ABO

Heu allein deckt den Nährstoffbedarf einer trächtigen Ziege nicht

Während der Trächtigkeit muss das Futter unbedingt angepasst werden. Im schlimmsten Fall kann es sonst zu Abgängen kommen.

In den nächsten Monaten steht auf vielen Ziegenbetrieben wieder das Gitzeln an. Auf dem Lindenhof der Familie Hodel in Schötz werfen die 40 bis 45 Milchziegen von Anfang bis Mitte Februar. Dies ist eine intensive Zeit für den erfahrenen Ziegenzüchter Thomas Hodel und seine Frau Agnes. «Die Fütterung der Ziege ist schwieriger als bei der Kuh. Vor allem während der Trächtigkeit und nach der Geburt sollte man ihr spezielle Beachtung schenken», weiss Hodel aus Erfahrung.

Die Geissen fressen zu wenig

In den letzten fünf bis sechs Wochen der Trächtigkeit wächst der Fötus am stärksten und damit auch der Nährstoffbedarf. «Er vermehrfacht sich, vor allem wenn die Geissen mit Mehrlingen trächtig sind. Wird ihnen dann nur Heu verfüttert, sind sie unterversorgt und es besteht das Risiko für untergewichtige, lebensschwache Gitzis. Bei dem Muttertier führt die sogenannte Trächtigkeitstoxikose zu Stoffwechselproblemen und Minderleistungen», weiss Bernhard Bütikofer von der Melior. Die Ursache liegt im tiefen Futterverzehr, weil das Pansenvolumen durch die Trächtigkeit stark reduziert ist. Dem ist man sich oft zu wenig bewusst, bestätigt auch Ziegenzüchter Thomas Hodel: «Die Bauern merken davon meist nichts, weil die Geissen durch die Trächtigkeit schön rund daherkommt. Erst nach dem Werfen fällt auf, dass sie eigentlich sehr mager ist.» Deshalb sei es wichtig, das Futter anzupassen. Ein wenig Kraftfutter drei Wochen vor dem Geburtstermin in der Grundfutterration gäbe den Muttertieren die nötige Energie. Wie hoch die Menge sein sollte, sei gemäss Bütikofer in der Fütterungsgrundlage für Wiederkäuer von der Agroscope, dem sogenannten «Grünen Buch», nachzuschlagen.

Nicht selten tritt bei den Geis­sen und später auch bei den Gitzis ein Selenmangel auf. Dies sollte auf jeden Fall durch die Gabe von Selen vorgebeugt werden, rät der Futterspezialist für Kleinwiederkäuer. Denn ein Mangel an Mineralstoffen wirke sich u. a. auf den Geburtsablauf und die Gesundheit der Gitzis aus. Vom Griff zum Schafmineralfutter rät er ab. Dieses sei nicht umsonst nur für Schafe geeignet. Da Ziegen einen normalen Kupferbedarf haben, würde der Einsatz eines Schafmineralfutters zu Kupfermangel führen.

Viel zu tiefe Zunahmen mit Pulverwasser

Nach der Geburt sollten die Gitzis sofort Biestmilch erhalten. «Hier kann man sich an der 3-Q-Regel orientieren: Quickly, Quality und Quantity – d. h. möglichst schnell, möglichst viel und von einer sehr guten Qualität sollte das Kolostrum sein», sagt Bernhard Bütikofer. Wenn dies nicht sichergestellt werde, erhalten die Gitzis einen schlechten Start und seien viel empfänglicher für alle möglichen Krankheiten. Thomas Hodels Gitzis erhalten noch zwei Tage nach der Geburt die nahrhafte Milch der Geissen dreimal täglich. Dabei sei unbedingt auf die Tränketemperatur zu achten: «Diese sollte 40°C betragen, sonst leiden die Jungtiere dann unter Durchfall. Ist die Milch angesäuert muss allerdings nicht auf die Temperatur geachtet werden», sagt er. Da die Ziegenherde von Thomas Hodel gut überschaubar ist, ist es dem Ziegenzüchter möglich, seine Gitzis selber anzutränken. «Einige Betriebe haben nicht die Zeit dafür, weshalb die Jungtiere auch zwei bis drei Tage bei der Mutter bleiben und erst danach an den Automaten kommen. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie dann Heisshunger darauf haben, am Automaten zu nuckeln. Daher lassen wir die Gitzis erst gar nicht bei der Mutter trinken.»

Heu allein deckt den Nährstoffbedarf einer trächtigen Ziege nicht
Die Gitzis werden bei Hodels selbst angetränkt und erhalten zirka ab dem 7. Lebenstag die gehaltreiche Milch der hofeigenen Milchkühe.

Nach vier bis fünf Tagen tränkt Hodel die Gitzis mit normaler Ziegenmilch über den Kessel. «Wenn sie daran selbstständig den Nuckel finden, sind sie soweit für den Automaten.» Nach gut einer Woche erhalten sie Kuhmilch von Hodels eigenen Kühen. «Wir geben Kuhmilch zum einen, weil sie mit 7,5 % Fett und Eiweiss gehaltreicher ist als Ziegenmilch mit 6,5 %. Zum anderen kann Pulvermilch als Milchersatz zu Blähungen und gros­sen Verlusten führen», weiss der Ziegenzüchter. Dies bestätigt auch Bütikofer: «Mit reinen Pulver-Wasser-Mischungen sind die Zunahmen in der Regel tiefer und das Risiko für Abgänge grös­ser. Nebst häufigeren Labmagen-Blähungen steigt insbesondere auch das Durchfallrisiko», erklärt er. Der Futterspezialist empfiehlt deshalb, dass die Ration idealerweise zur Hälfte aus Vollmilch bestehen soll.

Tränkezusätze haben sich bewährt

In den ersten Wochen benötigen die Gitzis einen Liter Flüssigkeit verteilt auf zwei bis drei Mahlzeiten. In der neunten Woche sollte die Flüssigkeitsgabe bei 2 bis 2,5 Litern pro Tag und Tier liegen. Zudem würde es nicht schaden, wenn man den Gitzis Tränkezusätze verabreicht. Vor allem bei Jungtieren, die nicht von der Mutter getränkt werden, hätten sich in den ersten zwei Wochen Eisenzusätze und verdauungsfördernde Stoffe zur Durchfallprophylaxe bewährt, sagt Bernhard Bütikofer. Die erste feste Nahrung aus Kraftfutter und Dürrfutter sollten die Gitzis möglichst früh erhalten, damit sie daran schon knabbern können. «So lernen sie spielerisch das Fressen.» Anstelle von blos­sem Heu und Aufzuchtfutter können auch sehr gut Trockenmischungen aus beiden Komponenten gefüttert werden, so Bütikofer.

Nach der Geburt ist der Nährstoffbedarf bei den Geissen erhöht

Nach der Geburt ist aber auch der Nährstoffbedarf der Geissen nicht ausser Acht zu lassen. «Der Närhstoffbedarf des Muttertieres steigt nach der Geburt wegen der Milchproduktion nochmals an. Die Krux ist allerdings, dass das Pansenvolumen noch reduziert ist. D. h. die Ziege kann nicht so viel fressen, wie sie eigentlich müsste. Sie ist deshalb in den ersten Wochen tendenziell unterversorgt bis sich der Pansen wieder auf seine normale Grösse ausdehnt», erklärt der Futterspezialist. Die Geissen verlieren dann stark an Gewicht und haben das nächste Mal Probleme, trächtig zu werden. Zudem wirke sich eine Nährstoffunterversorgung schlecht auf die Milchleistung aus, was sich bei Milchziegen im Ertrag und bei Mutterziegen im Wachstum der Gitzis widerspiegelt. Bernhard Bütikofer empfiehlt, bei verfetteten Ziegen oder bei hohen Milchleistungen nach der Geburt drei bis sechs Wochen lang Produkte mit Propylenglykol oder Isomaltolose zu geben. Weil aber ersteres eher als Medikament anzusehen ist, sollte es nur ganz gezielt bei Bedarf eingesetzt werden. Der Grundfutterverzehr erreiche erst nach rund sechs Wochen wieder Normalität. Thomas Hodel mischt seinen Mutterziegen nach der Geburt Dextrose ins lauwarme Wasser, um ihnen einen Energieschub zu geben.

Die häufigsten Probleme während der Geburt

Gewöhnlich läuft die Geburt bei Kleinwiederkäuern relativ normal ab. Probleme während des Geburtsablaufs können aber immer wieder auftreten: Muttermund wenig geöffnet: Wenn trotz Wehentätigkeit nach zwei Stunden die Geburt nicht fortschreitet, ist tierärztliche Hilfe zu holen. Oft muss ein Kaiserschnitt erfolgen. Vom gewaltsamen «Einbohren» der Hand wird abgeraten. Dies kann das Gewebe des Muttermundes zerreissen und zu starken Blutungen führen. Gebärmutterriss: Die Gebärmutterwand bei Ziegen ist relativ dünn. «Wenn man nicht super arbeitet, hat man schnell einen Riss. Das wäre das Todesurteil für die Ziege», weiss Thomas Hodel. Solche Gebärmutterrisse kommen bei Ziegen relativ häufig vor. Fehlerhafte Lage: Das Gitzi tritt nicht in den Geburtskanal oder steckt im Geburtskanal fest aufgrund von Querlage, Steisslage, Kopfverlagerungen und bei zurückgebeugten Beinen. «Am schlimmsten ist es, wenn der Kopf nach hinten gekippt ist. Dann muss man eine Schlinge um den Kopf legen, um die Geburt voranzutreiben. Diese Technik muss aber beherrscht werden», rät Thomas Hodel. Kann man die Lage des Gitzis nicht korrigieren, ist auch hier tierärztliche Hilfe nötig. Mehrlinge: Mehrlinge können sich gegenseitig den Eintritt in den Geburtskanal behindern. Ein Gitzi muss in diesem Fall zurückgeschoben und das andere unter leichter Zughilfe herausgezogen werden. Nachgeburt: I. d. R. geht die Nachgeburt innerhalb von 30 min bis zirka sechs Stunden nach der Geburt ab. Darüber hinaus sollte der Tierarzt dazu gezogen werden, sonst kann es zu einer Gebärmutterentzündung und zu abnehmendem Leistungspotenzial kommen. «Im schlimmsten Fall stirbt die Ziege daran», so der Züchter. Thomas Hodel verfüttert vorbeugend grüne junge Weisstannenzweige bis zu einem Monat nach der Geburt. «Damit wird die Gebärmutter gut versäubert», sagt er. Ist die Nachgeburt nicht auffindbar, kann es sein, dass sie von der Ziege gefressen wurde. Um das ausschliessen zu können, sollte diese nach der Geburt im Auge behalten werden. Weitere Informationen: www.kleinwiederkäuer.ch. Das Merkblatt Nr. 2 «Geburt und Geburtshilfe» ist für BGK-Mitglieder kostenlos.

Weiterlesen