Sömmerung von Kleinvieh ist langfristig infrage gestellt

Eine Online-Umfrage im Auftrag des Amts für Landwirtschaft und Geoinformation Graubünden zeigt, dass die Bündner Bäuerinnen und Bauern anpassungsfähig sind. Doch der Wolfsdruck bereitet Sorgen.

In keinem Kanton gibt es so viele Wolfsrudel wie in Graubünden: Aktuell leben zehn Wolfsrudel auf dem Kantons­gebiet. Das Amt für Jagd und ­Fischerei schätzte die Zahl der Wölfe per Ende 2022 auf mindestens 94 Individuen. Drei Viertel aller Betriebe im Kanton Graubünden sind von der Präsenz der Grossraubtiere betroffen. Der Wolf ist aber nicht nur in der Landwirtschaft, sondern auch in der Politik ein Dauerthema.

Bauern passen Betriebe und Bewirtschaftung an

Der Grosse Rat hatte im Februar 2022 einen Auftrag überwiesen, der die Auswirkungen der Grossraubtiere auf die Bündner Land- und Alpwirtschaft aufzeigen soll. Das Amt für Landwirtschaft und Geoinformation Graubünden (ALG) hat eine entsprechende Umfrage lanciert, welche im März 2023 durchgeführt wurde.

«Die Auswertung zeigt, dass die Land- und Alpwirtschaft nicht bereit ist, die Bewirtschaftung der Kulturlandschaft und damit verbunden eine wichtige Einkommensgrundlage und ein traditionelles Kulturgut aufzugeben», schreibt das ALG in einem Pressecommuniqué. Die Bäuerinnen und Bauern passten sich vielmehr der neuen Ausgangslage an: Sie stellen die Produktion und die Abläufe auf den Landwirtschaftsbetrieben um, investieren in den Herdenschutz und organisieren die Beweidung der Alpen neu. Massnahmen wie den Tierbestand reduzieren oder auf die Sömmerung verzichten wurden bisher nur in Einzelfällen getroffen.

Mehraufwand und psychische Belastung setzen zu

Trotz der schwierigen Gegebenheiten ist die allgemeine Stimmung momentan in der Bündner Land- und Alpwirtschaft positiv. Mehr als vier Fünftel der Betriebe machen sich aber Sorgen um die Zukunft, hält das ALG fest. Nebst dem Klimawandel werde die Präsenz der Grossraubtiere die zukünftige Entwicklung der Land- und Alpwirtschaft massgeblich ­beeinflussen. Bei steigendem Druck durch Grossraubtiere werde die künftige Haltung von Schafen und Ziegen sowie die Sömmerung infrage gestellt.

«Die Unsicherheiten und der Mehraufwand sind für viele Bäuerinnen und Bauern, Alpmeisterinnen und Alpmeister sowie für das Alppersonal eine gros­se psychische und physische Belastung.»

Amt für Landwirtschaft und Geoinformation

An der Online-Umfrage, die von der Flury & Giuliani GmbH durchgeführt wurde, beteiligten sich 1066 Landwirtschaftsbetriebe, was einem Rücklauf von 57 Prozent entspricht. Die Umfrage zur Sömmerung haben 405 oder 45 Prozent der angeschriebenen Betriebe beant­wortet.