Wenn es um die Heuaufnahme bei Pferden geht, müsse sie als Erstes ein Vorurteil beiseite räumen, hält die Professorin für Tierernährung an der Universität Leipzig fest: Pferde sind in ihrem kargen Herkunftsgebiet 16 bis 18 Stunden täglich auf der Futtersuche, was aber nicht mit einer tatsächlichen Futteraufnahme gleichzusetzen ist. In der Natur stehen Pferde nicht rund um die Uhr vor einer vollen Heuraufe.
Verlust vermeiden
Folglich plädiert die Fachtierärztin für Tierernährung und Diätetik dafür, mit dem Luxuskonsum von Heu aufzuhören. «Wenn ich überquellende Heuraufen und Pferde sehe, die in den Ausläufen auf dem Heu herumtrampeln, wird es mir ganz anders», sagt Ingrid Vervuert.
Es gilt, möglichst adäquate Fütterungsoptionen und Portionen zu wählen. In Offenställen kann mit über die Raufen gespannten Netzen gearbeitet werden, um den Verlust zu minimieren. Eine Heufütterung in der Box findet Vervuert nicht optimal, so vermischt sich das Heu mit dem Stroh oder der sonstigen Einstreu. Sparsamer ist es, den Pferden das Heu ausserhalb der Box zu reichen, beispielsweise auf der Stallgasse.
Keine ad libitum-Zuteilung
Von einer ad libitum‑Zuteilung von Heu rät die Spezialistin ab, besonders bei leichtfuttrigen Rassen wie dem Freiberger. Als Mindestempfehlung gelten rund zwei Kilogramm Trockensubstanz pro 100 Kilogramm Körpermasse. Bei Heu mit 88 Prozent Trockensubstanz ergibt das 1,7 kg pro 100 kg Körpergewicht und bei Silage mit nur 60 Prozent Trockensubstanz 2,5 kg pro 100 kg Körpergewicht.
Aktuell, da das Heu rar und teuer ist, muss besonders darauf geachtet werden, den Futterverderb zu minimieren. Hier appelliert die Fachfrau an eine trockene, saubere und vor Nagern geschützte Lagerung.

Heuqualität prüfen
Das sich verändernde Klima hat nicht nur Einfluss auf die Heumenge, sondern auch auf die Zusammensetzung seiner Inhaltsstoffe, gibt Ingrid Vervuert zu bedenken. «Das Heu in unseren Breitengraden wird zunehmend proteinärmer und immer zuckerreicher, da als Stressreaktion bei schlechten Aufwuchsbedingungen Zucker eingelagert wird.»
Auch ein später Schnitt schützt nicht vor hohen Zuckergehalten, weiss die Expertin. Bei der aktuellen Ernte sei es empfehlenswert, das Heu analysieren zu lassen, um zu wissen, was ergänzt werden muss. Das FiBL bietet eine Raufutteranalyse für Pferde an.
«Oft müssen bei einer ausschliesslichen Heufütterung Eiweiss, Carotin, Vitamin D, Kupfer, Zink und Mangan ergänzt werden», rät die Fütterungsexpertin. Dies kann über ein vitaminisiertes Mineralfutter und einen möglichst regional hergestellten Salzleckstein geschehen. Als Proteinträger bieten sich Luzerne, Leinsamen, Raps, Bierhefe oder, als Kultur der Zukunft, auch Lupine an. Von Zukauf von Soja aus den USA oder Brasilien rät Vervuert aus ökologischen Gründen ab.
Worauf achten bei Anbau und Ernte?
Statt auf Monokulturen sollte beim Raufutteranbau für Pferde auf Diversität gesetzt werden, rät Ingrid Vervuert dringend: «Eine hohe Artenvielfalt mit verschiedenen Gräsern, Kräutern und Leguminosen stärkt die Resilienz des Grünlandes.» Ein tiefer Schnitt bringt wertvolles zusätzliches Futtermaterial, diese Überlegung macht sich wohl der ein oder andere Landwirt. Die Fachfrau mahnt aber, dass zu tiefes Mähen nicht klug sei, da Gräser ihre Reservestoffe in den Stoppeln speichern. Die untersten rund acht Zentimeter sollten stehen gelassen werden, auch um die Futterverschmutzung mit Erde geringzuhalten.
Beim Heuanbau für Pferde sollten alte Vorurteile über Bord geworfen werden, findet Vervuert: Düngung ist durchaus sinnvoll, denn optimal ernährte Pflanzen sind widerstandsfähiger.
Pferde können auch den zweiten und dritten Schnitt fressen und mit dem Ernten des Pferdeheus sollte nicht zu lange gewartet werden. «So frühes Ernten wie möglich ist sinnvoll, um der Verholzung zuvorzukommen. Der Vegetationsstart beginnt heute bis zu drei Wochen früher», mahnt die Fachfrau.

Heu ersetzen und zum Beispiel mit Stroh ausdünnen
Falls die Heuernte in diesem Hitzesommer trotz guter Vorbereitung gar mager ausgefallen ist, hat Ingrid Vervuert Tipps, womit das Raufutter ersetzt werden kann. «Wir sollten unsere Abneigung vor Haylagefütterung bei Pferden ablegen», ist die Fachfrau der Meinung. Dieses Futtermittel übersäuert nämlich weder den Dickdarm, noch sorgt es für freies Kotwasser. Wenn bei der Ernte und Lagerung die entsprechenden Vorkehrungen getroffen werden, kann auch das Risiko von Botulismus, ausgelöst durch Toxine, die von Tierkadavern ausgehen, minimiert werden.
Eine weitere Einsparmöglichkeit besteht in der Ausdünnung von hochwertigem Heu mit Stroh. «Es können ein bis zwei Kilo Stroh in eine Heuration vermischt werden, dazu benötigt es allerdings eine schrittweise Angewöhnung», erklärt die Fütterungsexpertin. Mit einer langsamen Rationserhöhung des Strohs, genügender Wasseraufnahme und Bewegung kann eine Verstopfungskolik vermieden werden, die beim Strohfressen als Risikofaktor gilt.
Bei untergewichtigen Pferden, ohne eine Stoffwechselstörung, kann auch zu Maissilage oder Maiswürfeln gegriffen werden. Da dieses Futtermittel energiereich ist, sollte es mit proteinreichen Futterquellen ergänzt werden. Bei der Fütterung von frischer Maissilage sollte darauf geachtet werden, dass diese nicht zu lange offen liegt, da der Hefebesatz rasch ansteigt.
«Auch mit Rübenschnitzeln kann ein Teil des Heus, sogar bei Sportpferden, problemlos ersetzt werden», rät Ingrid Vervuert. Diese sind ebenfalls energiereich und proteinarm. Damit keine Schlundverstopfung auftritt, müssen die Schnitzel mindestens zwei Stunden aufquellen.
Sogar eine Kombination von Heu mit Luzerneheu oder Luzernehaylage ist gut denkbar, sagt die Fütterungsexpertin. Auf dem Haupt- und Landesgestüt Marbach (D) laufen bereits entsprechende Studien.
Kurz zusammengefasst: Tipps, wie Pferdeheu gespart oder ersetzt werden kann
- Verlust vermeiden mit angepassten Rationen und adäquaten Fütterungsoptionen (Netz über Heuraufe; ausserhalb der Box Heu reichen)
- Auch den zweiten und dritten Schnitt Pferden vorlegen (vermischt mit Heu vom ersten Schnitt, damit es besser gefressen wird)
- Nicht aufs Düngen verzichten
- Eine hohe Artenvielfalt erhöht die Resilienz der Futterpflanzen
- Auf trockene, saubere und vor Nagern geschützte Lagerung achten
- Hochwertiges Heu mit Stroh ausdünnen
- Kombinationen von Heu mit Maissilage, Rübenschnitzel oder Luzerne sind möglich
- Auch Haylage verfüttern

