ABO

Ernährungs-Initiative: Luzerner Beizer warnen vor weniger Wahlfreiheit und höheren Kosten

Gastro Luzern, Gewerbe und Gemüseproduzenten unterstützen die Landwirtschaft gegen die Initiative, über die das Volk am 27. September 2026 abstimmen wird. Sie warnen vor Vorgaben, höheren Preisen und Nachteilen beim Saatgut.

Vergangene Woche lancierte der Luzerner Bäuerinnen- und Bauernverband (LBV) den Abstimmungskampf gegen die Ernährungs-Initiative auf dem Ober-Grundhof bei Landwirt Patrick Schmid in Emmen LU.

Und dieses Mal nicht allein. Im Komitee machen auch der Luzerner Gewerbeverband, Gastro Luzern und die Luzerner Gemüseproduzenten mit. Wobei Abstimmungskampf zumindest im Moment noch der falsche Begriff ist. Wohl noch nie bekam eine Initiative aus Politik und Verbänden so wenig Unterstützung.

Es droht der finanzielle Ruin

Und die Hauptbetroffenen, also die Landwirtinnen und Landwirte, scheinen nach mehreren ähnlichen Kampagnen und dem Hitzesommer 2026 müde. So der Eindruck an der Basis. Dies gilt nicht für LBV-Präsident Markus Kretz. Er nimmt die Abstimmung nicht auf die leichte Schulter. Der starke Agrarkanton Luzern wäre besonders betroffen, erklärte er an der Medienkonferenz: «Die sogenannte ‹Ernährungs-Initiative› von Franziska Herren fordert einen radikalen Systemwechsel innert nur zehn Jahren», so Kretz.

Viele Höfe investierten Millionenbeträge in moderne Infrastruktur, Tierwohl und nachhaltige Produktionsmethoden. Solche Investitionen amortisieren sich oft erst über Jahrzehnte, erklärte er. «Eine Annahme dieser ideologischen Vorgaben würde unzählige Familienbetriebe finanziell in den Ruin treiben.»

Das formulierte Ziel von 70 Prozent Selbstversorgung töne verlockend, sei aber utopisch. Der Wert liesse sich in der Schweiz nur durch einen staatlich verordneten Veganzwang erreichen, führt Kretz weiter aus. «Franziska Herren ignoriert, dass die Schweizer Landwirtschaft auf allen Ebenen bereits intensiv daran arbeitet, die Nachhaltigkeit kontinuierlich weiter zu verbessern.»

Gewerbe fürchtet sich vor noch mehr Bürokratie

Gastronomie und Gewerbe machen offenbar im Alltag ähnliche Erfahrungen wie die Landwirtschaft. Allesamt fürchten sie sich vor mehr Staat und noch mehr Bürokratie. Auch Chantal Brauchli, Präsidentin KMU- und Gewerbeverband Kanton Luzern. Der vorgeschlagene Weg gehe deutlich zu weit.

«Er bedeutet mehr staatliche Eingriffe, mehr Regulierung und zusätzliche Belastungen für unsere Unternehmen», so Brauchli. Viele der Mitglieder seien eng mit der Landwirtschaft, der Lebensmittelverarbeitung, dem Detailhandel oder der Gastronomie verbunden. Man sei überzeugt, dass Innovation, Eigenverantwortung und marktwirtschaftliche Anreize bessere Lösungen hervorbringen als immer neue Vorschriften.

Angebot und Nachfrage beim Gemüse im Gleichgewicht halten

Auch im Gegenkomitee vertreten sind die Luzerner Gemüseproduzenten. Erstaunlich, ein «Veganzwang» müsste ihnen in die Karten spielen. «Als Gemüseproduzent kann ich Ihnen sagen: So einfach ist es leider nicht», stellte Kilian Boog, Präsident der Vereinigung, klar. Gemüsebau gehöre zu den anspruchsvollsten Produktionszweigen der Schweizer Landwirtschaft. Jede der über 60 angebauten Kulturen stellt andere Ansprüche an Boden, Klima, Wasser und Bewirtschaftung.

Ein nasser Frühling, eine längere Trockenperiode oder ein starker Schädlingsdruck können gemäss Boog innert weniger Wochen grosse Teile einer Ernte gefährden oder ganz vernichten. Gemüse lasse sich nicht überall anbauen.

«Zudem stehen wir unter dem Druck der Raumplanung», sagte Boog. Mehr Schweizer Gemüse bedeute nicht automatisch mehr Ernährungssicherheit. Versorgungssicherheit bedeutet für ihn, Angebot und Nachfrage im Gleichgewicht zu halten. Besonders kritisch sehen die Gemüseproduzenten die Vorgaben der Initiative beim Saatgut. Der professionelle Gemüsebau ist auf moderne Sorten angewiesen. Bei Annahme der Initiative würden Fortschritte in der Pflanzenzüchtung verloren gehen.

Wer entscheidet über das Angebot?

Wer weiss besser als die Beizer, was die Gäste auf dem Tisch haben möchten? Auch Moritz Rogger, Vorstandsmitglied Gastro Luzern, plädiert für Freiheit und Eigenverantwortung. Die Schweiz sei ein Land der Vielfalt.

«Das gilt für unsere Regionen, unsere Kulturen, unsere Traditionen und ganz besonders für unsere Essgewohnheiten.» Jeden Tag begrüssten Restaurants, Hotels und Cafés Menschen mit unterschiedlichsten Bedürfnissen. Die Stärke der Branche sei, all diesen Menschen etwas anbieten zu können. «Gastfreundschaft bedeutet Wahlfreiheit», sagte Rogger. Die Ernährungs-Initiative greife in ein empfindliches Zusammenspiel von Landwirtschaft, Lebensmittelwirtschaft, Gastronomie und Konsumentinnen und Konsumenten ein.

Für die Gastronomie stelle sich die Frage, wer künftig über das Angebot entscheidet. Die Gäste oder die Politik? Und wer höhere Kosten verursache, müsse auch beantworten können, wer diese bezahle. Die Erfahrung der Beizer zeige: Am Ende bezahlen die Gäste. «Auswärts essen gehen darf kein Luxus werden», so Rogger.

Weiterlesen

  • Vielerorts kommt der Mais bereits ins Silo. Wie gross das Risiko ist, dass wegen Rückständen danach vorerst gar nichts wächst, ist schwer abzuschätzen.

    Nach vorzeitiger Maisernte: Vorsicht aktive Herbizide – da wächst kein Futter

    Der Abbau der Wirkstoffe braucht Wasser. Das fehlte wochenlang. Intensive Bodenbearbeitung kann laut Fachleuten das Risiko senken, dass nach der Saat wegen Herbizidresten nichts wächst. Kressetest und Pflügen senken das Risiko.
    Show more
  • Der Wald schlägt Wurzeln an der OHA in Thun

  • Siliermittel im Silo: Wann sie Futterverluste mindern – und wann sie unnötig sind

    ABO