Der Blühstreifen neben der Obstbaumschule von Willy Scherrer in Egnach sticht schon von Weitem heraus. Er ist das einzig Bunte in der grünen Landschaft mit den satten Wiesen, dem Mais und den jungen Obstbäumen. «Genau das ist der Grundgedanke des Projekts ‹Blumenwiesen in Obstgärten›: Wenn alles verblüht ist, bieten diese Streifen Nahrungsquelle und Rückzugsort für Insekten und Kleinlebewesen», sagt Stefan Anderes vom Thurgauer Obstverband (TOV). Gemeinsam mit Baumschulist Willy Scherrer, Kathrin Wittgen von Pro Natura Thurgau und Christoph Weiss von der Ökohum GmbH steht Anderes am Rande des Blühstreifens, um vor den Medien Bilanz zum zweiten Projektjahr zu ziehen.
Zum Projekt
2022 lancierten die drei Organisationen Thurgauer Obstverband (TOV), Ökohum Schweiz und Pro Natura Thurgau das Projekt «Blumenwiesen in Obstgärten». Jeweils im Frühjahr ruft der TOV seine Mitglieder auf, sich zu melden. Interessierte Obstbauern erhalten gratis eine von Ökohum und TOV kreierte Saatgutmischung aus einheimischen Blumen. 2023 wurde Saatgut für eine Fläche von 4000 Quadratmetern abgegeben.
Ein Rückzugsort, wenn alles schon verblüht ist
Letztes Jahr machten 30 Produzenten mit, dieses Jahr sind es etwa gleich viele, aber erstaunlicherweise nicht dieselben. Stefan Anderes glaubt, dass der ein oder andere die Mischung stehen liess, um zu sehen, was sich daraus entwickelt. «Das zeigt, dass das Projekt streut und sich die Flächen schon nach dem ersten Jahr potenziell erhöhen», sagte Anderes. Letztes Jahr wurden einjährige Mischungen abgegeben. «Das funktionierte gut, mit dem Nachteil, dass nicht alles einheimische Pflanzen waren», schilderte Christoph Weiss. Auf dieses Jahr wurde deshalb eine neue, mehrjährige Mischung «Nützlingsweide» entwickelt. Diese enthält Inlandökotypen, das sind Arten, mit denen sich die Insekten besser zurecht finden als mit Zuchtsorten. Der zweite Vorteil ist, dass die Blumenwiese nicht eine einmalige Sache bleibt, sondern über mehrere Jahre einen Nutzen bringt. Und dieser Nutzen, da sind sich die Projektpartner einig, ist sehr hoch.
- Aufwertung der Biodiversität
- Erhöhung der Artenvielfalt
- Nahrungsquelle für Insekten, wenn Wiesen und Bäume verblüht sind
- Rückzugsort für Insekten und Kleintiere, auch im Winter
- Image-Faktor für die Landwirtschaft

Kathrin Wittgen betonte, dass die Obstbauern direkt von der Blumenwiese profitieren würden. «Es werden sehr viele Insektenarten angezogen, auch solche, die Schädlinge bekämpfen.» Sie sprach von einer zusätzlichen Struktur, die geschaffen werde.
«Durch die Blumenwiese, egal wie gross oder klein sie ist, entsteht ein Korridor in den bereits bestehenden Landschaftselementen.»
Kathrin Wittgen, Pro Natura Thurgau
Teilnahme auf freiwilliger Basis
Willy Scherrer hat auf der Fläche im Frühling mit der Federzinkenegge die Winterfurche bearbeitet, das Saatgut von Hand gesät und dann noch gewalzt. Weil es im Juni so trocken war, hat er die Wiese zusätzlich bewässert.
«Wir machen bei diesem Projekt das erste Mal mit. An anderen Standorten haben wir bereits Blumenwiesen zwischen Baumschule und Strasse angelegt.»
Willy Scherrer, teilnehmender Obstbauer

Erstmals hat der Thurgauer Obstverband einen Frässervice angeboten. Dieser sei zwar genutzt worden, aber die Logistik sei schwierig gewesen, sagte Stefan Anderes. Er wies darauf hin, dass das Anlegen und Pflegen der Blumenwiese ein nicht zu unterschätzender Aufwand sei.
«Die Thurgauer Obstbauern machen dies freiwillig und ohne dafür Geld zu bekommen. Sie geben aus eigener Initiative der Natur etwas zurück.»
Stefan Anderes, Thurgauer Obstverband
Der Grundgedanke hinter dem Projekt ist, kleine Biodiversistäts-Ecken zu schaffen, die über den ganzen Kanton verteilt sind. Anderes hofft, dass mit der Initiative auch die Bevölkerung, Firmen und Detailhändler sensibilisiert werden, auf grünen Flächen Blumenmischungen anzusäen. Christoph Weiss schloss sich dem an: «Jeder Quadratmeter ist ein Beitrag für mehr Biodiversität.»

