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Hagenbuchs Randnotizen: Über die Uhr, die tickt

In seiner Kolumne «Hagenbuchs Randnotizen» erzählt Sebastian Hagenbuch monatlich von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem aus seinem Leben als Landwirt. Dieses Mal verabschiedet er sich in die Ferien.

Meine Uhr – ein über zehn Jahre altes Weihnachtsgeschenk meiner Eltern – tickte nicht mehr richtig. Der Höhenmesser funktionierte schon lange nicht mehr (nicht dass dies die Hauptaufgabe einer Uhr wäre, aber bei Bergtouren war das doch immer wieder hilfreich), und die Intervalle, in denen ich die Batterie hätte wechseln sollen, wurden immer kürzer. Die alte Uhr schien den täglichen Herausforderungen in der Landwirtschaft nicht mehr ganz gewachsen: Die sympathische Frau im Uhrengeschäft fragte mich jeweils, ob ich die Erde, welche sich in der Uhr angesammelt hatte, gerne wieder mit nach Hause nehmen möchte.

Nun denn, Batterien wechseln kostet Zeit und Geld, ich wollte also eine neue Uhr. Gesagt, getan, ich war ungewohnt entscheidungsfreudig und ging mit meiner neuen Uhr nach Hause. Am Abend legte ich sie auf den Nachttisch, wollte schlafen, und da hörte ich es. Ticktack, ticktack … Der Puls der Quarzuhr war leise, aber einmal gehört, wollte er sich partout nicht mehr ausblenden lassen. Nach einer schlaflosen Weile stand ich auf, brachte die Uhr ins Badezimmer, wo sie gerne die Zahnbürste weiter anticken konnte.

Wieder im Bett, begann es im Kopf zu rattern, zwar geräuschlos und doch irgendwie laut. Die tickende Uhr hatte Spuren hinterlassen: Der Schlaf – sonst eine meiner Kernkompetenzen – wollte nicht kommen. Stattdessen dachte ich über die tickende Uhr nach, und mir fuhr eine simple Erkenntnis deutlich in die Knochen: Jeder vergangene Tag ist weg, kommt nicht mehr wieder, und es bleiben immer weniger übrig. Die Uhr tickt.

Manchmal erschüttern einen Binsenweisheiten

Das gibt es ja hin und wieder: Dinge, die man eigentlich weiss, schon zigmal gehört oder gelesen hat, gelangen plötzlich vom Abstrakten («Ja, ich weiss, das ist schon so») ins Konkrete («Oh Gott, genau so ist es, ich fühl’s voll») und erschüttern einen fast schon ein wenig. Das kann eine triviale Binsenweisheit oder hochstehenderes Gedankengut sein.

Dank dieser Uhr habe ich mich nun also entschlossen, den Betrieb auf biovegane Lebenslandwirtschaft umzustellen, fünf neue Traktoren samt Rundballenpressen zu kaufen, mein Pensum auf 60 Prozent zu reduzieren und in die Direktvermarktung einzusteigen.

Ähm, nein, natürlich nicht. Der Schlaf kam dann doch noch früh genug. Der Wecker klingelte ebenfalls gewohnt früh, und tagsüber warteten auch genügend Pflichten, damit das Leben in gewohnten Bahnen seinen Kreis zog.

So ganz liess mich das Gefühl von den Tagen, die ähnlich wie bei einer Sanduhr verrinnen, aber doch nicht los. Zumal ja wieder einmal dieser ominöse Silvester vor der Tür stand, die Zeit der Rückschau und des Ausblicks.

Und jetzt, für mich gerade zur rechten Zeit, kommt die grosse Chance für eine etwas längere Auszeit. Mit meiner Freundin reise ich für einen Monat nach China. Wieso China? Wir wollten irgendwo hingehen, wo es maximal anders ist als in Unterlunkhofen. Ich freue mich sehr darauf, wieder einmal zu erfahren (und nicht nur zu wissen), dass die Welt eine komplett andere sein kann, als wir es gewohnt sind. Und wer weiss, vielleicht rückt so ein längerer Abstand vom Betrieb das eine oder andere in ein neues Licht und hilft dabei, den Kompass für die nächsten Jahre so zu justieren, dass es für meine Liebsten und mich stimmt. Ich freue mich darauf.

Hagenbuchs Randnotizen

Sebastian Hagenbuch ist Landwirt und Agronom. Er führt einen Betrieb mit zwei Standorten in Rottenschwil und Unterlunkhofen im Kanton Aargau. Hagenbuch erzählt in seiner Kolumne von Alltäglichem und Aussergewöhnlichem, wechselt ab zwischen Innen- und Aussensicht, immer mit kritischem Blick und einem Augenzwinkern.