Kurz & bündig
- Nicht jede Gründüngung eignet sich als Futter.
- Entwicklungsstadium und Nitratgehalt sind entscheidend.
- Geeignete Bestände vorsichtig und passend zur Ration verfüttern.
Der heisse und trockene Sommer setzt dem Futterbau zu. Das Futter ist knapp, die Winterreserven sind bereits angezapft. Da liegt der Gedanke nahe, die Gründüngung als zusätzliche Futterquelle zu nutzen. Doch was für den Boden gut ist, muss nicht automatisch auch gutes Futter sein. Vor der Nutzung lohnt sich deshalb ein genauer Blick auf den Bestand.
Entscheidend ist, was tatsächlich wächst
Gründüngungsmischungen werden in erster Linie nach ihrer Wirkung auf den Boden zusammengestellt. In der Tierfütterung wird dagegen zwischen Futterpflanzen und Nicht-Futterpflanzen unterschieden. Nicht-Futterpflanzen können beispielsweise Bitterstoffe, Senföle, starke Behaarung oder Giftstoffe enthalten. Dazu gehören unter anderem Phacelia, Senf, Ölrettich, Guizotia oder Bitterlupinen. Auch bei Sorghum ist insbesondere im Jugendstadium Vorsicht geboten.

Hinzu kommen Pflanzen, die sich ungeplant im Bestand entwickeln. Gerade nach Trockenperioden können einzelne ausgesäte Arten ausfallen und andere Pflanzen oder Unkräuter die Lücken besetzen. Giftige Ackerunkräuter wie Klatschmohn, Storchenschnabel, Wolfsmilch oder Kornrade dürfen deshalb nicht übersehen werden.
Hanspeter Hug, Futterberater und Gründüngungsexperte am Strickhof, bringt es auf den Punkt: «Die Mischung, die ausgesät wurde, ist nicht zwingend jene, die später auf dem Feld steht.»
Als Futterpflanzen eignen sich dagegen beispielsweise Futterraps, Alexandriner- und Perserklee, Sommerwicken, Grasigerbsen und Ackerbohnen. Auch Hafer, Roggen, Triticale sowie Westerwoldisches und Italienisches Raigras kommen infrage. Entscheidend bleibt aber immer der konkrete Bestand.
Entwicklungsstadium beeinflusst den Futterwert
Neben der Pflanzenart spielt auch der Zeitpunkt der Nutzung eine wichtige Rolle. Junge Pflanzen sind meist nährstoffreich und gut verdaulich. Mit zunehmender Reife werden sie faserreicher und härter. Dadurch sinkt die Futterqualität. Besonders wenn die Pflanzen zu blühen beginnen und später Körner bilden, nimmt der Anteil an schwerer verdaulichen Pflanzenteilen zu.
Dabei entwickeln sich die verschiedenen Pflanzenarten unterschiedlich schnell. Deshalb sollte nicht einfach nach dem Alter des Bestandes entschieden werden. Wichtiger ist die Frage: Wie sehen die einzelnen Pflanzen jetzt aus? Sind sie noch jung und blattreich oder stehen sie bereits in der Blüte und beginnen Körner zu bilden?
Bei Pflanzen, die den Winter überstehen, ist die Situation etwas anders. Sie bleiben im Herbst meist noch jung und blattreich und bilden noch keine Blüten. Schnell wachsende Herbstpflanzen können dagegen bereits früh blühen und dadurch als Futter an Qualität verlieren.
Nitrat: Das Risiko ist nicht sichtbar
Ein weiterer kritischer Punkt ist Nitrat. Bei hohem Stickstoffangebot und gleichzeitig eingeschränktem Pflanzenwachstum können die Pflanzen viel Nitrat aufnehmen. Das ist besonders relevant, wenn nach einer Trockenperiode wieder Wasser zur Verfügung steht oder generell hohe Stickstoffmengen im Boden vorhanden sind.

«Aktuell sind die Nitratwerte in den Böden aussergewöhnlich hoch, das bringt höhere Nitratwerte in der Pflanze.»
Hanspeter Hug, Strickhof
Ein hoher Nitratgehalt ist dem Aufwuchs nicht anzusehen. Deshalb sollten zweifelhafte Bestände nicht einfach in grossen Mengen verfüttert werden. Bei Unsicherheit kann eine Futteranalyse sinnvoll sein. Protein- und nitratreiche, gleichzeitig strukturlose Bestände können zu Blähungen oder sogar zu Nitratvergiftungen führen. Gefährdet sind Wiederkäuer ebenso wie Equiden.
Frisch verfüttern: Vorsichtig in die Ration einbauen
Ist der Bestand grundsätzlich geeignet, kann der Aufwuchs frisch verfüttert werden. Gerade junge Bestände enthalten allerdings häufig viel Wasser und Rohprotein, aber wenig Struktur. Deshalb sollte die Menge langsam gesteigert werden. Die Tiere sollten weiterhin ausreichend strukturiertes Grundfutter erhalten und nicht plötzlich grosse Mengen des jungen Aufwuchses aufnehmen.

Bei Milchvieh muss die gesamte Ration berücksichtigt werden. Ein Gemenge aus Alexandrinerklee, Sommerwicke, Ackerbohne, (Sand-)Hafer und Grasigerbsen ist beispielsweise sehr proteinreich, enthält aber wenig Struktur und Trockensubstanz. Ein solcher Aufwuchs sollte deshalb vorsichtig eingesetzt werden; je nach Rationsgestaltung sollte sein Anteil nicht über etwa 30 Prozent liegen.
«Solches Futter muss mit strukturiertem Dürrfutter oder Maissilage ergänzt werden», erklärt Hug. Gleichzeitig muss die übrige Ration angepasst werden. Bei einem hohen Rohproteingehalt müssen beispielsweise Emd oder eine junge Grassilage reduziert werden. Auch das Kraftfutter muss entsprechend der Gesamtration überprüft werden. Entscheidend ist also nicht die Menge an Grünmasse, sondern wie viel Trockenmasse und welche Nährstoffe tatsächlich in die Ration gelangen.
Silieren: Nicht jeder Bestand ist dafür geeignet
Auch eine Silierung ist grundsätzlich möglich, stellt aber zusätzliche Anforderungen. Für eine gute Konservierung braucht der Aufwuchs genügend Trockensubstanz und Zucker. Viele schnell wachsende Herbst-Gründüngungen sind sehr wasser- und proteinreich und deshalb schwieriger zu silieren. Zu feuchtes Material kann zu Sickersaftverlusten und Fehlgärungen führen und sollte, wenn es das Wetter erlaubt, angewelkt werden.
Besonders wichtig ist ein sauberer Schnitt. «Weil der Boden bei einer allfälligen Schwad offen liegt und nicht abgedeckt ist, kommt es zudem oft und schnell zu Verschmutzungen», sagt Hug. Erde beeinträchtigt die Futterhygiene und erschwert zusätzlich die Konservierung.
Eine grundsätzlich ungeeignete Pflanze wird durch die Silierung allerdings nicht zu einem geeigneten Futtermittel. Deshalb muss auch bei der Silage zuerst die Pflanzenzusammensetzung beurteilt werden.
Beweidung kann bei bestimmten Beständen sinnvoll sein
Bei geeigneten Beständen kommt auch die Beweidung infrage. Besonders bei dünnen, heterogenen oder unkrautlastigen Flächen kann sie eine alternative Möglichkeit sein. Hug sagt dazu: «Zweifelhafte, dünne, unkrautlastige Bestände kann man eher grosszügig beweiden, so können die Tiere das heraussuchen, was ihnen bekommt.»
Das gilt allerdings nicht für Bestände mit giftigen Pflanzen. Problematische Arten werden durch Beweidung nicht ungefährlich. Die Tiere sollten zudem nicht ausgehungert auf einen üppigen, jungen Bestand gelangen. Gerade bei eiweiss- und wasserreichem Aufwuchs muss die Futteraufnahme kontrolliert werden. Auch die Bodenverhältnisse sind zu beachten: Bei nassem Boden drohen Trittschäden und zusätzliche Verschmutzungen.
Futternutzung bereits bei der Aussaat planen
Wer eine Gründüngung möglicherweise als Futter nutzen möchte, sollte dies bereits bei der Aussaat berücksichtigen. Geeignete Mischungen enthalten Pflanzen, die sowohl für die Bodenbedeckung als auch für die Tierfütterung geeignet sind. Ein Beispiel ist eine Mischung aus Alexandrinerklee, Sommerwicken, Ackerbohnen, Sandhafer und Grasigerbsen. Auch geeignete überwinternde Zwischenfuttermischungen können von Anfang an für eine spätere Futternutzung vorgesehen werden.
Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Futternutzung wird bereits bei der Mischungswahl mitgedacht. Das reduziert das Risiko ungeeigneter Pflanzen und erleichtert die spätere Beurteilung des Bestandes.
Gründüngung kann in futterknappen Jahren eine wertvolle zusätzliche Futterquelle sein. Sie ist aber nicht automatisch als Futter geeignet, nur weil sie grün und üppig wächst.
Gerade bei Futterknappheit besteht die Gefahr, dass aus der Not heraus zu grosse Mengen eingesetzt werden. «Das kann sehr schnell gefährlich werden», warnt Hug.
Die wichtigste Regel lautet deshalb: Nicht die Gründüngung als solche verfüttern, sondern den konkreten Aufwuchs beurteilen – und ihn passend zur Ration und zur Nutzungsform einsetzen.

