Sie sind die wichtigsten Akteure in diesem Business, und doch fühlen sich die Obstproduzenten manchmal ziemlich übergangen. Die Migros überraschte Ende Jahr mit einem eigenen Nachhaltigkeitsprogramm für den Schweizer Kernobstanbau, dazu sorgte eine Sortenliste des Handels für den Anbau von Steinobst für Unverständnis. Generell habe sich die Partnerschaft mit dem Handel in den vergangenen Jahren nicht gerade positiv entwickelt, urteilten die Produzentenvertreter an der Nordwestschweizer Obstbautagung vom Dienstag, die online stattfand.
«Mit diesen Infos hätte man viele Diskussionen vermeiden können.»
Andy Steinacher, Präsident der Aargauer Obstproduzenten, schätzte an der Tagung die Erklärungen zur Sortenliste.
Schlecht kommuniziert
Die Diskussion zwischen Vertretern von Handel und Produzenten zeigte, dass eine bessere Kommunikation schon viel helfen könnte. Die Erklärungen von Martin Ammann von Tobi Seeobst AG in Bischofszell und Beat Gisin von der Landi Reba in Aesch zu den Hintergründen der neuen Sortenlisten leuchteten ein (Kasten): «Mit diesen Informationen hätte man den grössten Teil der Diskussionen vermeiden können», kommentierte Andy Steinacher, Präsident der Aargauer Obstproduzenten.
«Extrazüge unserer Marktpartner finde ich extrem schlecht», sagte Steinacher zum Vorpreschen der Migros. «Wir müssen uns doch gegenüber dem Import abheben, nicht gegenüber dem Berufskollegen aus dem Nachbarkanton.» Auch seine Basler und Solothurner Kollegen würden sich eine nationale einheitliche Strategie im Bereich der Nachhaltigkeit wünschen. Das wäre die Aufgabe der Branchenorganisation, meinte Ernst Lüthi, Obstproduzent und Präsident des Baselbieter Obstverbands, an die Adresse des Schweizer Obstverbands, da sei man etwas langsam.
Aktionen sind ein Ärgernis
Klar war für Produzenten wie für Handelsvertreter, dass Qualität das oberste Gebot ist – damit könnten sich Schweizer Früchte vom Import abheben. Aber genau dieses Bild untergrabe man mit den regelmässigen, übertriebenen Rabatten während der Saison an der Verkaufsfront, war ein mehrmals geäusserter Kritikpunkt an die Adresse der Grossverteiler.
«Sortenlisten sollen etwas Sicherheit geben, nicht bevormunden»
In der Schweiz würden maximal 400 bis 450 Tonnen Kirschen pro Woche verkauft, grössere Mengen führten zwangsläufig zu Lageraufbau, erklärte Martin Ammann von Tobi Seeobst in Bischofszell den Grund für eine Sortenliste beim Steinobst. Auch nach der Lagerung müsse man mit Top-Qualität in den Verkauf gehen können, und dabei sei die genetische Eigenschaft einer Sorte ein Hauptfaktor. Die Liste soll gemäss Ammann helfen, den Anbau von Sorten mit ungenügenden Lagereigenschaften zu reduzieren, vor allem im mittelfrühen Bereich. Und sie solle verhindern, dass schlecht lagerfähige Sorten neu angebaut würden.
Mit der Sortenliste wolle man die Produzenten nicht bevormunden, sondern etwas Sicherheit geben in Form von klaren und vorausschauenden Anbauempfehlungen, bestätigte Beat Gisin von der Landi Reba in Aesch. Der Wareneingang sei für den Handel ein wesentlicher Kostenfaktor. Qualitätsmessungen seien umfangreich geworden und bräuchten Zeit, bei grossen wie bei kleinen Posten. «Korrekturen in der Sorten- und Produzentenstruktur sind nötig», folgerte er und forderte Produzenten zu einer strafferen Sortenstruktur auf.

