Am Freitag, zum Auftakt der Feierlichkeiten, wurde die Jubiläumsschrift mit dem Titel "Faszination des Wandels" den Bauernfamilien in Flawil vorgestellt. Elmar Metzger, Gemeindepräsident von Flawil SG, sagte bei der Vernissage, er habe das Lesen sehr genossen und immer wieder Aha-Momenten gehabt. "Vieles hat sich in den 100 Jahren verändert, aber die gute Qualität der Produkte ist geblieben", hielt Metzger fest. "Dank der Dynamik der Bauernfamilien hat die Genossenschaft überlebt und ist heute besser aufgestellt als je zuvor."
Bewegte hundert Jahre
Gegründet wurde die Saatzuchtgenossenschaft aus der Not. Regierungsrat Bruno Dammann liess die Geschehnisse von damals Revue passieren. Die Politik hatte die Versorgungslage um 1900 völlig falsch eingeschätzt. Man ging davon aus, dass die Schweiz Milch und Butter gegen Getreide und Kartoffeln tauschen kann. Weil in den umliegenden Ländern aber Krieg herrschte, waren keine Importe möglich.
Ernst Tschumi ergriff im Kanton St. Gallen die Initiative und legte 1919 den Grundstein für Gründung der Saatzuchtgenossenschaft. Im gleichen Jahr wurde in Wil die erste Saatgetreidereinigungsanlage eingerichtet. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Kartoffel- und Getreidesaatgut, aber auch Kleesamen vermehrt. Ab 1953 kam Saatmais mit Anbauschwerpunkt im Rheintal hinzu.
St. Galler mit Pioniergeist
Als 1970 die Reinigungsanlagen im Kanton geschlossen wurden, begann eine schwierige Zeit. Die Produzenten mussten ihr Saatgut zunächst nach Weinfelden in die Reinigung bringen. 1993 wurde auch diese Sammelstelle aufgehoben. In den darauffolgenden Jahren wurden viele kantonale Saatzuchtgenossenschaften aufgelöst, so die Zürcher, die Thurgauer und die Bündner. Auch der St. Gallischen drohte dasselbe Schicksal.
Hier aber schafften die Bauern die Wende. 1997 wurde die Swissmais GmbH gegründet, die dem Saatmaisanbau im Rheintal wieder Aufschwung brachte. Von da an ging es aufwärts. 1998 fiel der Startschuss für die Vermehrung von Grassamen, wofür die Genossenschaft Jahre später mit dem Agropreis geehrt wurde. Ab 1999 wurden alte Kartoffelsorten angebaut, die wohl bekannteste ist der "Blaue St. Galler".
Erfolg mit Nischen
Ein weiterer Meilenstein ist die Ölsaatenproduktion. Ab 2006 begann die Saatzuchtgenossenschaft an der Landwirtschaftlichen Schule in Flawil mit der Herstellung von kalt gepresstem Speiseöl – der Grundstein für die Erfolgsgeschichte "St. Galler Öl". 2011 verabschiedete sich die St. Gallische Saatzuchtgenossenschaft schliesslich von der Vermehrung von konventionellem Getreide- und Kartoffelsorten und konzentriert sich seither auf den Anbau, die Veredelung und die Vermarktung von Nischenkulturen.
"Die St. Gallische Saatzuchtgenossenschaft hat sich immer wieder neu erfunden", schloss Bruno Dammann. Mit Geschick, Mut und Leidenschaft sei es der Genossenschaft gelungen, sich als erfolgreicher Nischenplayer zu etablieren. Auch SBV-Präsident Markus Ritter war unter den Gratulanten. Er schloss sich Dammann an, indem er sagte: "Sie haben es geschafft, Produkte mit einer Geschichte zu entwickeln, mit denen die Bauern eine bessere Wertschöpfung und kostendeckende Preise erzielen." Zu diesem Erfolg trage sicherlich auch die gute Zusammenarbeit zwischen der Saatzuchtgenossenschaft, dem LZSG und den Bauern bei.
Gut besuchter Tag der offenen Tür
Am Samstag feierte die Genossenschaft ihr 100-Jahr-Jubiläum dann mit der Bevölkerung. Am LZSG in Flawil fanden Führungen "vom Samen bis zum Öl" statt. In Versuchsfeldern wurde der Anbau von verschiedenen Kulturpflanzen vorgestellt. Es gab Ausstellungen, Rundgänge und jede Menge St. Galler Köstlichkeiten zum Probieren. Laut Christoph Gämperli, Geschäftsführer der St. Gallischen Saatzuchtgenossenschaft, zählte man rund 1000 Besucher.

