Jede Gesellschaft erzählt ihre Geschichte vom Leben, vom Leiden und vom Tod. Und weil diese drei so alltäglich sind, so natürlich wirken, sind uns diese Erzählungen meist sowenig bewusst wie die Luft, die wir atmen. Sichtbar werden sie anderswo, nicht in unserem Leben, und das am ehesten dort, wo es anderes Leben ist, das uns ähnlich scheint: Bei der Frage, was ein gutes Leben und ein guter Tod wäre für das Tier etwa, und welche Rolle das Leiden darin spielen darf.
Da fällt zunächst auf, was uns am meisten stört: Der gewaltsame Tod des Tieres. Wie schwer ist es, einem kleinen Kind zu erklären, dass die feine Wurst auf dem Teller und das herzige Schweinchen auf der Alp das Gleiche sind. Wir mögen uns mit der eigenen Sterblichkeit abgefunden haben, mit jener des Nutztiers aber nicht. Vielleicht gelingt es uns, das Töten von Nutztieren zu akzeptieren – immerhin stirbt auch das Wildtier, und das ist, insofern es nicht waidmännisch erlegt wird, ausnahmslos immer ein Verenden unter Qualen, sei es, weil es von einem Raubtier zerfleischt, von einer Krankheit zerfressen oder von Hunger und Witterung aufgezehrt wird.
Perspektiven der Vergangenheit
Doch was war davor? Hatte das Tier «es gut»? Und was ist das? Auch hier sagen unsere Vorstellungen vom Tierwohl viel aus über unsere eigenen gesellschaftlich vorgegebenen Vorlieben. Cowboys, Älpler und Reiternomaden haben eines gemein: Sie singen Lieder von der grossen Freiheit unter einem weiten Himmel, sie zeugen von einer Liebe zur Ungebundenheit, die Härten und Einschränkungen in Kauf nimmt. In dieser Welt ziehen Herden über weite Flächen, fressen was da ist, trotzen dem Wetter, und der Tod kommt wie ein Adler, der aus den himmlischen Weiten herniederstürzt, plötzlich, unvermittelt, jäh und brutal, als Teil dieses freien Lebens.
Der Bauer, der ein «Heimet» besass, der mähte und molk und sein Eigen dereinst der Familie nach weitergeben wollte, wird spürbar in einem anderen Bild, in einem von Anker vielleicht, einem, in dem die Gemütlichkeit und Geborgenheit einer Bauernstube in warmen Farben fühlbar wird. Hier hat jeder seinen Platz und alles seine gute Ordnung, so wie im warmen Stall mit der niedrigen Decke, wo die Kühe angebunden sind, jede an ihrem Ort, wo sie mit Namen gerufen und geputzt und gestriegelt werden und der Freigang im Winter kein Ausharren in der Kälte, sondern wie ein fröhlicher Ausflug voll Übermut ist, in der Gewissheit, bald wieder im Warmen liegen zu können.
Beides Bilder, in der Schweiz zumindest, aus der Vergangenheit. Wie sähe das Bild eines modernen Menschen aus? Die geistige Welt einer Zeit schlägt sich nieder in ihrer Architektur, man denke an römische Tempel und die Kathedralen des Mittelalters. Die Kathedrale unserer Zeit, so meine ich, ist der Flughafen: Ort gewordene Unbeständigkeit, zum Punkt verdichtete Felder von Linien, in Stahl und Beton gegossene Bewegung.
Sich manifestierende Machtstrukturen
Der Flughafen – wie auch sein kleiner, hässlicher Bruder, der Bahnhof – gleicht dem Laufstall. Die massiven Betonflächen, die weit geöffneten Räume, die hallenartigen Dachkonstruktionen, die Funktionalität, in der die eigentliche tragende Struktur der Prozess ist, die unsichtbare Arbeitsstrasse, in die jedes Tier eingebunden ist, ohne es noch gross zu merken. Alles ist steuerbar, alles wird überwacht, doch es dominiert die Bewegung, die Freiheit, die für jene zum Zwang wird, die Mühe haben, sich zu behaupten. Denn hier gibt es keinen Rückzugsort, kein eigenes Plätzchen mehr. Wie am Flughafen, bleibt der Konflikt latent: Dort wird dem Passagier das im Hosensack vergessene Sackmesser abgenommen, hier dem Rind das Horn.
In der Massnahme und der Kontrolle manifestiert sich eine grössere Struktur: Jene der Macht. Das richtig gehaltene Tier ist das registrierte, überwachte Tier, dessen natürliche Lebensprozesse Gegenstand gründlicher Planung sind. Damit ist es Objekt gesellschaftlicher und staatlicher Machtverhältnisse – und dient deren Reproduktion. Das richtig gehaltene Tier ist in gewisser Weise die Anwesenheit politischer Macht im Stall, auf der Weide, im Schlachthof, auf der Fleischtheke, auf dem Tisch.
Die Normierung des biologischen Lebens erscheint als Essenz des Tierwohls. Ist von Freiheit oder Schutz die Rede, spricht man in Quadratmetern, Tagen und Stunden, Grad Celsius. Und geht es ans Sterben, so ist die Forderung eine, die nur ein bürgerlicher, westlicher Mensch daran stellen würde: Schmerzlos soll es sein, schnell, am besten so, «dass man nichts merkt».
Im Bild ist Wahrheit
Die Werbung sei unehrlich, kritisieren Tierschutzorganisationen aktuell und schon länger. Das Gerede von Tierwohl, die in sanftem Licht gehaltenen Fotografien von schmucken Bauernhöfen mit heiler Welt seien angesichts der Realität in der tierischen Produktion irreführend. Dem ist nichts entgegenzusetzen, aber vielleicht etwas hinzuzufügen: Was die Werbung, ganz ungewollt ehrlich aufzeigt, ist das, was Tierwohl sein könnte: Keine Reglementierung, kein Ernährungsplan, keine Methode, sondern ein Bild, das zunächst einmal ein Schönes ist.
Wo Tierhaltung tatsächlich so aussieht, wie auf den idyllischen Werbebildern, darf man getrost davon ausgehen, dass alles in Ordnung ist – ohne Quadratzentimeter zu zählen. Wo alle Sentimentalität verlorengegangen ist und nur noch der technische Verstand regiert, muss man sich Sorgen machen – mögen auch alle Vorgaben minutiös umgesetzt sein.

