Ganz klar, grasende Kühe auf einer Weide lassen sich besser vermarkten als angebundene Kühe in einem Stall. Rund die Hälfte der Kühe in der Schweiz sind angebunden. Zumindest temporär. Während 60 Tagen in der Vegetationsperiode und 30 Tagen in der Winterfütterungsperiode müssen sie Auslauf erhalten. Und sie dürfen höchstens zwei Wochen am Stück angebunden sein. Das schreibt das Schweizerische Tierschutzgesetz vor. Das ist also das Minimum an Auslauf, das eine Schweizer Kuh erhält, immer vorausgesetzt, der Landwirt oder die Landwirtin hält sich an die Vorgaben. Viele Tierhalter gehen aber weiter. Drei Viertel der Betriebe beziehen laut Agrarbericht zusätzlich noch Raus-Beiträge. Diese Tiere erhalten also regelmässig Auslauf im Freien. Pro Monat 26 Tage von Mai bis Oktober und 13 Tage von November bis April.
In Österreich ist die Anbindehaltung bald verboten
Soviel zu den Fakten. Und die sind wichtig, geht es um das Thema der Anbindehaltung. Kürzlich konnte man lesen, dass Österreich die Anbindehaltung ab 2020 verbietet. Was auf den ersten Blick aufhorchen lässt, wird beim genaueren Hinsehen schnell relativiert. So bedeutet das rigoros wirkende Verbot der Anbindehaltung nichts anderes, als dass in Österreich ab 2020 Rinder nicht mehr länger als sechs Monate dauerhaft angebunden sein dürfen. Von einem gänzlichen Verbot der Anbindehaltung kann also keine Rede sein.
Auch in Süddeutschland stehen topografisch und strukturell bedingt noch viele Milchkühe in Anbindehaltung. Der deutsche Bundesrat stufte dieses Haltungssystem 2016 sogar als tierschutzwidrig ein. Der Deutsche Bauernverband sieht die Lösung in der Kommunikation und will die Akzeptanz der Anbindehaltung fördern. Denn weniger Kritik ernten die sogenannten "kombinierten" Haltungssysteme. Diese Systeme schreiben
90 beziehungsweise 120 Tage Bewegung im Laufhof, auf der Weide oder in Buchten vor. Von einem totalen Verbot ist also auch Deutschland noch weit entfernt. Der Blick über die Grenze zeigt, dass wir den Vergleich mit unseren Nachbarn nicht fürchten müssen.
Kritik trotz Fortschritt
Obwohl die Schweizer Anbindehaltung bereits ein gutes Stück weiter als im Ausland ist, wird sie zunehmend kritisiert. Wikipedia, eine Hauptinformationsquelle der heutigen Gesellschaft, formuliert es ganz plakativ: "In der Rinderhaltung ist die Anbindehaltung eine auslaufende Haltungsform im deutschsprachigen Raum." Wird in der Schweiz neu gebaut, handelt es sich bei einer grossen Mehrheit um Laufställe. Anbindeställe entstehen noch dort, wo wegen des Geländes der Platz für einen grosszügigen Freilaufstall schlicht nicht vorhanden sind. Auch der finanzielle Aspekt spielt eine Rolle.
Vor diesem Hintergrund gründete sich vor einigen Jahren die IG Anbindestall, die sich für die Anliegen der Landwirte, die ihre Kühe angebunden halten, einsetzt. Seit Beginn hat sie sich gegen das Verbot des elektrischen Kuhtrainers in neuen Ställen gewehrt, welches seit 2013 gilt. Ob das für die Akzeptanz der Anbindeställe in der Gesellschaft förderlich ist, darf bezweifelt werden. Die Suche nach funktionierenden, erschwinglichen Alternativen ist daher richtig. Denn ob man will oder nicht, die Landwirtschaft erzeugt eine Wirkung nach Aussen. Die Gesellschaft ist auf Tierhaltungsthemen sensibilisiert, wie die Diskussionen von vergangener Woche jüngst wieder aufgezeigt haben. Neu eingebaute elektrische Kuhtrainer sind schlicht nicht mehr zeitgemäss.
Haltungssysteme nicht gegeneinander ausspielen
Das trifft aber nicht für das Haltungssystem an sich zu. Die Schweiz hat sowohl topografisch wie auch strukturell bedingt Platz für Anbindeställe. Wichtig ist, dass auch in Zukunft noch die Wahlfreiheit zwischen beiden Systemen besteht. Oder, wer noch einen Schritt weiter denkt, welches System der Hofnachfolge am meisten Vorteile verschaffen könnte. Denn beide haben ihre Vor- und Nachteile. Vorteile für rangniedrige Tiere und Klauengesundheit in Anbindehaltung stehen Bewegungsfreiheit und Komfort im Freilaufstall gegenüber. Aber bei beiden Systemen bedeutet eine schlechte Umsetzung Abstriche im Tierwohl. Gesunde Kühe gibt es in beiden Systemen, das sagt auch der bekannte Kuhsignal-Trainer Christian Manser. Wichtig ist, dass der Faktor Mensch stimmt. Die verschiedenen Haltungssysteme gegeneinander auszuspielen ist ebenso wenig zielführend, wie ein gut funktionierendes System salopp zu verurteilen.

