Sie werden immer produktiver, haben aber immer weniger Einkommen: Warum verschwindet die Wertschöpfung auf den Landwirtschaftsbetrieben? Mathias Binswanger, Professor an der Fachhochschule Nordwestschweiz, kann es erklären. An der Liebegger Fachtagung für Spezialkulturen Anfang März erläuterte er das Modell der Tretmühle, in der Bauernfamilien stecken.
Zu wenig politischer Druck
In der Landwirtschaft treffen viele einzelne Anbieter auf wenige grosse Nachfrager, gemäss Mathias Binswanger ist das in der Schweiz sehr ausgeprägt. Das führt zu tiefen Produzentenpreisen. Während die Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft seit 1990 stark gestiegen ist, sanken gleichzeitig die Produzentenpreise. Die Konsumentinnen merken davon nichts – sie bezahlen mehr für Lebensmittel.
Das Geld bleibt gemäss Binswanger im Handel und in der Verarbeitung liegen. «Label wie Bio und Freiland lohnen sich für die Bauern kaum», zeigte er am Beispiel Geflügelfleisch: Für die Konsumenten steigt der Preis bei Bioprodukten stark an, für Produzenten deckt er nur den Mehraufwand. Dass die Wettbewerbskommission nichts zu den hohen Margen der Grossverteiler sage, sei eigentlich ungewöhnlich. «Da bräuchte es wohl mehr politischen Druck», vermutet er.
Rentabilität über Menge
Die Lebensmittelverarbeiter wünschen sich homogene Produkte, die sie nachher differenzieren und dadurch Wertschöpfung herausholen. Darum kann sich die einzelne Landwirtin kaum über die Qualität abheben und der Kampf um Rentabilität geht oft über die Menge.
Der Dozent für Volkswirtschaft nannte als Beispiel den Obstbau: Dort gibt es eine Verschiebung zu grossen Betrieben und Anbauflächen; die Produktionsmengen steigen dank höherer Produktivität. Beim Gemüse ist es ähnlich. Nur im Rebbau läuft es anders: Die produzierte Menge hat abgenommen, aber der Umsatz mit Wein- und Tafeltrauben steigt tendenziell an. «Hier ist es offenbar gelungen, verstärkt auf Qualität zu setzen, höhere Preise zu erzielen und die Wertschöpfung zu verbessern. Es ist qualitatives Wachstum möglich.» Unter den Produzenten von Spezialkulturen hätten die Winzerinnen und Winzer den entscheidenden Vorteil, differenzierte Produkte anzubieten, erklärte Binswanger. Und solche unverwechselbaren Produkte werden finanziell interessant.
Ansonsten ist die Preissensitivität der Menschen gerade bei Lebensmitteln ausgeprägt. Der Mensch regt sich auf, weil sein Jogurt im Laden zehn Rappen mehr kostet, bezahlt aber gelassen 100 Franken für ein elektronisches Spielzeug.
Essen soll billig sein
Das liegt gemäss Binswanger daran, dass Konsumenten mit Preisen im Lebensmittelsektor häufig konfrontiert sind, dort wird mit dem Preis geworben, die Menschen sind gut informiert. «Zudem erhöht das direkte Bezahlen den Trennungsschmerz vom Geld.» Das lässt sich durch spezifische Verkaufssituationen aushebeln – hier punktet der authentische Hofladen oder die sympathische Marktfrau.
Mehr Marktmacht gefragt
Direktvermarktung ist gemäss Mathias Binswanger die ideale Verkaufsform für Bauernfamilien – im Wissen, dass dies nur für einen Teil der Schweizer Landwirtschaft praktikabel ist. Wer seine Produkte direkt an die Kundschaft verkauft, behält die Wertschöpfung auf dem Betrieb und erzielt einen angemessenen Preis, ohne dass das Produkt übermässig teuer wird.
Als grundsätzliche Strategien, wie die Bauernfamilien wieder stärker an der Wertschöpfung partizipieren könnten, zählt Binswanger auf: Mehr Marktmacht, mehr Differenzierung, mehr Qualität.

