Die Bergbauernschule im Berner Oberland erhält einen kostspieligen Kuhstall – und der steht im Sommer leer. So titelte SRF kürzlich über den Neubau am Standort Hondrich. Schnell wurde Kritik laut, auf politischer Ebene ebenso wie unter Bäuerinnen und Bauern. Viele stellen sich die Frage: Wer bestimmt, was in einem solchen Stall eingebaut wird? Braucht es wirklich Roboter? Passt diese Infrastruktur ins Berggebiet, obwohl solche Ställe dort kaum nachgebaut werden dürften? Und ist es nicht Verschwendung, wenn der Stall im Sommer leer steht?
Die BauernZeitung hat nachgefragt – beim Inforama, das für Ausbildung, Beratung und Weiterbildung in der Landwirtschaft zuständig ist, und bei der Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) des Kantons Bern.
Erfahrungen aus Zollikofen
Wie machen es die Zürcher?
Die Diskussionen um mögliche Luxusställe, wie sie im Kanton Bern nach Zollikofen nun auch in Hondrich geführt werden, lassen nach Vergleichsobjekten suchen. Ein Blick nach Zürich: Der Bau des Kuhstalls am Strickhof in Lindau ZH war Teil des umfassenden Projekts «Agrovet-Strickhof», eines Bildungs- und Forschungszentrums, das gemeinsam vom Kanton Zürich, der ETH Zürich und der Universität Zürich realisiert wurde. Das Gesamtprojekt umfasste neben dem Milchviehstall auch weitere Einrichtungen wie Jungvieh- und Rindermastställe, ein Stoffwechselzentrum sowie ein Büro- und Laborgebäude. Die ursprünglich veranschlagten Gesamtkosten für das Projekt beliefen sich auf 58 Millionen Franken, finanziert je zur Hälfte durch den Kanton Zürich und die ETH Zürich. Im Mai 2014 bewilligte der Kantonsrat einen Kredit von 29 Millionen Franken. Aufgrund fehlerhafter Planung entstanden jedoch Mehrkosten von 3 Millionen Franken, sodass sich die Gesamtkosten auf 61 Millionen Franken erhöhten. Der Bau begann im Jahr 2015 und die Eröffnung des Zentrums fand im September 2017 statt.
Am Inforama Rütti in Zollikofen ist ein vergleichbarer Stall mit moderner Technik bereits in Betrieb. Dort haben sich laut Kaspar Grünig, Direktor Inforama, insbesondere die Fütterungs- und Entmistungsroboter bewährt, die eine deutliche Zeitersparnis bringen. Doch, so Grünig, direkt vergleichbar seien die beiden Ställe nicht. In Zollikofen sei der Stall ausdrücklich für Versuchszwecke konzipiert worden, während in Hondrich kein Versuchsstall geplant sei.
Auf die Frage nach den Reaktionen antwortet Grünig: «Wenn ein Stall gebaut wird, wird dies in Fachkreisen immer kontrovers diskutiert.» Beim Inforama seien zahlreiche interne und externe Besprechungen durchgeführt und verschiedene Fachpersonen einbezogen worden. Basierend auf diesen Gesprächen seien Optimierungen vorgenommen worden. Der häufigste Diskussionspunkt sei die Melktechnik gewesen, wo die Entscheidung noch nicht abschliessend gefallen sei. Es seien unterschiedliche Varianten berechnet und bewertet worden.
Neben der Wirtschaftlichkeit spielten auch andere Faktoren eine Rolle: ein hoher Weideanteil, Tierwohl, Arbeitswirtschaftlichkeit, Flexibilität und die Bedürfnisse von Bildung und Beratung. Die Robotik gehöre heute wie die traditionelle Technik zum Unterricht. Deshalb lege man Wert darauf, dass der neue Stall mehreren Zwecken dient.
Für die Qualität und Zukunftsfähigkeit des Bildungsangebots in Hondrich sei der neue Stall von grosser Bedeutung, so Kaspar Grünig weiter: «Der Stall ist eines der wichtigsten Elemente des Kompetenzzentrums Alp- und Berglandwirtschaft in Hondrich.» Er bilde die Grundlage für den Betrieb, der wiederum das Rückgrat der Ausbildung, Weiterbildung und Beratung darstelle. Zudem liefere der Stall die Milch für die Schulkäserei. «Der Wissenstransfer lässt sich an einem Betrieb am besten zeigen, auf dem die Bildung ‹zu Hause ist› und auch mal Sonderwünsche stellen kann.»
Technik – praxisnah vermittelt
Kaspar Grünig betont, dass moderne Technik die Ausbildung nicht praxisfremd mache, sondern vielmehr aktuelle und zukünftige Trends aufzeige. Roboter gehörten vielerorts bereits zum Alltag. Gleichzeitig würden auch traditionelle Systeme – etwa von Alpbetrieben – im Unterricht behandelt. «Am Inforama Berner Oberland wird nicht nur Alpwirtschaft unterrichtet», so Grünig. Das Einzugsgebiet reiche bis ins Aaretal und ins Flachland. Auch für diese Betriebe müsse der Stall geeignet sein. Der Lehrplan gebe vor, was unterrichtet werde. «Die Fach- und Methodenkompetenz der Lehrpersonen bleibt zentral.»
Aufseiten der Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) beantwortete Projektleiter Stefan Andreas Keller vom Generalsekretariat die Fragen. Er weist darauf hin, dass die Ausstattung, Betriebsgrösse, der Standard sowie die Ausbildungsinhalte im Betriebskonzept durch die Wirtschafts-, Energie- und Umweltdirektion festgelegt wurden.
Dieses Betriebskonzept sei die Basis für die bauliche Planung und Projektierung durch das Amt für Grundstücke und Gebäude (AGG) mit dem beauftragten Planungsteam. Derzeit befinde sich das Projekt in der Phase «Bauprojekt».
Die eingesetzte Technik – darunter Fütterungs-, Entmistungs- und Melkroboter – wurde laut Keller vom Inforama und dem Amt für Landwirtschaft und Natur (Lanat) in Zusammenarbeit mit der Pächterfamilie bestimmt. Auch die Meinungen weiterer landwirtschaftlicher Organisationen aus dem Berner Oberland seien insbesondere bei der Wahl des Melksystems einbezogen worden.
Zuständigkeiten und Beteiligte
Die Planung und Projektierung obliegen dem Immobilienmanagement AGG der Bau- und Verkehrsdirektion sowie einem erfahrenen Planungsteam für Stallbauten. Die bauliche Konzeption und Umsetzung des vom Inforama bestellten Stalls liegen in der Verantwortung der BVD und des Planerteams. Dabei würden die Prinzipien der AGG-Immobilienstrategie berücksichtigt, so Stefan Andreas Keller. Die Kostenüberwachung folge dem Grundsatz: «Die richtige Investition am richtigen Ort.»
Einfluss der Praxis und Kritik
Auch das Praxiswissen sei eingeflossen. Dies sei möglich gewesen durch die Mitarbeit zahlreicher Angestellter des Inforamas, die selbst einen Betrieb führen, sowie durch den Einbezug landwirtschaftlicher Organisationen aus dem Berner Oberland.
Zur Kritik, der Stall sei überdimensioniert oder vermittle einen unrealistischen Standard, sagt Keller, dass der Stall in Grösse und Ausstattung mit anderen ähnlichen Betrieben zu vergleichen sei – mit Plätzen für Milchkühe, Jungvieh und Kälber. «Aufgrund der Bedürfnisse von Bildung und Beratung mussten einzelne Bereiche grosszügiger gestaltet werden, damit sie für den Unterricht geeignet sind», etwa bei Abkalbeboxen, Separierung oder Hygieneschleusen. Auch die angebaute Remise sei zu berücksichtigen. «Diese Mehrkosten sind für einen Schulbetrieb gerechtfertigt.»
Ist es ein Luxusstall?
Auf den Begriff «Luxusstall» entgegnet der Projektleiter, dass das Projekt auf einem fundierten Betriebskonzept basiert, welches mit der Pächterfamilie erstellt worden sei. «Die Bedürfnisse von Bildung und Beratung müssen im Vergleich zu anderen Ställen ebenfalls berücksichtigt werden.» Abgesehen davon passe der Stall zum Betrieb – das sei von Fachpersonen genau berechnet worden.
Wer trägt Verantwortung?
Die BauernZeitung wollte vom Kanton Bern wissen, welche Gremien oder politischen Instanzen in die Planung und Umsetzung für den Stallneubau in Hondrich eingebunden waren bzw. weiterhin sind. Betriebskonzept und Bestellung: WEU-Lanat-Inforama mit der landwirtschaftlichen Betriebsberatung und der Pächterfamilie. Kredit für den Neubau: Grosser Rat des Kantons Bern. Projektierung und Umsetzung: Bau- und Verkehrsdirektion (BVD) über das AGG, zusammen mit Stallplanern und Fachplanern. Weiter stellt sich die Frage, wer die übergeordnete Verantwortung für das Projekt trägt – sowohl inhaltlich als auch finanziell. Verantwortung Betrieb inhaltlich (Ausbildung landwirtschaftliche Praxis): WEU-Lanat-Inforama (Besteller, Nutzer). Verantwortung Betrieb wirtschaftlich: Existenzsichernder Betrieb für Pächterfamilie (Nutzer). Verantwortung finanziell: Für Projektierung sowie Planung und bauliche Umsetzung des Neubauvorhabens sind die BVD-AGG und das beauftragte Planerteam zuständig.

