Ist eine antibiotikafreie Schweineproduktion möglich? «Nein, das geht nicht», so die klare Antwort von Anita Hoofs auf die rhetorische Frage, gestellt am Seminar für eine wirtschafliche Schweinehaltung der Landis Sursee und Umgebung Anfang letzter Woche. Die Schweinespezialistin von der niederländischen Forschungsanstalt Sterksel präzisierte sogleich, dass dies keine Legitimation sein dürfe für einen hohen Verbrauch.
Individuell und nicht prophylaktisch verabreichen
Es gehe um Verantwortung und darum, dass die Verabreichung individualisiert werde. Also nicht ganze Abteile und schon gar nicht prophylaktisch. Kranke Schweine gehörten umgehend abgesondert, und aufgrund des grossen Risikos für die gesunden Tiere solle an diesen nicht «zu lange» herumgedoktert werden.
In der Niederlande wird wohl früher euthanasiert. Die Niederlanden befassen sich in der Schweineproduktion bereits seit über einem Jahrzehnt intensivst mit der Antibiotikadiskussion. Die Regierung setzte den Schweineproduzenten massiv Druck auf. 2009 wurde schliesslich als Referenzjahr für den Verbrauch herangezogen. Damals kam eine durchschnittliche Sau auf gut 25 «Tagesdosierungen» Antibiotika. Diese Kennzahl wird seit sieben Jahren berechnet und beziffert die Anzahl Tage, an denen das Muttertier oder ihre Ferkel in Behandlung waren.
Bis 2013 sollte der Verbrauch um 50%, bis 2015 um 70% gesenkt werden, so die ehrgeizigen staatlichen Vorgaben. Da in der Niederlande aus Kostengründen eher zurückhaltend vorbeugend geimpft wurde, kann von einem anfänglich beachtlichen Verbrauch ausgegangen werden.
Innert vier Jahren Verbrauch halbiert
Und tatsächlich, 2013 wurden noch knapp 11 Tagesdosierungen verbraucht. Eine Reduktion von über 50%. Wie ist das möglich? «Der Druck war gross, und gemeinsam mit dem Bestandestierarzt suchten die Schweineproduzenten nach Lösungen im Bereich Management», erklärte Hoofs. Neu soll zudem eine weitere Kennzahl und zwar die «Tagesdosierung pro Sau und Tierarzt» erhoben werden. Ziel der Behörden, auch der Tierarzt soll in die Verantwortung genommen werden.
Eines der Zauberwörter für einen geringeren Bedarf sei das Durchbrechen von «Kontaktstrukturen», so Hoofs. Und Kontakte mit einem möglichen Übertrag von Erregern sind vielfältig im Schweinestall. Nicht nur von Tier zu Tier, sondern häufig auch über Material und Gerätschaften, die Luft, den Mensch oder die Gülle. «Versucht, die Würfe möglichst beisammenzuhalten», sagte Hoofs zudem und war sich bewusst, dass sie damit dem beliebten «Ausgleichen, Standardisieren und Umstallen» diametral entgegentritt. Denn ein Wurf mit vielen Streptokokken-Trägern beispielsweise würde sonst die ganze Herde kontaminieren. Und immer wieder war von der Hygiene die Rede.
Management bringt mehr als prophylaktischer Einsatz
Veterinär Xaver Sidler, Abteilung Schweinemedizin Universität Zürich, stiess ins gleiche Horn. Keinesfalls dürften mit prophylaktischem Antibiotikaeinsatz Fehler im Management und der Biosicherheit auf den Betrieben ersetzt werden. In der Mast beispielsweise werden fast 80% des AB-Einsatzes prophylaktisch verabreicht. Bei den Absetzferkeln sind es 86%, bei den Saugferkeln 46% und den Muttersauen 23%.
Untersuchungen zeigten, dass der prophylaktische Einsatz in der Mast keinen Einfluss hat auf die Abgangsrate, Folgebehandlungen während der Mast oder die Mastleistungen. Belieferung aus möglichst wenigen Betrieben (am besten einen), Rein-Raus, Reinigung mit Desinfektion, genügend Leerzeit vor dem Einstallen, nicht zu kalte Ställe, saubere Wasserquellen, genügend Futter beim Einstallen und vor allem eine einwandfreie Hygiene mit stalleigenen Kleidern, Handwaschgelegenheiten usw. seien erfolgversprechender und günstiger. Und vor allem werde die Branche so nicht zum Sündenbock für Antibiotikaresistenzen abgestempelt.
Armin Emmenegger

