Der Januar startete dieses Jahr überaus mild. Regional war es der sonnigste oder zweitsonnigste Januar seit Messbeginn, schreibt Meteo Schweiz in seinem Klimabulletin. In Poschiavo GR wurden am 1. Januar 2022 sage und schreibe 19,2°C gemessen. In Basel-Binningen kletterte das Tagesmaximum am 4. Januar 2022 auf 18,7°C. Das ist der zweithöchste Januarwert seit Messbeginn 1897. Noch wärmer war es 1991 mit 19°C im Baselbiet.
Januar rund 2°C wärmer geworden
Seit der vorindustriellen Periode sei der Januar in der Schweiz rund 2°C wärmer geworden. Die Niederschlagsmengen waren heuer unterdurchschnittlich. Auf der Alpensüdseite herrschte eine ausgeprägte Schneearmut. Im Tessin führte das warme Wetter im Dezember, auf der Alpennordseite ab Anfang Januar bereits zum Blühbeginn der Haselsträucher. Im Schnitt waren dies 30 Tage früher als im Mittel.
Im Februar wurde der Niederschlagsmangel wieder deutlich aufgeholt. Die Temperaturen waren dennoch milder als der Durchschnitt. Bisher dürfte der Februar gemäss Meteo Schweiz in den tiefen lagen nördlich der Alpen etwa 2,5 bis 3°C milder als die Norm ausfallen. Für die Natur hätte ein dauerhaft mildes Wetter weitreichende Konsequenzen.
Kalte Winter regulieren normalerweise den Schädlingsdruck
Üblicherweise reguliert sich die Natur von selbst. Kalte Winter sorgen dafür, dass der Schädlingsdruck im Frühjahr moderat ist. Die Vegetation startet vital in die Saison, um dem ansteigenden Schädlingsdruck später robust gegenüber treten zu können.
Doch Wetterextreme nehmen in den letzten Jahren deutlich zu, wie wir feststellen. Die Natur fällt aus dem Gleichgewicht. Milde Winter sorgen dafür, dass Insekten sich früher entwickeln als normalerweise. Schädlingspopulationen werden nicht mehr dezimiert. Sie gehen mit einem bereits grossen Druck in die neue Saison.
Schädlinge werden früher im Jahr aktiv
Beispielsweise erwachen Stallfliegen schon eher aus ihrer Winterstarre und beginnen sich zu vermehren. Die Population im Stall wird deutlich früher zur Plage und nur noch schwer mit Nützlingen zu regulieren sein.
Auch bei Blattläusen kann der Einflug nach milden Wintern früher erfolgen. Bei Zuckerrüben wie auch bei Pflanzkartoffeln ist es insbesondere dann problematisch, wenn die Läuse Viren verschleppen. Denn junge Pflanzen reagieren anfälliger auf einen Virenbefall. Hier sind aber letztlich die Wetterbedingungen im Frühjahr entscheidend, ob der Blattlausdruck besonders hoch wird. Entomologe Thomas Steinger von der Agroscope bestätigt, der diesjährige Winter sei aber von der Temperatur her wohl eher mit dem letztjährigen Winter vergleichbar als mit dem rekordwarmen Winter 2019 /2020, sagt er auf Anfrage.
Nützlinge reagieren empfindlich auf mildes Wetter
Nützlinge hingegen reagieren empfindlicher auf mildes Wetter. Hummeln und Honigbienen fliegen beispielsweise bei lauen Wetterphasen aus, da sie die warmen Temperaturen mit dem Frühlingsbeginn verwechseln. Sie finden jedoch keine Nahrung. Die Folge: Die Wintervorräte werden durch den erhöhten Energiebedarf verbraucht. Nützlinge laufen also Gefahr, bei einem plötzlichen Kälteeinbruch zu verhungern.
Eine weitere Schädlingsgeneration könnte sich entwickeln
Mit anhaltend warmen Temperaturen wird manchen Schädlingsarten zudem ermöglicht, eine weitere Generation zu bilden wie etwa der Maiszünsler. Dies ist bereits heute schon der Fall. In wärmeren Regionen wie am Genfersee konnte sich vor etwa 22 Jahren eine bivoltine Rasse, sprich mit zwei Generationen pro Jahr, etablieren. Deren Flug setzt einige Wochen früher ein. Dies geschah wahrscheinlich durch Einwanderung aus dem Süden und dürfte durch die Klimaerwärmung begünstigt worden sein. Heute findet man dort beide Rassen, die univoltine mit einer Generation und die bivoltine. Bisher hat sich die bivoltine Rasse nicht in benachbarte Gebiete im Norden ausgebreitet. Aber dies könnte sich ändern, sollten die milden Winter zunehmen.
Schermäuse beginnen früher mit der Aufzucht
Nicht nur auf Insekten haben milde Winter einen positiven Einfluss. Normalerweise haben Schermäuse im Winter eine Reproduktionspause. Sind die Winter mild, beginnen die Mäuse bereits früh mit der Aufzucht von Jungen, so dass die erste Generation von Jungmäusen im Jahr früher ausschwärmt als normal. Wenn das laufende Jahr weiterhin mild bzw. mäusefreundlich ist, dürfen wir annehmen, dass es eine Mäusegeneration mehr geben wird. Wir haben also dann laut Cornel Stutz von der Agroscope mit einem höheren Mäusedruck zu kämpfen.
Was können Landwirte nun tun?
Die Temperatur werden sie nicht beeinflussen können. Aber die Schädlingspopulation mit vorbeugenden Massnahmen auf einem niedrigen Niveau zu halten, ist möglich. Chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel sollten generell schon, so gut es geht, reduziert werden. D. h. es muss vermehrt mit Nützlingen gearbeitet und zur Förderung und Erhaltung ein günstiges Umfeld geschaffen werden. Die Feld- und Stallhygiene sind wichtige Punkte, um die Umgebung für die Schädlingsentwicklung so unattraktiv wie möglich zu gestalten. Die Bodenbearbeitung und die Stoppelbehandlung gehören dazu. Auch kann ein Wechsel zu weniger bevorzugten Kulturen, wo möglich, eine Reduktion begünstigen.

