ABO

Grossraubtiere: Herdenschutz früh genug optimieren

Herdenschutzberatungen werden noch eher selten in Anspruch genommen. Die BauernZeitung war bei einer solcher dabei.

Nur rund ein Dutzend Herdenschutzberatungen gab es bisher im Kanton Schwyz. Eine davon fand Mitte November auf der Alp Sömmerigsroos im Wägital statt. Gemeinsam fahren der Herdenschutzbeauftragte Bruno Zähner, Alpmeister Roland Käppeli und der BauernZeitung-Reporter eine Viertelstunde lang auf dem Fahrweg durchs Trepsental bis zum Ramseli auf gut 1000 m ü. M. «Anfang November fand man in diesem Gebiet auf einer Vorweide vier tote Schafe, der Tierbesitzer vermutet Wolfsrisse», erklärt Roland Käppeli auf der Fahrt.

Für Wölfe prädestiniert

Dieser Vorfall wurde der Wildhut gemeldet, was aber leider nicht immer so sei, ergänzt Bruno Zähner und betont: «Es ist enorm wichtig, dass solche Ereignisse schnellstmöglich gemeldet würden.» Das Gebiet Trepsental sei dafür prädestiniert, dass sich da in Zukunft Wölfe niederlassen würden. «Ein weitläufiges abgelegenes Waldgebiet mit einem sehr hohen Rotwildbestand, das entspricht genau dem bevorzugten Habitat des Wolfes», so Zähner. Bis zum Gebiet Ramseli kann Schafzüchter Roland Käppeli seine Tiere im Frühjahr jeweils mit dem Anhänger transportieren, ab hier geht es dann zu Fuss weiter. Auf einem schmalen Pfad geht es sehr steil nach oben. «Die Tiere bewältigten den Aufstieg problemlos», so Roland Käppeli, der das Amt des Vizepräsidenten des Zürcher Kantonalen Schafzuchtgenossenschaft-BFS innehat.

Zusammenarbeit ist alles

250 Höhenmeter weiter oben sind wir beim Einstieg zur Alp Sömmerigsroos. Die rund 100 Meter breite und steile Waldweide wird links von einer tiefen Runse und rechts von steilen Felswänden abgegrenzt. Bisher wurde der untere Zugang mit einem Knotengitter abgezäunt. «Es ist wichtig, dass dieser Eintritt mit dem bestmöglichen Grundschutz gesichert wird. Ideal wäre ein 105 cm hohes Flexinetz mit Flatterbändern und einem starken Viehhüter», schlägt Bruno Zähner vor. Dazu empfiehlt er, zwei Zustiege über die Felsbänder ebenfalls auszuzäunen. Die Alp ist bereits heute mittels Flexinetzen in drei Weidekoppeln eingeteilt. «Wichtig ist, dass die Netze der oberen zwei Koppeln bereits Anfang Alpsommer aufgestellt und unter Strom gestellt werden», so Zähner. «Hier bestehen aber Zielkonflikte mit der Wildhut. Wirksamer Herdenschutz verlangt Flexinetz-Zäune mit Strom, weil der Wolf bei fixen Zäunen unten durch geht. Die Wildhut fordert hingegen, dass die Flexinetze nur während der Zeitphase stehen bleiben, wo die Weidetiere auch vor Ort sind», erklärt Bruno Zähner. Eine konstruktive Zusammenarbeit aller Parteien sei beim Thema Wolfsschutz unabdingbar.

Gut gespannte Flexinetze

Auf der Alp Sömmerigsroos sind bei der Begehung viele Gämsen auszumachen, mehrere Wildwechsel führen über die Weideflächen. «Es ist bekannt, dass auch Wölfe diese Routen gerne benutzen», erklärt Zähner. Alpmeister Roland Käppeli hat beobachtet, dass gut gespannte Flexinetze mit starker Stromspannung kaum Probleme für das Wild darstellen, es umgehe diese. Dem pflichtet Zähner bei. Das gleiche Verhalten zeige auch der Wolf. Schlecht gestellte Flexinetze würden den Wolf zu wenig abschrecken. «Im Gegenteil, solche Zäune lernen Jungwölfe sogar, dass diese einfach zu überwinden sind.»Darum sei es so wichtig, dass auch die Schafnetze im Tal und auf den Vorweiden immer gut gespannt und ausreichend elektrifiziert seien.

«Schutzhunde sind hier zu gefährlich.»

Herdenschutzberater Bruno Zähner über Massnahmen im steilen Gelände.

Schutzhunde nicht ideal

Wir steigen weiter durch den sehr steilen Weidgang hoch. «Herdenschutzhunde sind bei diesen topografischen Verhältnissen zu gefährlich», erklärt Bruno Zähner, welcher selber langjährige Erfahrung auf Schafalpen hat. «Das Problem mit Wanderern besteht hier zwar nicht, da dieses Gebiet kaum begangen wird. Aber Schutzhunde führen in Schafherden immer zu einer gewissen Unruhe. Das könnte sich für die Schafe in diesem absturzgefährdeten Gebiet aber fatal auswirken.» Auch seien Herdenschutzhunde aktuell für so kleine Schafherden gar nicht verfügbar. Zähner schlägt Roland Käppeli deshalb vor, dessen drei eigene Esel vom Betrieb in Uetikon am See auf die Schaf-alp aufzutreiben. Er betont aber: «Gegenüber Einzelwölfen haben Esel zwar eine abschreckende Wirkung. Diese sind aber keinesfalls gleichwertig mit Schutzhunden.»

Wolfssichtung im August

Wir steigen weiter auf. Auf 1600 m ü. M. wird die Alp offener. Die dritte und oberste Weideparzelle zeigt sich als lang gezogener steiler Südhang. Auch hier schlägt Herdenschutzexperte Zähner vor, die bestehenden 90er-Flexinetze mit 105er-Netzen zu ersetzen. «Zudem würde ich diese mit Blinkleuchten ergänzen, damit sich möglichst keine Wildtiere in den Zäunen verfangen». Die Rundumsicht auf die Alviergruppe zwischen Chöpfenberg und Tierberg ist hier oben eindrücklich. Schäfer Roland Käppeli zeigt auf einen rund 200 Meter breiten Bereich zwischen zwei Felsbändern, welcher ausserhalb seiner Alp liegt. «Diesen Durchgang habe ich im August sofort mit sechs Netzen abgezäunt, als ich hörte, dass es auf der unten liegenden Kuhalp eine bestätige Wolfssichtung gab». Diese war für Roland Käppeli auch ein Grund, die Beratung in Anspruch zu nehmen. «Ich will den Grundschutz auf den nächsten Alpsommer möglichst optimiert haben.» An Herdenschutzmassnahmen müssten sich Mensch und Tiere erst gewöhnen. «Die Umsetzung des Herdenschutzes hat auch immer Veränderungen in der Bewirtschaftung zur Folge», so Zähner weiter. Das könne aber auch zu Verbesserungen in der Alpbewirtschaftung führen.

«Ich will den Grundschutz optimiert haben.»

Älpler und Schafhalter Roland Käppeli liess sich vom Profi beraten.

Nicht wirtschaftlich

Um die 40 neue 105 cm hohe Flexinetze, neue Viehhüter und einige Blinkleuchten müsste sich Roland Käppeli anschaffen, um alle empfohlenen Massnahmen umsetzen zu können. Von den Kosten für die Netze werden 80 Prozent vom Bund übernommen. Die Beratung selber wird vom Kanton Schwyz finanziert. Nicht entschädigt wird aber der Mehraufwand von Roland Käppeli. Dieser ist zwar überschaubar, dennoch stellt sich die Frage: Lohnt sich dieser Aufwand für knapp 70 Schafe? Roland Käppeli erklärt: «Die Bewirtschaftung der Alp müsste aus betriebswirtschaftlicher Sicht mit oder ohne Herdenschutz aufgegeben werden. Der Schutz der Zuchtschafe ist mir aber sehr wichtig. Auch die Alp selber ist für mich eine Herzensangelegenheit, die Biodiversität würde bei einer Aufgabe stark zurückgehen. Und die Kontrollgänge sind für mich, trotz dem einstündigen Anfahrtsweg, ein guter Ausgleich zum Alltag.» Er rechne damit, dass zukünftig in der Region ein Wolfsrudel leben werde. Und Bruno Zähner ergänzt abschliessend sinnbildlich: «Es ist besser, jetzt einen Feuerlöscher bereitstellen, als in ein paar Jahren einen Grossbrand löschen zu müssen.»

Ansprechpartner Kanton Schwyz bei Wolfssichtung/-riss ist der zuständige Wildhüter. Für Herdenschutzberatung das Amt für Landwirtschaft, Koordinator Herdenschutz Erich von Ah: www.sz.ch/landwirtschaft

Die steile Alp Sömmerigsroos

Die Alp Sömmerigsroos ist eine Privatalp, welche seit 2019 an Roland Käppeli verpachtet ist. Sie liegt im Trepsental unterhalb des Chöpfenberg und gehört zum Gemeindegebiet von Wägital. Die Alpweiden ziehen sich
von gut 1200 m ü. M. bis auf fast 1800 m ü. M. Zwischen 50 und 70 Schafe von sechs Tierbesitzern, fast alle der Rasse Braunköpfiges Fleischschaf, weiden während rund 110 Tagen auf den steilen Alpweiden.

Grossraubtiere: Herdenschutz früh genug optimieren

Bei der bestätigten Wolfssichtung im August erstellte Roland Käppeli zwischen den Felsbändern einen Flexinetz-Zaun.

Weiterlesen