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Kartoffelsorten: Robust, aber kompliziert?

Der starke Regen hat 2021 den Kartoffeln zugesetzt. Krautfäule machte sich breit, die Ernte war erschwert. Neue, robuste Sorten sind daher gefragt, die mit weniger Pflanzenschutzmittel auskommen und dennoch gute Erträge liefern.

Kurz & bündig

-Gesucht sind neue, gegen Kraut- und Knollenfäule robuste Kartoffelsorten. - Swisspatat, Agroscope und die HAFL testen in einem gemeinsamen Projekt neue Krautfäule-resistente Sorten. - Landwirte wie Christian Bolliger bauen die neuen Sorten und eine Referenzsorte an und erhalten Düngungs- und Spritzempfehlungen. - Ein wichtiges Ziel ist eine deutliche Reduktion der Fungizidbehandlungen.

Die meisten Kartoffelsorten, die aktuell in der Schweiz angebaut werden, sind mittel oder stark anfällig gegenüber Kraut- und Knollenfäule. Eine deutliche Reduktion des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes ist unter diesen Bedingungen nicht realistisch. 2021 liess sich die Pilzkrankheit wegen des vielen Regens vielerorts nur mit einem grossen Spritzaufwand eindämmen. Das Projekt «Innovation in der Sortenprüfung zur Verbesserung der Nachhaltigkeit im Schweizer Kartoffelanbau» sucht neue, robuste Sorten für den Schweizer Kartoffelanbau.

In Niederösch BE baut Christian Bolliger Kartoffeln für Sortenversuche an. Begonnen hat er 2019 damit, für die «normalen» Sortenprüfungen. Seit 2020 macht er beim Projekt mit. Dazu baut er zum einen die Referenzsorte Jelly an, zum anderen in den letzten beiden Jahren die drei Versuchssorten Twinner, Acoustic und Almonda. 2022 und 2023 werden die Sorten Fenna, Lea und Sound mit der Referenzsorte Ditta verglichen. Bolliger verwendet rund 1100 kg Saatgut pro Sorte, jede Sorte baut er auf rund 30 Aren an.

Kartoffel-Sortenversuche sind aufwändig, aber es braucht Zuchtfortschritte

«Der Aufwand ist beim Setzen grösser, da ich die Sorten wechseln muss. Auch beim Spritzen fahre ich zum Teil separat.» Auch die Ertragserhebung ist bei den Kleinflächen aufwändiger, er muss pro Sorte zwei Mal je fünf Meter ausgraben, wägen und nach Grösse und Vermarktbarkeit einstufen. Ebenfalls gibt die eigentliche Ernte der Kleinflächen mehr zu tun, die er dann separat zu seinem Abnehmer Steffen Ris in Bätterkinden BE führt.

Wieso macht er dann mit? «Als Produzent finde ich es wichtig, dass wir Fortschritte bei der Züchtung machen», sagt Bolliger. Denn er wolle weniger spritzen: «Die robusten Sorten musste ich letztes Jahr fünf Mal spritzen, meine eigenen zehn Mal.» Das sei nicht nur wirtschaftlich interessant, sondern ihm und den Konsumenten klar ein Anliegen.

Die Versuchssorten machen nur einen kleinen Teil der Kartoffel-Anbaufläche von Christian Bolliger aus. Auf knapp 6 ha baut Bolliger in einer ÖLN-Gemeinschaft die Sorten Ditta, Erika und Ballerina an. Er findet es wichtig, bei der Krautfäule eine bessere Resistenz zu erreichen: Das dürfe aber nicht zu Lasten anderer Merkmale gehen, wie zum Beispiel Schorf.

Landwirt Bolliger hatte 2021 ein normales Kartoffel-Jahr

Zudem hatte er letztes Jahr im Gegensatz zu vielen anderen Produzenten Glück: «Im Frühling war es trocken, wir hatten keine Bodenschäden und das Wasser konnte stets gut ablaufen. Zudem hatten wir keine Starkniederschläge und keinen Hagel.» Es sei kein Spitzenjahr gewesen, aber dank den guten Preisen immerhin ein normales Jahr.

Bei den Versuchssorten wird er von Stefan Vogel von der HAFL in Zollikofen BE betreut: «Er steht ein- bis zwei mal pro Woche im Feld und schaut sich die Situation an», berichtet Bolliger. Eine Bodensonde messe unter anderem die Bodenfeuchtigkeit, welche nützliche Informationen für das Prognosemodell Simblight 1 und eine allfällige Bewässerung liefert. Dieses Modell wird zur Festlegung des Behandlungsbeginns verwendet und PhytoPRE für die Planung der Folgebehandlungen.

Stefan Vogel berät den Landwirt auf Basis der Prognosemodelle, ob er spritzen soll. Doch die Entscheidung über die Behandlung bleibt bei Bolliger.

Das betonen auch Andreas Keiser, Professor für Ackerbau und Pflanzenzüchtungen an der HAFL, und Stefan Vogel: «Wir unterstützen die Landwirte im Anbau, was die N-Düngung oder die Fungizid-Strategie angeht. In ihrer Anbaustrategie sind sie aber frei.»

Auch die Empfehlungen zu Düngung und Fungizid-Behandlungen müssen die Landwirte nicht zwingend einhalten, falls das Risiko bei der Krautfäule zum Beispiel als zu hoch eingeschätzt wird. Die Behandlungszeitpunkte werden meist im gemeinsamen Dialog festgelegt. Es hat sich gezeigt, dass die Landwirte, die seit mehreren Jahren mit robusten Sorten arbeiten, weniger Angst vor der Krautfäule haben und die Anzahl Behandlungen immer mehr reduzieren, sagt Stefan Vogel.

Die Kartoffelsorte Acoustic bewährt sich und sollte auf die Liste

Ein Ziel des Projektes ist, dass aus den Anbauversuchen ein bis zwei Sorten auf die Liste aufgenommen werden können. Das hält Andreas Keiser für realistisch: «Aus unserer Sicht hätte man Acoustic bereits auf die Sortenliste 2022 aufnehmen sollen.» Werde sich Acoustic auch dieses Jahr weiterhin beweisen, sollte die Sorte unbedingt im Herbst wieder zur Diskussion stehen.

Kartoffelsorten: Robust, aber kompliziert?

«Ganz ohne Fungizid geht es auch bei den resistenten Sorten nicht, aber mit deutlich weniger Behandlungen»

Andreas Keiser, Professor für Ackerbau und Pflanzenzüchtungen, HAFL

Robuste Sorten gibt es bereits – wieso reichen diese nicht aus? Keiser erklärt, dass auf der Sortenliste mehrheitlich Sorten mit mittlerer bis hoher Anfälligkeit gegenüber der Krautfäule vorhanden sind. Die wenig anfälligen Sorten sind schnell aufgezählt: Jelly, Markies, Innovator, Ivory Russet, Vitabella. Zusammen haben sie einen Flächenanteil von lediglich 15 %. Die neu geprüften Sorten seien bezüglich ihrer Resistenz aber nochmals deutlich besser als die meisten vorher genannten Sorten.

«Dadurch ist es möglich, die Anzahl Fungizid-Behandlungen deutlich zu reduzieren. Es ist unbedingt notwendig, dass mehr robuste Sorten für den Anbau zur Verfügung stehen, ansonsten ist es nicht realistisch, dass die geforderte PSM-Reduktion erreicht werden kann», ist Keiser überzeugt.

Kein Kartoffelanbau ohne Fungizid-Behandlung

Keiser betont, dass es auch mit robusten Sorten nicht möglich ist, vollständig auf Fungizide zu verzichten, da sonst die Gefahr besteht, dass die Krautfäule sich anpasst und die Resistenz nicht mehr wirksam ist. «Die Anzahl Fungizidspritzungen kann jedoch deutlich reduziert werden», sagt Keiser. «In den letzten beiden Jahren reichten jeweils zwei bis drei Behandlungen pro Saison, um die robusten Sorten vollständig gesund zu halten.»

Bringt denn eine grössere Vielfalt nicht die Lösung? Keiser sagt, dass der Anbau von verschiedenen Sorten mit unterschiedlichen Resistenzen das Risiko verteilen würden. Ziel des Projekts sei, dass der Krautfäule-Anfälligkeit bei der Sortenaufnahme mehr Gewichtung zugesprochen wird. Man könnte sich überlegen, ob es nicht sinnvoll wäre, für wichtige Resistenzen bei der Sortenaufnahme Fallnoten einzuführen, wie dies beispielsweise bei Weizen der Fall ist.

Eine Sorte würde dann automatisch gestrichen, wenn sie gegenüber wichtigen Krankheiten zu anfällig ist. «Es sollte nicht sein, dass im Jahr 2022 drei neue Sorten aufgenommen werden, die alle sehr anfällig gegenüber Krautfäule sind», sagt Keiser, gibt aber zu bedenken, dass das Ziel nicht von heute auf morgen erreicht werden kann. Neben der Krautfäuleresistenz gibt es viele weitere wichtige Eigenschaften, wie beispielsweise die Lagerfähigkeit.

Und eine weitere Herausforderung gibt es: Die robusten Sorten werden sich nur durchsetzen, wenn der Detailhandel mithilft. «Die Senkung des Pflanzenschutzmittel-Einsatzes kann die Produktion nicht alleine schaffen. Es braucht dazu die gesamte Wertschöpfungskette», mahnt Keiser.

Kartoffelzüchter Griesser sieht in mehr Vielfalt die Lösung

Darin ist sich Andreas Keiser mit Kartoffelzüchter Stefan Griesser von Varietas einig. Auch Griesser sieht den Handel und die KonsumentInnen in der Verantwortung, wenn es um weniger Pflanzenschutzmittel-Einsatz geht.

Varietas ist eine kleine Pflanzenzüchtungsfirma in Weiach ZH. Griesser und seine MitarbeiterInnen arbeiten hauptsächlich mit wilden und domestizierten Tomaten und Kartoffeln. Sie versuchen, Resistenzen gegen Krankheiten oder Schädlinge aus Wildformen in die produktiveren Sorten einzukreuzen. Im Hofsorten-Programm werden «massgeschneiderte» Kartoffelsorten gezüchtet, welche die Landwirte exklusiv anbauen und als Spezialität vermarkten können.

Griesser ist überzeugt, dass Hofsorten mit ihrer grossen Vielfalt das Problem von Krankheitsdruck und Witterungsstress lindern könnten. Dabei denkt er nicht an alte Sorten, sondern an neue Züchtungen. Seine Erfahrung letztes Jahr stützt dies: «Alle alten Sorten waren schlecht, die meisten neuen Sorten hingegen gut.»

Kartoffelsorten: Robust, aber kompliziert?

«Mit grösserer Vielfalt wäre Kartoffelanbau ohne Spritzen möglich.»

Stefan Griesser, Varietas-Kartoffelzüchter

Er ist überzeugt, dass mit grösserer Vielfalt Kartoffelanbau ohne Spritzen möglich wäre. Denn dass Kartoffeln robust gegen Krankheiten bleiben, sei wegen ihrer Biologie gar nicht möglich: «Kartoffeln vermehren sich vegetativ, Krankheiten aber sexuell.» Die Krankheit passt sich somit schneller an den Wirt (d.h. die Kartoffel) an, als diese sich wehren kann.

Genannt werde dies «Red Queen-Problem», nach einer Stelle aus dem Kinderbuch «Alice im Spiegelland»: Alice und die Königin müssen gleich schnell rennen, um am Ort zu bleiben. «Bloss rennt die Kartoffel eben nicht mehr», so Griesser.

Als Beispiel nennt er die alte Sorte Datura, die früher total tolerant gegen Krautfäule gewesen sein. Heute seien nur noch die Knollen etwas geschützt, der Rest werde befallen.

Griesser sieht durchaus, das mehr Sortenvielfalt mehr Aufwand bringt, nicht unbedingt beim Anbau, aber beim Vermarkten und Lagern. Dennoch ist er ein engagierter Verfechter von mehr Vielfalt und arbeitet in einem vom BLW mitfinanzierten Projekt an der Zulassung von drei Sorten, die Kraut- und Knollenfäule resistent sind. Dabei sollen drei potenzielle Kandidatensorten der Varietas im Rahmen der offiziellen EU-Kartoffel-Sortenprüfung zugelassen werden und in den EU-Sortenkatalog aufgenommen werden. Die Erhaltung, Vermehrung und Zulassung wird über Partner in Belgien und Deutschland organisiert.

Landwirt Bolliger warnt davor, sich auf eine Kartoffel-Krankheit zu fixieren

Den Anbau ohne Pflanzenschutz kann sich Landwirt Christian Bolliger schlicht nicht vorstellen: Er ist überzeugt, dass Krautfäule einzig mit modernen Zuchtmethoden in den Griff zu kriegen wäre. Wichtig ist ihm auch, sich nicht auf eine einzige Krankheit zu fixieren: «Schorf etwa darf in der Forschung nicht vernachlässigt werden.»

So hilft er gerne mit, diesen Mittelweg zu finden. Bolliger erlebt die Alltagsarbeit im Projekt und die Zusammenarbeit mit Stefan Vogel von der HAFL als Miteinander: «So gut ein Prognosemodell auch ist, vollständig kann es die regionalen Eigenheiten nicht abdecken – die Entscheidung muss am Ende ich als Produzent treffen.»

Christian Bolliger baut in Niederösch BE auf 7 ha Kartoffeln an.
Christian Bolliger baut in Niederösch BE auf 7 ha Kartoffeln an.

«Als Produzent finde ich es wichtig, dass wir Fortschritte bei der Züchtung machen.»

Christian Bolliger, Landwirt in Niederösch BE

Betriebsspiegel der ÖLN-Gemeinschaft Bolliger-Ursenbacher

Christian Bolliger, Niederösch BE LN: 32 ha Bewirtschaftung: ÖLN und IP-Suisse Kulturen: Kartoffeln (7 ha), Zuckerrüben (3,5 ha), Weizen (9 ha), Raps (2 ha), Kunstwiesen (8 ha), Ökoflächen (2,5 ha) Tierbestand: 20 Mastrinder Arbeitskräfte: Betriebsleiter, Eltern, bei der Kartoffelernte Ehefrau, im Sommer eine Praktikantin

Krautfäule mit zwei Prognosesystemen gezielt bekämpfen

Im Projekt kommen zwei Prognosesysteme zur Anwendung: Slimblight 1 berechnet den Behandlungsbeginn gegen Krautfäule. Der Spritzstart wird aus Wetterdaten und Angaben zur Parzelle berechnet. Dazu braucht es die parzellenspezifischen Daten wie Staunässe, Anbaudichte, Auflaufdatum und Klimadaten. Für die Terminierung der Folgebehandlungen wird PhytoPRE verwendet. Neben der Schutzdauer der eingesetzten Fungizide und der Niederschlagsmenge verwendet das Modell die Angaben zur Sortenanfälligkeit, das Entwicklungsstadium, die Wachstumsbedingungen der Kartoffeln (gering, normal oder wüchsig) sowie das Infektionsrisiko gemäss Wetterdaten.

Innovation in der Sortenprüfung

Das Projekt «Innovation in der Sortenprüfung zur Verbesserung der Nachhaltigkeit im Schweizer Kartoffelanbau» wird im Rahmen der Förderung von Pflanzenzüchtungsprojekten vom BLW finanziert. Die Swisspatat führt das Projekt in Zusammenarbeit mit Agroscope und HAFL durch. Auf sechs Praxisbetrieben im Mittelland werden die getesteten Sorten in Streifenversuchen von zirka 30 Aren mit einer Referenzsorte verglichen. Das Projekt läuft seit 2020 und endet 2024. Die Projektleitung liegt bei Swisspatat. Agroscope führt die Analyse der inneren und äusseren Qualität der getesteten Sorten durch und erhebt die Erträge. Die HAFL übernimmt die Aufgaben der Kommunikation und Koordination mit den Landwirten. Dies beinhaltet die Berechnung einer optimierten N-Düngung und die Empfehlungen der Fungizidbehandlungen nach Prognosen. Zusätzlich führt die HAFL regelmässige Feldkontrollen durch (Hauptfokus auf die Krautfäuleresistenz/-anfälligkeit der getesteten Sorten).