr aufgeregt ist, sich nicht beruhigen kann und das Kalb durchgehend angreift – dann wirds schwierig», so Adrian Dietrich. Am Anfang habe man den grössten Aufwand. Kühe seien jedoch Gewohnheitstiere und meist gehe es nach und nach besser.

Auch Wenke im Stall von Thomas Friedli ist nicht sonderlich begeistert über den Ersatz ihres kürzlich verstorbenen eigenen Kalbes, was sie mit ein paar gezielten Tritten unmissverständlich zum Ausdruck bringt. Losgebunden läuft sie vor dem Ersatzkalb weg, welches sich unbeirrt erneut an sie heranwagt. Ein Hin und Her. Zwischendurch wirft sie mal einen ruhigen Blick zum Kalb. Ein gutes Zeichen, so Friedli. Nun sei Geduld gefragt.

Auf seinem Betrieb in Oberwangen bei Bern hält Thomas Friedli Mutterkühe und Milchkühe.
Auf seinem Betrieb in Oberwangen bei Bern hält Thomas Friedli Mutterkühe und Milchkühe.

Betriebsspiegel der Familie Friedli

Thomas und Nicole Friedli, Oberwangen bei Bern LN: 45 ha Ackerbau, 48 ha Grünland Kulturen: Raps, Weizen, Gerste, Mais Tierbestand: 50 Mutterkühe, 45 Aufzuchttiere, 40 Milchkühe Weitere Betriebszweige: Logistikunternehmen, Dreschen im Lohn Arbeitskräfte: Betriebsleiterpaar mit Eltern und Cousin von Thomas Friedli, Landmaschinenmechaniker und zwei Lehrlinge

Das Ersatzkalb riecht aus Muttersicht falsch

Der Störfaktor für die Mutterkuh ist der falsche Geruch des Ersatzkalbes. Eine Alternative wäre es, prinzipiell jede Nachgeburt einer Kuh einzusammeln und einzufrieren. Im Fall, dass das Kalb stirbt, könne man die eigene Nachgeburt der Kuh auftauen und das Ersatzkalb damit abreiben, so Adrian Dietrich. «In der Praxis ist es aber so, dass die Kuh die Nachgeburt oft frisst. Wenn sie nachts in einer Abkalbebox gebärt, ist die Nachgeburt am nächsten Morgen oft schon weg», ergänzt der Berater.

Eine weitere, zwar archaische, doch recht effektive Methode ist es, das verstorbene Kalb zu häuten und die Haut über dem Rücken des Ersatzkalbes zu befestigen. «Das ist sicher nicht für jedermann geeignet. Es funktioniert aber in den meisten Fällen sehr gut», sagt Adrian Dietrich. Auch Landwirt Thomas Friedli schüttelt den Kopf: «Häuten braucht grosse Überwindung. Das könnte ich nicht.»

Ein weniger drastischer olfaktorischer Trick könne sein, den Geruch des Ersatzkalbes mit anderen Mitteln zu überdecken, erklärt Adrian Dietrich. So könne man das Kalb mit Melasse oder Salz einreiben, um die Kuh dazu zu animieren, das Kalb abzulecken. Auch der Geruch von Anis scheine für Kühe sehr anziehend zu sein, erzählt der Berater. «Ein Salz-Anis-Gemisch kann gut helfen. Zuerst reibt man etwas davon auf die Nase der Kuh. Danach reibt man das Kalb mit dem Gemisch ein. Sobald die Kuh das Kalb ableckt, stehen die Chancen gut, dass sie es annimmt», so Dietrich.

Oft lohne es sich, die ersten Anhäng-Versuche zu machen, wenn die Kuh fixiert sei. Der Einsatz eines Schlagbügels kann das Kalb am Anfang zusätzlich schützen.

Ein zweiter Reiz hilft, dass die Kuh das Kalb annimmt

Aus der Low-Stress-Stockmanship, einer Methode zum ruhigen, druckfreien Umgang mit Nutztieren, wisse man, dass Kühe sich primär auf eine Sache konzentrieren, erklärt der Berater weiter. Lenke man eine Mutterkuh, die ein Kalb nicht annehmen wolle, mit einem zweiten Reiz ab, könne dies die Chancen erhöhen. Ein wirkungsvoller zweiter Reiz könne zum Beispiel das Angebot des Lieblingsfutters sein.

Auch ein Hund ist ein zweiter Reiz, der die Mütterlichkeit der Kuh auslösen kann. «Wenn man mit einem Hund zur Abkalbebox geht, kann dies die Kuh dazu bewegen, das Kalb instinktiv zu schützen. So kann eine Verbindung zwischen den beiden hergestellt werden», erklärt der Berater.

Um die Mütterlichkeit zu wecken, könne man, wenn die Kuh fixiert sei, auch den Beckenboden stimulieren, was zu einer Ausschüttung des Bindungshormons Oxytocin führe. «Dazu wird ein Schlauch vaginal eingeführt und Luft eingeblasen. Das ist auch eine vielversprechende Methode», erklärt Dietrich.

Wichtig sei es ausserdem, dass das Ersatzkalb, bevor es der Mutterkuh angehängt werde, bereits an einem Nuckel trinken kann und vorher nicht nur aus einem Kessel getrunken hat. Wenn die Kuh das Kalb nur schwer annehme und das Kalb erst lernen müsse, am Euter zu trinken, verschlechtere dies die Chancen erheblich, sagt Adrian Dietrich.

Eringer-Munikälber geben nicht so schnell auf

Auch Rasseneffekte spielen eine Rolle bei der Auswahl von Ersatzkälbern. «Was sich hier sehr bewährt hat, sind Eringer-Munikälber. Diese sind widerstandsfähig und geben nicht so schnell auf. Die können eine Mutterkuh in die Knie zwingen», berichtet Dietrich und lacht. Auch auf der Kuhseite gebe es Unterschiede. Einige Natura-Veal-Betriebe arbeiten gerne mit Grauvieh, Simmentaler oder Original Braunvieh.

Kühe solcher Zweinutzungsrassen, die zum Beispiel in der Laktation auch schon gemolken worden sind, nehmen Kälber leichter an. «Die nehmen es oft nicht so genau, was um ihr Euter herum passiert», so Dietrich. Der Unterschied in der Ausprägung der Mütterlichkeit von Rasse zu Rasse sei jedoch nicht so gross wie der Unterschied zwischen den Individuen innerhalb einer Rasse.

Thomas Friedli setzt bei seiner Herde auf F1-Kreuzungen aus Limousin und Holstein. Dies bietet für ihn den Vorteil, dass seine Mutterkühe mehr Milch geben und die Kälber demzufolge höhere Tageszunahmen haben. Wenn nötig, könne man aufgrund der ausreichenden Milchmenge leichter ein Kalb anhängen. Gekalbt wird auf dem Betrieb Friedli ganzjährig an zwei Standorten. Während die Mutterkühe am einen Betriebsstandort künstlich besamt werden, läuft in der Herde am zweiten Standort ein Muni mit.

Über den Winter sind die Mutterkühe mit ihren Kälbern auf dem Laufhof. Im Alter von 10 Monaten sind die Jungtiere, wie dieser Muni, schlachtreif.
Über den Winter sind die Mutterkühe mit ihren Kälbern auf dem Laufhof. Im Alter von 10 Monaten sind die Jungtiere, wie dieser Muni, schlachtreif.

Bei den Geburten versucht der Landwirt möglichst wenig einzugreifen. Stattdessen sind für ihn eine regelmässige Kontrolle mit Kameras und Kontrollgänge im Stall wichtig, sowohl vor als auch nach den Geburten. Im Normalfall klappe alles von allein, erzählt Friedli. Über die Jahre entwickle man ein Gespür dafür, wann eingegriffen werden müsse.

Für den Notfall ist eingefrorenes Kolostrum griffbereit

Für Notfälle hat Thomas Friedli Kolostrum eingefroren und griffbereit. Er berichtet in diesem Zusammenhang von einem Fall vor einigen Jahren, als ein erstkalbendes Rind nach der Geburt apathisch in der Abkalbebox lag. Ihr Kalb war schon auf den Beinen und suchte bereits nach dem Euter, während die Mutter noch immer nicht aufgestanden war. «Sie wusste mit dem Kalb partout nichts anzufangen. Das Kalb musste ich einer anderen Kuh anhängen», so der Tierhalter. Hat das Rind eine zweite Chance bekommen? Friedli bejaht und fügt hinzu: «Sie hat mir danach vier Jahre nacheinander Zwillinge geschenkt und alle gut angenommen.»

Dies war der einzige Fall in der Betriebsgeschichte, in der eine Mutterkuh ihr Kalb nicht angenommen hat. «Wenn so etwas passiert, ist es wichtig, die Kuh nicht zu lange liegen zu lassen und sie möglichst bald aufzuscheuchen. Ich stelle in einer solchen Situation eine zweite Kuh dazu, die ebenfalls vor nicht allzu langer Zeit gekalbt hat. Das hat manchmal einen Hebammen-Effekt. Zudem schaue ich, dass ich die Kuh fixiere und das Kalb zum Trinken ans Euter führe. Das nimmt zweimal am Tag viel Zeit in Anspruch, geht bei uns aber gut, weil die Herde insgesamt recht zahm ist. Ich kann an die Kälber heran, ohne dass die Kühe mich angreifen würden», sagt Friedli.

Die Herde von Thomas Friedli steht auf dem Laufhof in der Sonne. Im Stall nähert sich Wenke dem Ersatzkalb. Vier Tage braucht sie, bis die Verbindung stark genug ist und sie das Kalb annimmt.

Häuten eines toten Kalbes

Das Häuten eines toten Kalbes mag nicht jedermanns Sache sein. Dennoch ist es eine sehr effektive Massnahme, damit eine Kuh ein Ersatzkalb annimmt. Gemäss der Verordnung über tierische Nebenprodukte fällt eine durch Häuten entnommene Kälberhaut in die Kategorie mit dem höchsten Risiko (Kategorie 1). Um die Gesundheit von Menschen und Tieren (z. B. durch die Übertragung von Botulismus) nicht zu gefährden, muss die Kälberhaut nach der Nutzung ordnungsgemäss bei der Kadaverstelle entsorgt werden. Beim Häuten eines toten Kalbes empfiehlt sich folgende Vorgehensweise: - Mit einem scharfen, handlichen Messer (ohne Zacken) wird in die Haut unter dem Vorderbein eingestochen. - Von dort wird der Schnitt mit der scharfen Messerseite nach aussen über den Widerrist auf die andere Seite, den Bauch entlang nach hinten über den Oberschenkel, geführt. Es reicht, wenn einmal rundum nur die Rückenpartie ausgeschnitten wird. - Beim Schneiden hilft es, die Haut gleichzeitig entgegengesetzt straff zu ziehen. Auf Höhe der Beine werden Löcher in die Haut geschnitten, durch die Strohschnüre oder Kabelbinder gezogen werden können. - Die Haut wird anschliessend auf dem Ersatzkalb platziert und mit den Schnüren oder Kabelbindern an dessen Beinen befestigt. - Meistens ist innert ein paar Minuten ersichtlich, ob die Kuh das Kalb mit dem neuen Kleid annimmt oder nicht. Sobald das Kalb problemlos bei der Kuh trinken durfte, kann die Haut wieder abgenommen werden. Wichtig ist, die Haut nicht länger als 24 Stunden auf dem Ersatzkalb zu lassen. Lisa McKenna und Geraldine Zutter

Anmeldung Adoptivkalb Mutterkuh Schweiz

Für Mitglieder von Mutterkuh Schweiz besteht die Möglichkeit, die Abstammung für ein zugekauftes Ersatzkalb bei Mutterkuh Schweiz registrieren zu lassen. Dazu muss das Kalb bei Zukauf jünger als 8 Wochen sein, die Adoptivmutter muss angegeben und die Belegungs- bzw. Besamungsbestätigung oder der Mastremontenausweis beigelegt werden. Weitere Informationen und das Formular zum Herunterladen: www.diegruene.ch/ersatzkalb