








Den Lake District in Nordwestengland besuchen jährlich 13 Millionen Menschen. Anfang Juni gehörte eine 13-köpfige Leserreise-Gruppe dazu. Der Bus war kleiner als bei anderen Reisen, was bei den Fahrten über die teilweise sehr engen, holprigen und kurvigen Strassen von Vorteil war – von den Zufahrten auf die Betriebe nicht zu reden.
Wie bewirtschaften englische Bauern ihr Land? Welche Fruchtfolge haben sie, wie halten sie ihre Tiere und wie sieht es mit den Direktzahlungen aus? Zusammengefasst: Die Herausforderungen sind in der Schweiz und in England sehr ähnlich. Wegen einer Tierseuche wurde ein Besuch abgesagt, auf den Betrieben diskutierten die Besucher und die englischen Landwirte stets über die Ansprüche von Regierung und Konsumenten, Bodenpreise und Pflanzenschutzmittel.
Eine junge Pächterin übernimmt eine grosse Vergangenheit
Amy Dixon zum Beispiel konnte im November 2025 die Pacht der Hilltop-Farm übernehmen. Verpächterin ist National Trust, die grössten Organisation Europas für Kultur- und Naturschutz. Die Ansprüche an die junge Pächterin und ihren Partner sind hoch. Dazu kommt, dass die Hilltop-Farm einst der Kinderbuchautorin Beatrix Potter («Peter Hase») gehörte und gleich neben ihrem einstigen Wohn- und Arbeitsort. Der Besucheransturm ist riesig, jährlich sind es zwischen 80'000 und 90'000 Menschen, die Amy Dixon bei der Arbeit zugucken und sich mit Kommentaren nicht zurückhalten: «Viele möchten gerne für uns bauern», sagt sie und seufzt. Um sich ein zusätzliches Standbein zu schaffen und Verständnis für die Landwirtschaft zu schaffen, bietet Dixon geführte Spaziergänge auf ihrem Betrieb an. Denn ihre Schafherde muss zum Beispiel morgens und abends den (sehr gut gefüllten) Besucherparkplatz überqueren, um auf die Weide zu gelangen.
Auf Geheiss der Regierung musste sie die Tierzahlen reduzieren, von über 500 Schafen auf rund 180 Tiere und von über 40 Rinder auf 22 Stück. Eine Herde der seltenen Herdwick-Schafe gehört quasi zum Pachtvertrag. Bereits Beatrix Potter züchtete diese Tiere und knüpfte die Schenkung ihres Anwesens an den National Trust an die Bedingung, dass die Zucht weitergeht. Die Tiere sind ortsgebunden, das Wissen, an welchen Hang sie gehören, geht von den Müttern an die Lämmer weiter. Die Tiere sind robust und ausser zur Ablammzeit ganzjährig draussen.
Rindermast, Schafe, Schweine sowie Seife und Stoffe aus dem Lake District
Robust geht es auch bei John Atkinson der Nibthwaite-Grange-Farm zu. Er bewirtschaftet den Betrieb in der sechsten Generation und setzt auf Rindermast (100 Tiere), Schafe (400 Stück) und einige Schweine, deren Fleisch von lokalen Metzgern verarbeitet werden. Die Rinder sind auf Weiden, die rund 3 Kilometer vom Heimbetrieb entfernt sind. Auf der Weide des Betriebs sind nur wenige, recht spezielle Tiere. Etwa der Lamahengst Persimon, der vom Besuch der Gruppe aus der Schweiz wenig begeistert war und von Atkinson in letzter Minute an einer Spuckattacke gehindert wurde.
Atkinsons Partnerin Maria Benjamin hat in den letzten Jahren zwei weitere Standbeine aufgebaut: zum einen produziert sie Seifen aus der Milch der beiden Jersey-Kühe, zum anderen vermarktet sie die Wolle der eigenen Schafe und der Schafe der Landwirte aus den 13 Tälern des Lake Districts. Sie setzt konsequent auf die Herkunft der Wolle und hat sich so erfolgreich eine Nische geschaffen. Neben dem Hofladen verkauft sie in einem Geschäft in einem der grösseren (Touristen-)Orte des Lake Districts, sehr viel läuft über ihren Online-Shop.
Schafzüchter aus Leidenschaft, Touristenführer aus Pragmatismus
Auch Gary und Hazel Miller haben einen Betrieb im Lake District, genannt Miller Farming. Sie setzen seit vielen Jahren auf Biodiversitäts-Förderung und haben vielfältige Lebensräume geschaffen. Den Betrieb bauten sie auf dem Land von Hazel Millers Grossvater auf, nach und nach wuchs er auf rund 100 ha. Gary Miller ist von Haus aus Sanitärinstallateur, seit Kindheit züchtet er mit Leidenschaft Schafe und bildet Hunde aus. Die Touren über seine Farm macht er sehr pragmatisch, weil sie Geld bringen. Reden sei eigentlich nicht so sein Ding, sagt er – aber es helfe, zum Beispiel den Preissturz im Eiermarkt aufzufangen. Eine Herde von 6000 Freilauflegehennen ist eines der Standbeine des Betriebs, dazu kommen 320 Schafe, 50 Stück Rindvieh mit rund 15 Kälbern und zwei Muttersauen mit Ferkeln. Ihr Fleisch verarbeitet ein lokaler Metzger zu (sehr leckeren) Würsten, die im Hofladen verkauft werden.
Beeindruckt zeigten sich die Teilnehmer der Leserreise immer wieder von der Gastfreundschaft: Bei Familie Miller gab es ein Mittagessen in der Stube mit Würstchen, Eiern, selbstgebackenem Brot und einem reichhaltigen Dessert.
Typische englisches Wetter, mit Madeira versüsst
Landwirt Tom Fairfax von der Mindrum-Farm an der schottischen Grenze versorgte die ganze Gruppe im Bus kurzerhand mit Madeira, um den Regen vergessen zu machen.
Denn das Wetter zeigte sich von seiner typischen Seite: Sonne, Wind und Regen wechselten teilweise im Viertelstundentakt, Sonnenbrille, Hut, Regenjacken und Schirme hatten Dauereinsatz.
Tom Fairfax war einer der Landwirte, die am LEAF-Netzwerk mitarbeiten. LEAF steht für Linking Environment And Farming, den Versuch also, Landwirtschaft und Umwelt zu verbinden. Die Schweizer Gruppe, die mit IP-Suisse und den Schweizer Biorichtlinien mehr als vertraut war, zeigte sich das eine oder andere Mal erstaunt: Grasmischungen sind in England keine Selbstverständlichkeit. Dem Boden Sorge tragen war für die erfahrenen Schweizer LandwirtInnen keine neue Erkenntnis. «Wer nur 25 Hektaren bewirtschaftet, muss halt sorgfältig arbeiten», liess ein Teilnehmer seinen englischen Berufskollegen wissen.
Über die Grösse der Betriebe zu diskutieren war für beide Seiten spannend: Zwar sind in England die Betrieb deutlich grösser, in Sachen Futterproduktion aber anspruchsvoll. «Einen Schnitt haben wir», sagte etwa Gary Miller – bei gutem Wetter könne er Heu einbringen, sonst halt Silage.
Beeindruckt waren die englischen Landwirte vom Schweizer Grundsatz «Bauernland in Bauernhand»: Grundsätzlich kann in England jedermann Landwirtschaftsland kaufen, der Verkauf ist weder an eine Ausbildung des Käufers geknüpft noch gibt es einen Maximalpreis. Auch die verschiedenen Programme der Regierung sind nicht an Ausbildungen gekoppelt, sondern daran, ob gewisse Bedingungen erfüllt werden, zum Beispiel bei den Biodiversitätsprogrammen.
Aufwändige Heckenpflege bringt wenig Geld
So haben David, Helen und ihre Tochter Carolin Rhodes auf ihrer New-Hall-Farm 32 Kilometer Hecken. Jedes Jahr pflegen sie einen Drittel. Die Regierung zahlt zwischen £ 5.40 and £ 22.97 pro Meter (also zwischen 5.80 Fr. bis 24.60 Fr.) fürs Pflanzen, Ersetzen oder die Pflege. Nicht sehr viel Geld für viel Arbeit: In Gassen, die als Strasse oder Wanderweg dienen, müssen Rhodes’ jährlich schneiden. Die Wanderwege entpuppten sich als englische Eigenart. Diese führen teilweise mitten durch die Felder und jedermann hat das Recht, sei ganzjährig zu begehen. Was durchaus vorkommt, bestätigte etwa David Rhodes. Wanderer seien dabei das kleiner Übel sagte er und deutete auf Telefonstangen, die er am Rand seines Weizenfeldes hingelegt hatte: Diese dienen dazu, Motorrad- und Quadfahrer daran zu hindern, quer über die Kultur zu rasen. Beweisfotos für etwas, das schwer vorstellbar ist, zeigte er der Gruppe auf dem Handy.
Im John-Deere-Anhänger zum Melkroboter
Der allerletzte Betriebsbesuch versammelte die Gruppe nicht auf Quads, sondern im Anhänger eines John-Deere-Oldtimers. Bill Dilk, der Pächter der Holly-House-Farm, sammelt Traktoren, sein ältestes Modell hat Jahrgang 1937. Nach dem Fachsimpeln in der Werkstatt ging es frisch erweiterten (Bio-)Milchviehstall. Dort melken zwei Roboter 120 Montbéliarde-Kühe, weitere 62 werden im Melkstand gemolken. Dilk gab die Milchleistung mit 8'500 l/Laktation an, Ziel sind 10'000 l/Laktation. Der Milchpreis liegt zwischen 46 und 57 Rp/l, für konventionelle Betrieb rund 10 Prozent tiefer. Dilk, über 80-jährig und äusserst rüstig, genoss den Besuch sichtlich und schenkte in seiner «Jägerstube» grosszügig Schlehengin aus. Mit Hilfe von Wildhütern hält er die Fuchspopulation in Schach und sorgt dafür, dass jedes Jahr grosse Fasanjagden stattfinden können.
Die Woche in England führte nicht nur auf Betriebe, sondern auch in Gärten und Schlösser. Die Bauten beeindruckten, die Gärten inspirierten. In Erinnerung bleiben aber die Gespräche mit den englischen Berufskollegen und die Erkenntnis, dass es in England zwar keine Wölfe gibt, die Herausforderungen im Alltag aber sehr ähnlich gelagert sind.

