Wie sieht die Mäuse-Population in der Schweiz im Frühling 2020 aus?
Cornel Stutz: Abgesehen von der sehr heissen Zeit im Juni und Juli war 2019 für die Schermäuse ein «Wohlfühljahr». Der Schermaus-Radar 2020 der Arbeitsgemeinschaft zur Förderung des Futterbaues (AGFF) zeigt bei einem Grossteil der Beobachtungsstandorte eine Zunahme gegenüber dem Vorjahr (siehe Grafik).
Welche Kosten verursachen Mäuseschäden?
Im Obstbau kommt es darauf an, wie viele Bäume zerstört werden und wie alt sie sind. Müssen Bäume nachgepflanzt werden, dauert es ein paar Jahre, bis diese wieder einen Vollertrag liefern.
Bei geringeren Mäuseschäden fällt der Futterverlust in Wiesen und Weiden kaum ins Gewicht. Sobald Wiesen-sanierungs-Massnahmen durchgeführt werden müssen, wird es teuer. Eine Übersaat mit Saatgut, Maschinenkosten und Mannstunden kostet ein paar Hundert Franken pro Hektare.
Sehr grosse Mäuseschäden, die eine Neuansaat mit Bodenbearbeitung und Säuberungsschnitt erfordern, fallen mit 2000 Franken pro Hektare deutlich mehr ins Gewicht. Bei Neuansaaten sind die in der Schadensumme eingerechneten Futterverluste markant.
Warum können sich die Mäusein Massen vermehren? Fehlt es an natürlichen Feinden?
Die Schermäuse haben wegen ihres kurzen Generationen-Intervalls ein enormes Vermehrungs-Potenzial. Unter optimalen Verhältnissen wird aus einem Schermaus-Pärchen von Frühling bis Herbst eine Sippe von über hundert Mäusen. Da kommen die natürlichen Feinde schlichtweg nicht mehr mit.
Damit eine Mäuse-Population schnell wachsen kann, braucht es eine gewisse Startgrösse der Population. Ab rund 30 Schermäusen pro Hektare finden sich Männlein und Weiblein genug schnell, dass die Population rasant zunehmen kann.
Welche natürlichen Maus-Feinde sollten gefördert werden und wie?
Möglichst alle natürlichen Maus-Feinde sollten gefördert werden!
- Wo es keine Bäume hat, Sitzstangen für Greifvögel installieren.
- Mausende Katzen halten.
- Nistkästen für Schleiereulen und/oder Turmfalken an Scheunenwand installieren (ruhige Seite gegen das offene Feld, wenn möglich gegen Osten gerichtet).
- Bruthöhlen in Ast- oder Steinhaufen anlegen für Hermeline und Mauswiesel.
- Mäuse-Zaun um besonders wertvolle Kulturen mit Standby-Fallen, welche die Füchse, Katzen und Hermeline selber leeren können.
Welche weiteren Präventiv-Massnahmen gegen Mäuse gibt es? Und nützen diese auch wirklich?
Häufig liest man, dass die Mäuse mit Weidegang bekämpft werden können. Das stimmt leider so nicht.
Wenn es in einer Region wenig Mäuse hat, haben die Jungmäuse eine Auswahl, wo sie ihren künftigen Bau anlegen wollen. Sie vermeiden Flächen mit starkem Viehtritt. Wenn die Mäuse-Population ansteigt, wird die zur Verfügung stehende Fläche knapper und damit auch die Auswahl. Spätestens dann werden auch die Weideflächen von den Mäusen besiedelt.
Es wird auch empfohlen, die Wiesenbestände nicht zu hoch in den Winter gehen zu lassen, um Mäuse-Schäden zu vermeiden. Es stimmt zwar, dass Mäuse gerne in höherem Gras überwintern. Wenn sie dieses Angebot aber nicht haben, überwintern sie auch im kurzen Grasbestand.
Ist die Mäusebekämpfung noch nötig, wenn alle Präventiv-Massnahmen konsequent umgesetzt werden?
In Regionen mit einem hohen Ackerbauanteil und/oder vielen Waldstücken ist die Ausbreitung durch wandernde Jungmäuse gebremst. In solchen Gebieten können Mäuse-Populationen mit Präventiv-Massnahmen weitgehend in Schach gehalten werden.
In Gebieten mit weitläufigem zusammenhängendem Grasland (inklusive Obstanlagen) kann durch die uneingeschränkte Ausbreitungsmöglichkeit für Jungmäuse eine starke Populations-Dynamik entstehen, die durch Präventiv-Massnahmen nur beschränkt aufgehalten werden kann.
Wenn Nachbarlandwirte nach einem Populations-Zusammenbruch gemeinsam die verbliebenen Schermäuse durch regelmässigen Fallenfang am Wiederaufbau ihrer Population hindern, kann der Mäusezyklus unterbrochen oder wenigstens verzögert werden.
Um eine Schermaus-Population daran zu hindern, in die Massenvermehrungs-Phase überzugehen, sollten sie spätestens bei einer Dichte von 40 Individuen pro Hektare reguliert werden. In dieser Zeit können die Schermausbaue noch gut voneinander unterschieden werden, weil sie genug weit auseinander liegen, und manch ein Landwirt denkt sich: «Es hat ja gar nicht so viele Mäuse …».
Welche Bekämpfungs-Strategie empfehlen Sie?
- Natürliche Feinde unterstützen und fördern.
- Mäuse-Regulierung mit Nachbarn absprechen.
- Besonders wertvolle Kulturen mit Mäuse-Zaun schützen.
- Mäuse-Bekämpfung zu Zeiten niedriger Populationsgrösse planen.
- Mäuse-Bekämpfungsmethode ab-wechseln, damit auch schlauere Mäuse erwischt werden.
Appetit auf Mäuse
Fuchs, Hermelin, Mauswiesel, Wildkatze, Mäusebussard, Milan, Schleiereule, Waldohreule, Waldkauz und Turmfalke leben bis zu 90 % vom Fang unterschiedlicher Mäusearten. Ein Fuchs frisst mehr als 3000 Mäuse pro Jahr. Ein Mäusebussard frisst pro Tag zwei bis drei Schermäuse oder vier bis sechs Feldmäuse. Eine Schleiereule frisst 6 Mäuse pro Nacht – und sogar 40 Mäuse, wenn Jungvögel im Nest sind!
Quelle: AGFF-Merkblatt«Regulieren von Mäusepopulationen»
Wiesel mausen gerne!
Wiesel und Hermeline haben sich auf die Schermäuse-Jagd spezialisiert. Eine Hermelinmutter hat jährlich etwa sechs Junge. Jedes Wiesel-Familienmitglied verzehrt pro Tag ein bis zwei Mäuse, das entspricht einem Bedarf von 50 bis 100 Mäusen pro Woche und Wieselfamilie.
Förder-Massnahmen für Wiesel im Landwirtschaftsgebiet:

