«Sie ist schon jetzt eine grosse Heldin»

Mit 184 364 kg Milch ist Haiti, aus dem Betrieb von Markus Wyss, die noch lebende Kuh mit der derzeit höchsten Lebensleistung in der Schweiz.

Wenn man vor ihr steht, hat man nicht einfach eine gewöhnliche Kuh vor sich. Ist es ihr Alter, ihre Ausstrahlung oder einfach ihre Leistung, die einen beeindruckt? Schon fast mit Ehrfurcht gleitet man mit der Hand über ihr sanftes Fell. Hier steht sie also, die noch lebende Kuh mit der derzeit höchsten Lebensleistung in der Schweiz. 184 364 kg Milch sind es aktuell. Dies entspricht einer durchschnittlichen Lebtagsleistung von über 26 kg Milch.

Strotzt vor Energie

Haiti heisst die am 21. April 1998 geborene Holstein. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters strotzt sie nur so vor Kraft und Energie. Fest in der Lende, breit in der Brust und über ihren langen Körper keine Spur von Alterserscheinungen. Und für eine bald 20-Jährige hat sie ein Euter, das seinesgleichen sucht. Immer noch deutlich über dem Sprunggelenk und stark mit der Bauchwand verbunden. Gut, im rechten Bein machen sich langsam die Arthrosen bemerkbar. Aber bei den Menschen ist es ja nicht anders, wenn sie 80 Jahre oder mehr auf dem Buckel haben.

Grosse Aufmerksamkeit

Um eine solche Leistung erbringen zu können, sind die Gene das Eine. Viel wichtiger sind aber ihre Pflege und die Aufmerksamkeit. Und diese Fürsorge bekommt Haiti jeden Tag von ihrer Züchter- und Besitzerfamilie Markus und Susanne Wyss aus Grasswil BE zu spüren. «Ja, sie ist schon etwas Besonderes für uns», hält der Holsteinzüchter fest. «Obwohl sie im Februar 2014 zum letzten Mal gekalbt hat, gibt sie immer noch 22 kg Milch am Tag.» In all den Jahren hat die ganze Familie Wyss mit Haiti eine innige Beziehung aufgebaut. Mit anderen Worten, man versteht sich fast blindlings. «Ihr Verhalten ist schon sehr speziell», sagt die Tochter Michelle Wyss. Dass Haiti nicht mehr im Laufstall bei den anderen Kühen ist, hat auch seinen Grund: «Wir spürten einfach, dass sie lieber allein sein möchte.» Heute geniesst die «Eiserne Lady» in einer Einzelbox neben den Kälbern, unweit vom Laufstall, ihren Lebensabend. «Zum Melken öffnen wir jeweils das Gatter, nachher macht sie sich alleine auf den Weg und nimmt die 50 Meter zum Melkstand in ihrem Tempo in Angriff», erzählt Markus Wyss. Auch auf der Weide fühle sich Haiti alleine am wohlsten. Auf Anraten des Tierarztes habe man Haiti nicht mehr tragend gemacht. «Eine andere Kuh würde nach drei Jahren keine Milch mehr geben, aber Haiti will. Ich bin mir sicher, dass sie uns sagen wird, wann Schluss sein soll», zeigt sich Landwirt Wyss überzeugt. Eine solche Kuh hat man nur einmal im Leben, das ist sich Markus Wyss vollauf bewusst. «Haiti war in jungen Jahren eher unauffällig. Hatte nie mit Euter- oder Klauenproblemen zu kämpfen. Nach jeder Besamung wurde sie sofort wieder trächtig.» So kam eine Leistung nach der anderen zustande. Die erste Laktation mit 7600 kg war für eine Holsteinkuh eher «verhalten», steigerte sich aber in der 7. Laktation mit der Höchstleistung von fast 15 000 kg in 305 Tagen. Auch ihre Mutter, die Trimbo-Tochter Hassa, realisierte schon eine Lebensleistung von 120 329 kg Milch. Die guten Gene scheinen auch die Töchter von Haiti geerbt zu haben. So passierte ihre Mr Sam-Tochter Hassa in nur sieben Laktationen die 100 000 er-Grenze. Und es scheint, als ob es ihr die Grosstöchter gleichtun wollen.

Ein legendärer Vater

Neben der guten Pflege hat sicher auch ihr legendärer Vater, der Holsteinstier Startmore Rudolph, sein Nötiges dazugetan. Heute ist er für seine langlebigen Töchter auf der ganzen Welt bekannt. In vielen berühmten Abstammungen findet man sein Blut. «Als vor 20 Jahren die ersten Töchter abkalbten, hielt man ihm vor, dass er zu schlechte Beine mit zu wenig Klauensatz vererbe. Es sei unmöglich, dass seine Nachkommen mit diesem Handicap alt werden könnten. Heute beweist er mit seinen vielen 100 000er-Töchtern das Gegenteil», schmunzelt Wyss.

Schon einiges mitgemacht

Die mit VG 89 beurteilte Gold Medal Kuh Haiti hat in ihrem bisherigen Leben schon einiges mitgemacht: «Den Wechsel von Swissherdbook zum Holsteinzuchtverband, den Umzug vom Anbinde- in den Laufstall, ja sogar an der Beständeschau, bei der 100-Jahr-Feier der Viehzuchtgenossenschaft Grasswil, war sie als drittlaktierende Kuh mit dabei und wurde damals mit 54 55 97 beurteilt», erinnert sich der Züchter zurück. Sie ist sogar noch Trägerin von der alten Ohrmarkennummer.

Viele Kühe werden verkauft

Da jedes Jahr gegen 30 Rinder auf dem Betrieb abkalben, werden alljährlich um die 20 Zucht-und Nutzkühe, vor allem in der zweiten Laktation, verkauft. Oftmals ist es auch Zufall welche Kühe den Betrieb verlassen und welche bleiben. «Damals hatten wir vielleicht zu wenig Rinder oder der Zeitpunkt stimmte nicht, dass Haiti im Stall blieb», sagt der Betriebsleiter. Aber die Holsteinkuh musste sich in all den Jahren gegen ihre Stallgenossinnen beweisen. So realisierte der Betrieb Wyss im 2016 einen Stalldurchschnitt von 11 342 kg Milch mit 3,8% Fett und 3,2% Eiweiss. Trotz dieser hohen Leistung haben schon sieben Kühe die 100 00er-Grenze überschritten. Und einige stehen schon wieder kurz davor.

Eine hohe Lebensleistung

«Wir streben eine Lebensleistung von mindestens 50 000 kg Milch pro Kuh an», sagt Wyss. «Oder anders gesagt, wir erwarten eine Lebenstagleistung von 22 bis 25 kg Milch.» Dies erreichen sie so im Alter zwischen fünf bis sieben Jahren. Je früher desto besser. «Die Aufzucht ist teuer, der Milchpreis ist tief. Hier können wir Geld sparen», rechnet er vor. Deswegen kalben die Rinder schon vielfach mit 22 Monaten ab. Dies bedinge aber eine intensive Fütterung in der Aufzucht und in der ersten Laktation. So werde bereits schon in der zweiten Laktation die benötigten 14 kg Lebenstagleistung erreicht um die eigenen Aufzuchtkosten zu decken. «Wir versuchen einfach, dass unsere Kühe ihr genetisches Potenzial in vollem Umfang nutzen können. Mir ist klar, nicht jeder hat dieses Zuchtziel und die Möglichkeit, die Tiere so zu halten und zu füttern. Für unseren Betrieb stimmt diese Strategie», fügt er hinzu.

Klares Zuchtziel

Bei der Zucht wird im Stall Wyss nichts dem Zufall überlassen. «Wir setzen fast alles genomische und fast zu 100% gesexte Stiere ein», sagt die zuchtbegeisterte Tochter Michelle. Zurzeit sind es die Holsteinstiere Chief, Dewars, Randall, Antonio und Sunstar. «Neben dem funktionellen Exterieur schauen wir vor allem auf die Milchleistung und dazu kg Fett und kg Eiweiss, und den Zuchtwert IFF (Fitnesseigenschaften).» Im Jungviehstall herrschen vor allem die Stierenväter Fitz, Upright und Unix hervor. Bei den Jungkühen seien im Moment die Töchter von Meteor, Mascalese und Tabasco sehr leistungsstark.

Ausserordentlich problemlose Tiere seien Töchter von Eddy, und die Lingo-Töchter sehen sehr gut aus. «Unsere Herde wurde durch die Stiere Rudolph und Talent geprägt, und später kam Goldwyn und dann seine Söhne Dempsey und Atwood dazu.» Der Holsteinzüchter will aber nicht verleugnen, dass er bei 30% seiner Tiere einen Maststier einsetzt.

Verhaltene Luftsprünge

Zum Fotoshooting mit Haiti geht es nun nach draussen. «Eine Halfter umlegen lassen hat sie noch nie gemocht», lacht Michelle Wyss. Doch nach dem dritten Versuch sitzt sie fest, und ab geht es auf die grüne Wiese. Auch ein paar verhaltene Luftsprünge liegen drin. Peilt die Familie mit Haiti die 200 000er-Grenze an? «Nein, nein, überhaupt nicht», kommt es bei Michelle Wyss wie aus der Pistole geschossen. Aber trotzdem: «Haiti hat uns bis heute nie einen Grund gegeben mit ihr aufzuhören.» Wir träumen kurz und rechnen vor: Wenn Haiti weiterhin so Milch gibt, würde sie voraussichtlich im Frühling 2019 diese magische Zahl knacken. «Es kann schnell vorbei sein, das wissen wir und sie
hat uns ja eh schon viel mehr gegeben als wir je erwarten durften.» Sei es aber einmal so weit, werde man sie auf dem Betrieb einschläfern lassen. «Wir wollen ihr einen würdigen Abgang geben, sie hat es mehr als verdient. Für uns ist Haiti aber schon jetzt eine grosse Heldin», halten Markus und Michelle Wyss ausdrücklich fest.

Peter Fankhauser

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