In den vergangenen Wochen wurden im Entlebuch Ziegen in Finsterwald und Schafe in Sörenberg gerissen. Einige Herden sind bereits wieder zurück im Tal.
Hella Schnider, wie nehmen Sie, selbst Älplerin und LBV-Vorstandsmitglied, die Stimmung wahr?
Hella Schnider: Die Stimmung ist, wie immer nach einem Rissereignis, sehr emotional. Die Direktbetroffenen sind frustriert, verärgert, fühlen sich hilflos und fragen sich, «wie weiter, was passiert als Nächstes?». Es ist im Bewusstsein noch präsenter als sonst, dass nichts und niemand vor einem Riss gänzlich geschützt ist oder geschützt werden kann.
Alpen werden bekanntlich unterteilt in «schützbar» und «nicht zumutbar schützbar». Wie ist die Situation im Entlebuch?
Es gibt beide Kategorien. Dort, wo es möglich ist, werden die verschiedenen Herdenschutzmassnahmen umgesetzt.
Herdenschutz mit Hunden und Netzen kommt nicht nur gut an. Was bekommen Sie mit als Gemeindepräsidentin?
Das ist so, dass die Herdenschutzmassnahmen ein grosses Konfliktpotenzial mit dem Tourismus und der Jägerschaft enthalten. Das spüren wir in Flühli besonders im Tourismus und mit den Herdenschutzhunden seit Jahren. Darum arbeiten wir eng mit unseren Tourismusverantwortlichen zusammen, um die Probleme gemeinsam so gut wie möglich zu entschärfen. Die Herdenschutzmassnahmen an und für sich werden dabei nicht infrage gestellt. Wir haben gemeinsam ein innovatives Projekt lanciert, das vom Kanton unterstützt wird.
Dabei statten wir Herdenschutzhunde, aber auch Mutterkuhherden mit Alptrackern aus. So können ihre Standorte von den Wandernden per Smartphone eruiert und allenfalls umlaufen werden. Das ist eine «weiche» Massnahme, die das eigentliche Problem aber nicht aus der Welt schafft. Man muss daher auch bewusst machen, dass wenn die Bevölkerung den Wolf will, die Auswirkungen auch gemeinsam getragen werden müssen. Also auch, wenn man sich als Tourist in der Natur bewegt. Für unsere Gemeinde kann ich sagen, dass wir mit der Jägerschaft ein gutes Einvernehmen haben.
Man hört, der LBV sei bezüglich Grossraubtiere im Gespräch mit dem Kanton. Um was geht es?
Der LBV hat im vergangenen Jahr eine Task Force Wolf gebildet, in der der LBV als Leader, der Alpwirtschaftliche Verein des Kantons Luzern sowie die Schafhalter vertreten sind. Weitere Anspruchsgruppen können eingebunden werden und auch eine Einbindung von Jagd Luzern ist angedacht. Wir sind an den Kanton mit einem Fragen- und Forderungskatalog gelangt und wollen in der Diskussion eine bestmögliche Ausgangslage zur Bewältigung der bestehenden und kommenden Probleme schaffen. Auch die Beschreitung des politischen Weges über den Kantonsrat, falls nötig, wird so besser vorbereitet.
Ist eine Art Wolfsfeuerwehr auch in Luzern ein Thema?
Auch das ist ein Thema und wir prüfen momentan gemeinsam mit dem Kanton, ob und wie ein solches Projekt in Luzern umsetzbar ist.
National werden Unterschriften gesammelt für die Volksinitiative «Zum Schutz von Mensch, Haus- und Nutztier vor dem Wolf», kurz «Wolfs-Initiative», wo es um die Aufhebung des Schutzes geht.
Der LBV begrüsst die Initiative, da sie für einmal nicht aus landwirtschaftlichen, sondern aus privaten Kreisen kommt. Der in Bern bereits eingeschlagene Weg zur Regulierung des Wolfes ist richtig und nötig, aber noch nicht ausreichend. Das soll die Initiative verdeutlichen und unterstützend für den weiteren Weg wirken.
Persönlich bin ich der Meinung, dass wir auf dem richtigen Weg sind, aber noch nicht angekommen. Die Schweiz ist sehr kleinflächig, und viele Ansprüche, wie die Land- und Alpwirtschaft, damit die Erhaltung der Kulturlandschaft und die Nahrungsmittelproduktion, Tourismus und vieles mehr, müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Das aber oft auf dem Rücken Einzelner. Die Diskussion muss weitergeführt werden, da ist eine solche Initiative ein gewichtiges Zeichen.
Zur Person
Hella Schnider ist Vorstandsmitglied des Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverbands (LBV) und Gemeindepräsidentin von Flühli LU. Der Landwirtschaftsbetrieb mit Alp wird seit 2021 von Sohn Roman geführt.

