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Gerste: Mit der Saat die Basis legen

Wirtschaftlich ist Wintergerste zwar kein Überflieger. Doch mit rund 25'000 ha ist sie eine bedeutende Ackerkultur. Was gilt es bei der Aussaat der neuen Wintergerste zu beachten? Ein Blick auf das wichtigste Futtergetreide der Schweiz.

Kurz & bündig

- Die Gerstenerträge 2020 waren grösstenteils gut. - Ein leicht späterer Saattermin kann Vorteile bringen. - Zu üppige Bestände sind schwieriger zu lenken, als eher schwache Bestände. - Aufgrund der trockenen Witterung war der Wegfall des Fungizides Chlorothalonil im Jahr 2020 zu verkraften.

Die Geschichte der Wintergerste für die Ernte 2021 hat bereits begonnen, noch bevor sie überhaupt im Boden ist. Der Sommer wird oft zur Fruchtfolgeplanung genutzt. «Die Gerste passt ideal ans Ende der Fruchtfolge und ermöglicht anschliessend aufgrund der zeitigen Ernte eine frühe Kunstwiesensaat», erklärt Martin Bertschi, Berater vom Strickhof ZH.

Den Platz am Ende der Fruchtfolge bekommt die Gerste, weil sie die wichtigste Überträgerin von Fusskrankheiten wie beispielsweise Schwarzbeinigkeit im Getreide ist. Selber zeigt sie jedoch kaum Symptome. Im intensiven Anbau sind Fusskrankheiten zwar kein flächendeckendes Problem. «Ich finde aber bei Feldbesichtigungen alle Jahre wieder infolge Schwarzbeinigkeit ausgebleichte Ähren», berichtet Martin Bertschi.

2020: Gute Erträge auch ohne Chlorothalonil

Ein grosses Thema war für die bereits abgeschlossene Anbausaison der Wegfall des Fungizides Chlorothalonil. Die Angst vor Ertragseinbussen wegen ungenügendem Schutz vor Pilzkrankheiten – insbesondere der Sprenkelnekrose – war gross.

Aktuell sieht es so aus, dass im Jahr 2020 tendenziell überdurchschnittliche Gerstenerträge gedroschen werden konnten. Kann man in dieser Hinsicht also Entwarnung geben? «Dafür ist es zu früh», relativiert Martin Bertschi vom Strickhof. Er fasst die Gerstensaison 2019/2020 wie folgt zusammen:

  • Die fehlenden Frühjahrsniederschläge haben die überschüssigen Seitentriebe frühzeitig reduziert und die volle Energie der Pflanze wurde in wenige, aber kräftige Triebe gesteckt.
  • Die Gerste wurzelte tief und konnte sich Wasser und Nährstoffe aus tieferen Bodenschichten holen.
  • Die gute Wurzelbildung wirkte sich auch im späteren Verlauf positiv aus. Durch die relativ geringe Pflanzendichte und kräftigen Triebe, in Kombination mit geringem Krankheitsdruck konnten sich die Bestände optimal entwickeln.
  • Der Regen und damit die Nährstoffverfügbarkeit kam gerade noch rechtzeitig und führte zu einer guten Ährenentwicklung und Kornausbildung.
  • Die Blattkrankheiten traten praktisch erst mit der Abreife verbreitet auf, die Fungizidwirkung auf das Fahnenblatt betrug auch ohne Chlorothalonil noch ca. 15 dt/ha in unseren Sortenversuchen.

Pflanzenbaulich gilt natürlich immer noch der Spruch: Ein Jahr ist kein Jahr. Wie gut die alternativen Fungizide gegen Sprenkelnekrosen wirken, wird sich in einem Jahr mit starkem Befallsdruck zeigen.

Zudem besteht ein gewisses Risiko für Resistenzen, da die noch erlaubten Mittel systemisch wirken. Chlorothalonil war als Kontaktwirkstoff diesbezüglich ungefährdet.

Ebenfalls aufgefallen ist bei der Ernte 2020, dass die Gerstenfelder oft ungleich abgereift sind. Martin Bertschi hat dazu eine Theorie: «Weil die Verkürzung als Folge der Witterung sehr stark gewirkt hat, kam noch Licht nach unten in die dünnen Bestände. Das hatte Nachschosser zur Folge», vermutet der Berater.

Die Gerste hat Mühe, wirtschaftlich mit den anderen Getreidekulturen mitzuhalten. Sie ist für eine abwechslungsreiche Fruchtfolge und ein Brechen der Arbeitsspitzen dennoch die das wichtigste Futtergetreide der Schweiz. Bild: Adobe Stock
Die Gerste hat Mühe, wirtschaftlich mit den anderen Getreidekulturen mitzuhalten. Sie ist für eine abwechslungsreiche Fruchtfolge und ein Brechen der Arbeitsspitzen dennoch die das wichtigste Futtergetreide der Schweiz. Bild: Adobe Stock

Zwei- oder sechszeilige Gersten-Sorten?

Im Anbau haben die Sechszeiler klar die Nase vorne. «Zweizeilige Sorten haben in der Regel ein besseres Hektolitergewicht und höhere Proteingehalte. Das zahlt sich allerdings aufgrund der geringen Qualitätsbezahlung und des tendenziell tieferen Ertragspotenzials nur aus, wenn die eigene Gerste als Kraftfutter verfüttert werden kann», sagt Martin Bertschi dazu.

Er weiss aber auch aus jahrelanger Versuchsbetreuung für das Forum Ackerbau, dass an einigen Standorten auch zweizeilige Sorten mit Erträgen überraschen, die jenen der sechszeiligen ebenbürtig sind.

Generell hat Bertschi festgestellt, dass bei der Gerste die Erträge je nach Sorte, Typ, Standort und Jahr stärker schwanken als beispielsweise beim Weizen. «Wenn es logistisch sinnvoll ist, würde ich empfehlen, zwei unterschiedliche Sorten Wintergerste anzubauen. Nach einigen Jahren kann dann die schwächere durch eine stärkere, unbekannte Sorte ersetzt werden, und man hat immer noch eine bewährte Sorte auf dem Betrieb», so Bertschi.

Gerste muss nicht im September im Boden sein

Wichtig ist, dass die Gerste bei guten, trockenen Bedingungen in den Boden kommt. Sie reagiert sehr empfindlich auf Verdichtungen und hat selber kein starkes Wurzelwerk.

Als Saatzeitpunkt hat sich gemäss Martin Bertschi das Zeitfenster von Ende September bis Mitte Oktober in den letzten Jahren bewährt. Die Faustregel, dass die Gerste im September im Boden sein muss, gilt heute nicht mehr unbedingt.

«In der Tendenz ist es einfacher, etwas später als zu früh zu säen», weiss Bertschi. Einen zu üppigen Gerstenbestand bremsen ist schwierig bis unmöglich.

Im Gegenzug kann ein eher schwächerer Bestand im Frühling ohne angezogene Handbremse einfacher intensiv geführt werden. «Ist die Gerste bereits vor dem Winter sehr dick, sollte man diese eher etwas später andüngen. Für den Praktiker ist das aber schwer auszuhalten: Die Gerste wird gelb und die Landwirte müssen ihr beim Hungern zusehen. Das kann aber nötig sein, damit die Triebdichte reduziert wird und die Gerste später nicht umfällt», so Bertschi.

Er hat beobachtet, dass in der Gerste oft zu früh mit Dünger ausgerückt wird, weil sie gelb geworden ist. «Die gelbe Verfärbung ist in den meisten Fällen ein kurzfristiger Nährstoffmangel, weil die Gerste zu dicht steht. Da kann es sich lohnen, die Nerven zu bewahren und mit der Startdüngung zuzuwarten», erklärt Bertschi.

Die Steuerung der Triebdichte – Zielbestand sind im intensiven Anbau rund 600 Halme pro Quadratmeter bei sechszeiligen, 800 Halme pro Quadratmeter bei zweizeiligen Sorten – beginnt aber bereits mit der Saat.

«Wir haben in den Versuchen vom Forum Ackerbau gesehen, dass bei idealen Bedingungen und früher Saat die Saatdichte bei Hybridsorten bis 130 Körner und bei Liniensorten auf 200 Körner pro Quadratmeter reduziert werden kann», sagt Martin Bertschi.

Bestockung erfolgt ausschliesslich im Herbst

Wichtig ist in so einem Fall, dass die Gerste im Herbst stark bestocken kann, damit der Bestand genügend dicht wird.

Für die Bestockung braucht die Kultur Stickstoff. «Zum Zeitpunkt der Gerstensaat ist im Boden normalerweise genügend mineralisierter Stickstoff verfügbar, so dass eine Düngung nicht nötig ist», sagt Martin Bertschi dazu.

In der Praxis sind aber oft Hofdünger vorhanden, die vor dem Winter noch ausgebracht werden sollten. «Ist das der Fall, so ist die Gerste – wie auch der Raps – sicherlich nicht die schlechteste Adresse für die Gülle», so Martin Bertschi. Geht die Gerste zu dünn in den Winter, kann das nicht mehr korrigiert werden, da sie ausschliesslich im Herbst bestockt.

Eine gute Bestandesführung im Frühling ermöglicht nur noch, dass alle ausgebildeten Triebe es auch tatsächlich nach oben schaffen.

Bodenbearbeitung den Bedingungen anpassen

Welches Verfahren für die Bodenbearbeitung und Ansaat zum Einsatz kommt, ist den Umständen anzupassen. «Tatsächlich reagiert Gerste sehr stark auf Verdichtungen. Diese können mit dem Pflug oder Grubber aufgebrochen werden. Wird Gerste nach Kartoffeln angebaut, ist zu beachten, dass beim Pflugeinsatz auch die Ausfallkartoffeln in die Erde vergraben werden, wo sie gute Chancen haben zu überwintern», erklärt Martin Bertschi.

Gerste wird seltener extensiv angebaut als Weizen

«Im ÖLN wird die Gerste meistens intensiv angebaut», sagt Martin Bertschi. Der Grund: «Im extensiven Anbau besteht ein ziemlich grosses Lagerrisiko. Gerste ist weniger standfest als beispielsweise Weizen», so der Berater. Zu beachten ist aber auch der finanzielle Aspekt: Der Richtpreis für die Gerste liegt mit Fr. 34.50/dt deutlich unter dem Brotweizenpreis. Um also die Extenso-Prämie von 400 Franken aufzuholen und die dafür nötigen Mehraufwände zu decken, ist ein Mehrertrag von über 20 dt im intensiven Anbau nötig, um einen vergleichbaren Deckungsbeitrag zu erzielen.

Die Tabelle zeigt, welche Erträge in anderen Kulturen erzielt werden müssen, um einen vergleichbaren Deckungsbeitrag wie bei 95 dt ÖLN-Gerste zu erzielen. Quelle: Forum Ackerbau
Die Tabelle zeigt, welche Erträge in anderen Kulturen erzielt werden müssen, um einen vergleichbaren Deckungsbeitrag wie bei 95 dt ÖLN-Gerste zu erzielen. Quelle: Forum Ackerbau

Damit mit Gerste ein mit Brotweizen vergleichbarer Deckungsbeitrag erzielt wird, müssen gut 20 dt mehr gedroschen werden. Im Vergleich zum Futterweizen ist ein Mehrertrag von 5 dt gefordert.

Was zunehmend an Bedeutung gewinnt, ist der herbizidlose Anbau von Getreide – auch von ÖLN-Landwirten, insbesondere von IP-Suisse-Produzenten.

Die mechanische Unkrautbehandlung ist in der Gerste allerdings anspruchsvoller als im Weizen. «Bei Weizen haben wir ein grösseres Zeitfenster, in dem wir mit dem Striegel gute Resultate erzielen», weiss Martin Bertschi.

Ist es im Herbst nach der Gestensaat nass, kann es sein, dass nicht mehr mit dem Striegel gefahren werden kann. «Das gibt Probleme. Im Frühling ist die Gerste dann bereits zu dicht und das Unkraut zu gross für eine gute Striegelwirkung.» Daher mache es unter Umständen Sinn, in der Gerste auf Herbizide zu setzen und Samenunkräuter wie Ackerfuchsschwanz oder den Windhalm konsequent zu bekämpfen. «So ist der Druck dann in einfacheren Kulturen wie dem Weizen auch weniger gross», vermutet Bertschi.

Die Gerste hat positive Nebeneffekte in Fruchtfolgen

Obwohl wirtschaftlich nicht der absolute Renner, spielt die Gerste doch eine wichtige Rolle im Schweizer Ackerbau. Die Vorteile liegen auch bei einer Staffelung der Ernte, einer Risikoverteilung (Wetter) und nicht zuletzt dem Fruchtwechsel in getreidebetonten Fruchtfolgen.

Die Züchtung hat ihren Teil dazu beitragen, dass die durchschnittlichen Gerstenerträge in den letzten Jahrzehnten stärker gestiegen sind als beispielsweise beim Weizen. «Bei der Gerste wird der Ertrag bei der Züchtung stärker gewichtet als beim Weizen, wo auch die inneren Werte wie der Proteingehalt oder die Proteinzusammensetzung speziell wichtig sind», erklärt Martin Bertschi.

Je weniger Zuchtziele berücksichtigt werden, desto rascher lassen sich Fortschritte erzielen. Ein grosser Schritt war die Hybridzüchtung in der Gerste, welche die Vorteile von zwei- und sechszeiligen Sorten zu kombinieren versucht. Das gelang beispielsweise bei der Sorte SY Baracooda gut.

«Allerdings ist die Saatgutvermehrung von Hybridsorten anspruchsvoll und aufwändig», gibt Bertschi zu bedenken. Das dürfte mit ein Grund sein, weshalb erst wenige Hybriden auf der Sortenliste auftauchen und deren Marktanteil nach wie vor relativ gering ist.

Zu beachten ist dabei, dass der Ertragssprung (Heterosis-Effekt) bei Selbstbefruchtern wie Gerste oder auch Weizen sehr viel kleiner ist als bei Fremdbefruchtern wie Mais oder Roggen.

Das Forum Ackerbau wird weiterhin Versuche zur Gerste durchführen, auch wenn sich im Anbau in den letzten Jahren nichts Revolutionäres ereignet hat. «Unser Fokus liegt auf den Sortenversuchen, der Anbautechnik und Saatdichte von Hybridsorten gegenüber Liniensorten und darauf, Sprenkelnekrosen mit Schwefel und Stärkungsmitteln zu bekämpfen», sagt Martin Bertschi.

Die Gerste-Versuche des Forums Ackerbau im Überblick:

www.dgrn.ch/gerste