Welches sind die grössten Herausforderungen des neuen Milchjahres?
Aktuell ist der Schock der Frankenaufwertung sehr gross. Der Entscheid der Nationalbank, den fixen Eurokurs abzuschaffen, kam für die Milchbranche zu einem denkbar ungünstigen Moment. Der Milchpreis war schon vor dem 15. Januar stark unter Druck, nun wurde die Situation verschärft. Die Milchbranche ist jetzt dabei, sich neu zu orientieren. Ein grosses Thema dabei ist, wer wie viel der zu erwartenden Preisnachlässe bei den Exportprodukten
tragen soll.
Warum ist der Zeitpunkt so ungünstig?
Derzeit ist der Milchmarkt mit vier Schwierigkeiten konfrontiert, die jede allein schon ein grosses Problem bedeuten: Die sowieso schon sehr stark gesunkenen Preise auf dem Weltmarkt. Die Quotenaufhebung in der EU auf den 1. April. Die Russlandkrise. Und als Viertes nun die Frankenaufwertung.
Wie beeinflusst die Milchquotenaufhebung in der EU den Milchmarkt?
Bei uns hat die Milchproduktion im Jahr 2014 um etwa vier Prozent zugenommen. In der EU ebenfalls – trotz Quote. Ich gehe daher davon aus, dass für das Erste die Milchausdehnung nach der Quotenaufhebung schon vorweggenommen wurde. Ob die Produktion nochmals so steigen wird, bezweifle ich. Die Milchpreise sind in der EU schon so tief, dass sie den Boden jetzt gefunden haben dürften.
Wie wichtig sind die Richtpreise auf den Milchgeldabrechnungen?
Für Molkereimilch sind die Richtpreise eine wichtige Orientierung. Dass den Produzenten trotzdem weniger als der Richtpreis ausbezahlt wird, hängt mit verschiedenen Abzügen zusammen, unter anderem im Zusammenhang mit dem Schoggigesetz. Wie hoch diese Abzüge sind, hängt dann wiederum vom Portfolio des Verarbeiters ab. Zum Beispiel, ob dieser viel in die exportierende Schokoladenindustrie verkauft.
Welche Auswirkungen hat die Frankenaufwertung auf die Diskussion rund um das Schoggigesetz?
Je grösser die Preisdifferenz zwischen dem ausländischen und dem Schweizer Rohstoff ist, desto grösser ist der Fehlbetrag, der via Schoggigesetz gedeckt werden muss. Die Aufwertung führt zu einem hohen Mehrbedarf.
Wie viel Geld steht zur Verfügung?
Derzeit gibt es 70 Millionen Franken für alle Agrarprodukte. Davon gehen rund 58 Millionen an die Milchbranche. Doch der Bundesrat hat versprochen, wenn die 70 Millionen nicht reichen sollten, um 85 Prozent des Bedarfs zu decken, würden die Mittel via Nachtragskredit aufgestockt. An dieses Versprechen erinnert die Branche nun den Bundesrat. Denn es ist bereits klar, dass die Mittel nicht reichen.
Wie hoch ist die obere Grenze?
Das Maximum sind knapp 115 Millionen Franken. Das ist die Deckelung, die seitens der WTO vorgegeben ist. Erste Hochrechnungen zeigen, dass man selbst mit diesen 115 Millionen eine 85-Prozent-Deckung wohl nicht erreicht.
Wie stark ist der Einfluss der Frankenaufwertung?
Mindestens so gross ist der globale Druck auf den Milchpreis. Wir haben ja noch einen geschützten Inlandmarkt für einen Grossteil unserer Milch, der von der Frankenaufwertung nicht direkt betroffen ist. Die Frage, wie stark gewerbliche Käsesorten betroffen sind, bei denen der Konkurrenzdruck durch ausländische Produkte ebenfalls hoch ist, wird
intensiv diskutiert. Und Käse, der vor dem 15. Januar, dem Tag der Frankenaufwertung, schon für den Export produziert war, konnte plötzlich nur noch verbilligt verkauft werden. Dieser Wertverlust war enorm. Bei Industriekäse wie Mozzarella wird der zusätzliche Preisdruck ebenfalls diskutiert.
Was sind die Folgen?
Die Gefahr besteht, dass der Milchpreis weiter sinkt. Ich befürchte, dass viele Bauern demnächst nicht mehr bereit sind, zu diesem Preis zu produzieren. Sie können gar nicht mehr. Abgesehen von den tragischen Folgen für die Landwirte, müssen wir von einem grossen Einbruch in der Milchproduktion ausgehen, mit der Folge, dass wir sehr viele Marktanteile verlieren.
Was hiesse das für die Verarbeiter?
Die Verarbeiter müssen sich mit ihren Preisen am Markt orientieren. Ist kein Produzent bereit, zu diesem Preis zu liefern, wird sich der Verarbeiter damit auseinandersetzen müssen, mit der Produktion in gewissen Segmenten zurückzufahren. Hier könnte etwas kaputt gehen, dass man später nicht mehr so schnell wieder aufbauen kann. Wenn wir die Exportmärkte nicht mehr bedienen, tun dies Anbieter im Ausland.
Interview Cornelia von Däniken
Das ganze, ausführliche Interview mit Stefan Kohler finden Sie in der aktuellen «Grünen» vom 5. Februar 2015 auf den Seiten 6 bis 8

