Kurz & bündig
-In der Schweiz sind zahlreiche Klimarechner auf dem Markt. - Einen Leitfaden, der jeden Betrieb zu dem passenden Klimarechner führt, gibt es bislang nicht. - Während einige Rechner sich auf die einzelbetrieblichen Daten fokussieren, basieren andere auf zusammengefassten Daten. - Bislang erhalten nur Mitglieder der Agroimpact-Initiative Vergütungen ihrer Klimaleistungen.
Mithilfe von diversen Klimarechnern sollen LandwirtInnen die Klimabilanz des eigenen Betriebes bewerten und verbessern können. Ziel ist es, herauszufinden, welche Massnahmen die effizienteste CO₂‑Reduzierung ermöglichen. Der Klimarechner zeigt also auf, was die eigenen Emissionen am stärksten reduzieren kann. Jedes eingesparte Kilo CO₂ kann dann finanziell vergütet werden. Alternativ wird jede umgesetzte CO₂‑reduzierende Massnahme vergütet. Bis dahin kann es allerdings für Betriebsleitende administrativ ein langer Weg sein.
Bilanzierungstools bieten neue Perspektive auf dem eigenen Hof
Wie profitieren die Landwirtinnen und Landwirte also aktuell von der Nutzung der Klimarechner? Nicole Ramsebner von der IP-Suisse, Abteilung Nachhaltigkeit, erklärt, dass die Bilanzierungstools zwar spannend seien und eine neue Perspektive auf den eigenen Hof bringen können. Jedoch zeigten Praxistests eindeutig, dass die Ergebnisse ohne Beratung und Hilfe bei der Interpretation schnell frustrieren können. Vor allem, weil auch äussere Bedingungen wie das Wetter einen grossen Einfluss haben.
Oft sei unklar, was die einzelnen Betriebe dann unternehmen können. «Deshalb setzen wir bei IP-Suisse, in Zusammenarbeit mit Bio Suisse, auf einen anderen Ansatz. Wir stellen den Betrieben in unserem Onlineportal eine Liste von Klimaschutzmassnahmen zur Verfügung. Die Betriebe müssen diese jährlich ausfüllen und angeben, ob und in welchem Umfang sie Klimaschutzmassnahmen durchführen. Für jede Massnahme ist eine Klimawirkung hinterlegt, ausgedrückt in CO₂-Äquivalenten (CO₂eq). Das ist administrativ viel einfacher, die Liste ist innerhalb von 30 Minuten ausgefüllt und zeigt konkrete Handlungsoptionen auf», so Ramsebner.
Bereits seit 2021 arbeiten Labelbetriebe bei IP-Suisse mit dem Klimapunktesystem. Anfang 2026 wird eine neue Version davon online gehen. Diese beinhaltet neue Massnahmen und einige Verbesserungen. «Im Grundsatz bleibt das System aber das gleiche», sagt Ramsebner.
140 Franken pro Tonne eingespartes CO2
Das Klimapunktesystem von IP-Suisse zeigt die Klimaleistungen der Labelbetriebe auf. Vergütet werden diese jedoch noch nicht. Bislang ist Agroimpact die einzige Initiative, die Klimaschutzbemühungen von Landwirtinnen und Landwirten in mehreren Produktionszweigen abdeckt und auch finanziell honoriert, erklärt Selina Fischer, die beim Schweizer Bauernverband (SBV) für den Bereich Klima und Inwertsetzung von Leistungen entlang der Wertschöpfungskette zuständig ist.
Bei Agroimpact wird ein Preis pro Tonne CO₂ festgelegt. Dieser beträgt aktuell 140 Franken pro eingesparte Tonne CO₂. Die Höhe des Preises ergibt sich jeweils aus Angebot und Nachfrage. Agroimpact ist eine sektorübergreifende Allianz, die von Prométerre 2023 ins Leben gerufen wurde. Die Initiative umfasst Akteure aus Landwirtschaft, Industrie, Wissenschaft sowie Umwelt und will klimaverträgliche Praktiken auf den landwirtschaftlichen Betrieben einführen. Mitinitiator und Partner von Agroimpact ist das Lebensmittel- und Getränkeunternehmen Nestlé.
«Der SBV ist seit 2024 Agroimpact-Mitglied. Er vertritt in diesem Zusammenhang die Interessen der Landwirtinnen und Landwirte, indem er sich für Themen wie die angemessene Vergütung von Klimaschutzleistungen einbringt», erklärt Selina Fischer. LandwirtInnen, die sich der Agroimpact-Initiative angeschlossen haben, können ihre nachgewiesenen Emissionsreduktionen bereits heute finanziell abgelten lassen: indem Abnehmende mit dem Kauf von CO₂-reduzierten Rohstoffen die zusätzlich erbrachten Klimaschutzleistungen der Landwirtschaft vergüten, um diese Reduktionen in ihrer eigenen CO₂-Bilanz ausweisen zu dürfen.
Kein Rosinenpicken durch Abnehmer bei CO2-Bilanzen
Wie Nicole Ramsebner erklärt, will IP-Suisse die Klimadaten ihrer Betriebe in einem nächsten Schritt auf dem Markt in Wert setzen. Dabei setzt die Labelorganisation bewusst auf zusammengefasste Daten, anstatt einzelbetriebliche CO₂-Daten pro kg Rohstoff weiterzugegeben. «Das führt aus unserer Sicht sonst zu einem unnötigen Rosinenpicken von Abnehmern aufgrund von CO₂-Bilanzen», so Ramsebner. Eine faire Finanzierung von Klimaschutz sei entscheidend, denn auch die Umsetzung der Reduktionsmassnahmen sei oft mit zusätzlichen Kosten verbunden.
Hat eine finanzielle Vergütung allerdings nicht zur Folge, dass fortschrittliche Betriebe mit geringem Einsparungspotenzial am Schluss weniger Geld bekommen, weil sie die Emissionen schlichtweg nicht weiter reduzieren können? «Es stimmt, dass rein reduktionsbasierte Vergütungssysteme tendenziell jene Betriebe bevorzugen, die noch ein grosses technisches Reduktionspotenzial haben. Betriebe mit bereits tiefen Emissionen können in solchen Modellen weniger zusätzliche Einsparungen ausweisen – und erhalten deshalb möglicherweise tiefere Zahlungen», bestätigt Nicole Ramsebner.

«Die Ergebnisse können ohne Beratung schnell frustrieren.»
Nicole Ramsebner, IP-Suisse
IP-Suisse verfolge daher bewusst einen anderen Weg: «Unser Ansatz anerkennt kontinuierliche Verbesserungen, aber genauso die bereits erreichte Leistung. Wir sind der Meinung, dass auch diese Pionierleistungen honoriert werden müssen. Dadurch geraten fortschrittliche Betriebe nicht in einen Nachteil.»
Es gibt noch nicht den einen Klimarechner für die Schweiz
Ob nun die Organisation Agroimpact, die Ressourcenprojekte «Klimastar Milch» und «AgroCO₂ncept», der Klimarechner der Branchenorganisation Milch (BOM) oder das Klimapunktesystem – die Entscheidung, welcher Klimarechner zum eigenen Betrieb passt, ist nicht so leicht.
Selina Fischer ordnet ein: «Die Entscheidung für oder gegen einen Klimarechner ist anspruchsvoll, da es einerseits spezialisierte Tools wie den Klimarechner der Branchenorganisation Milch für Milchviehbetriebe gibt und andererseits umfassendere betriebliche Rechner wie das World Climate Farm Tool, die verschiedene Betriebszweige abdecken.»
Leider gebe es zum heutigen Zeitpunkt noch keinen Leitfaden, der jeden Betrieb zu seinem «richtigen» Klimarechner führen könne, so Fischer. Diese Herausforderung sei dem SBV und anderen landwirtschaftlichen Organisationen bewusst, weshalb man sich im Rahmen des «Klimabündnisses Lebensmittel» für klare Rahmenbedingungen und Grundlagen, die unabhängig vom gewählten Klimarechner gelten, einsetze. Ein einheitlicher Klimarechner für alle Schweizer Betriebe sei zwar die Wunschvorstellung, wäre aber sehr schwierig umzusetzen, stellt Fischer klar. Deshalb setze sich der SBV dafür ein, bestehende Ansätze zu konkretisieren und die Kompatibilität verschiedener Systeme sicherzustellen.

«Es gibt noch keinen Leitfadenzum richtigen Rechner.»
Selina Fischer, SBV
Im Klimabündnis Lebensmittel werde diese Herausforderung von Vertreterinnen und Vertretern aller Wertschöpfungsstufen aktiv angegangen. Dabei orientiere sich das Bündnis an Eckpunkten der Absichtserklärung vom Juni 2025:
- Klare Ausweisung von Klimaschutzleistungen in der Wertschöpfungskette
- Einheitlich berechnete Emissionsfaktoren für relevante Rohstoffe
- Standardisierter Datenaustausch über eine neutrale Plattform
- Faire Finanzierungsmodelle umfassen
Fakt ist, dass die Daten jedes Klimarechners Verarbeitern, Handel und Industrie helfen sollen, die Emissionen ihrer Lieferkette einzuschätzen, eigene Klimaziele zu belegen und CO₂-reduzierte Rohstoffe zu beziehen, erklärt Selina Fischer. Eine gute Datengrundlage bedeute auch, dass Doppelzählungen vermieden werden können und die Angaben somit für alle Beteiligten vertrauenswürdig sind. Wichtig sei dabei, dass die Daten strengem Datenschutz unterliegen.
Forschung und Landwirtschaft arbeiten zusammen
Und welche Vorteile bestehen für die Firmen, welche die Klimarechner (mit-)entwickeln? «In der Schweiz kann man nicht pauschal von ‹Firmen› sprechen: Der Klimarechner der Branchenorganisation Milch wurde in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften (HAFL) entwickelt. Andere Tools stammen aus dem Ausland und werden international eingesetzt, aber auch das französische Cap’2ER wurde vom L’institut de l’Élevage (Idele) zusammen mit der Forschung entwickelt», erklärt Selina Fischer. Generell zeichne sich ab, dass die Zusammenarbeit zwischen der Landwirtschaft und der Forschung in diesem Zusammenhang eine wichtige treibende Kraft ist.
Auch beim Klimapunktesystem ist dies der Fall: IP-Suisse und Bio Suisse setzen dieses gemeinsam mit Agroscope um. Nicole Ramsebner erklärt den Prozess genauer: «Die Daten der LandwirtInnen werden anonymisiert an Agroscope weitergeleitet. Statt die Emissionen jedes Betriebs einzeln zu erheben, werden die Gesamtemissionen aus der IP-Suisse-Produktion oder dem Schweizer Biolandbau berücksichtigt.» Agroscope berechnet nach der Datenübermittlung den Klimafussabdruck der IP-Suisse-Produktion sowohl gesamthaft wie pro kg Rohstoff. Dabei stützt Agroscope sich auf bestehende Daten, die Labelrichtlinien und zahlreiche spezifische Studien. Zudem zeigt Agroscope auf, wie viel CO2 durch die Umsetzung von Massnahmen eingespart werden kann.
Eine Ökobilanz prüft, ob Massnahmen nicht zulasten von Biodiversität oder anderen Ressourcen gehen. «Diese Auswertungen erhalten wir als Label dann zurück», so Ramsebner. Durch die Einbeziehung bestehender Daten im Hintergrund eigne sich das System besonders für die grosse Skalierung auf die 10'000 IP-Suisse- und die 7500 Bio-Suisse-Betriebe.

