Schon bald geht’s los. Ab auf die Alp Baumgarten ins Schangnau BE. Obwohl, wie bald genau, weiss ich nicht, denn die Alpauffahrt hat sich verzögert.
Das erste Mal seit langem, dass mir das Wetter zeigt, wer von nun an der Chef ist. Von nun an und für die nächsten drei Monate, wird das Wetter nicht nur meinen Gemütszustand, sondern auch den Tagesablauf bestimmen. Ich hoffe schon schwer, dass es sich diesen Sommer noch von einer etwas sonnigeren Seite zeigen wird, als es dies in den letzten Wochen tat.
Obwohl, ich bin mir schon bewusst, dass ein Alpsommer nicht immer nur Friede, Freude, Eierkuchen ist.
Die Gründe:
Doch wie kommt jemand wie ich, eine junge Journalistin, dazu einen Sommer lang auf die Alp zu gehen? Diese Frage habe ich in der letzten Zeit oft gehört. Und die Antwort darauf ist vielfältig.
Zum einen fühle ich mich auch als Agrarjournalistin mehr als Landwirtin, denn als Bürogummi. Denn diese Lehre habe ich gemacht, weil mir die vielfältige Arbeit mit Tieren, Pflanzen und Maschinen am besten gefällt unter allen Berufen. Das ist noch immer so. Nur habe ich eben nach der Lehre noch die Berufsmatura und das Tech gemacht, sodass ich jetzt halt studierte Landwirtin bin und dieses Wissen auch anwenden und weitergeben möchte. Trotzdem fehlt mir die körperliche Arbeit an der frischen Luft, insbesonders im Sommer sehr. Es ist ein schönes Gefühl, morgens früh aufzustehen und die Tiere zu begrüssen, ihnen zu fressen zu geben und dabei langsam aufwachen zu können.
«Es ist egal, was ich anziehe»
Ich freue mich darauf, dass ich nicht jeden Morgen überlegen muss, was ich nun anziehen soll und wie ich meine Haare frisieren soll, weil sonst die Kollegen im Büro fragen, ob es mir gut gehe oder ob ich krank sei. Den Tieren ist das, glaube ich, egal. Hauptsache ich behandle sie mit Gefühl und schaue dafür, dass ihre natürlichen Bedürfnisse gestillt werden.
Ich freue mich darauf, nicht mehr mit dem Tram zur Arbeit fahren zu müssen. Wobei das Tramfahren ja eigentlich etwas Schönes ist, besonders weil die Strecke unseres «Blauen Bähnli» von Worb bis nach Bern weitgehend durch die grüne Landschaft mit Ausblick auf die Berge fährt. Was ich jedoch nicht mehr sehen will, sind die vielen Menschen, die am Morgen schon ein Gesicht machen wie sieben Tage Regenwetter und dabei nur in ihre Handys glotzen, statt aus dem Fenster.
Und ich freue mich, dass ich der Hektik des Alltages entfliehen kann. Bestimmt wird es auch auf der Alp Momente geben, wo man die «Hingere muess füre nä», aber es gibt keinen vollgestopften Terminkalender, keine ständig klingelnden und surrenden Telefone und Leute, die wieder irgendetwas von mir wollen und ich vergesse, wo ich eigentlich gerade dran war.
Die Kondition fehlt
Aber ich habe auch Respekt vor meinem Alpsommer. Respekt vor der körperlichen Anstrengung, die ich zweifelsohne besonders am Anfang spüren werde. Sicher schmerzen mich dann all meine Muskeln, auch die, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie habe. Ich meine, ich bin schon ziemlich ein aktiver Mensch, und habe gefühlt auch mehr Energie als viele meiner Mitmenschen. Aber, mir fehlt die Kondition. Und das werde ich spüren.
Geissen melken
Wovor ich besonders Respekt habe, ist das Geissen Melken – von Hand – das habe ich nämlich noch nie gemacht. 15 weisse Saanengeissen kommen mit auf «Baumgarten», 30 Simmentalerkühe, Nachzuchtrinder und auch Schweine. Auf der Alp Baumgarten werde ich nicht der einzige Mensch sein. Nein, ich unterstütze dort den Senn und die Sennin sowie den Hofknecht bei allen möglichen Arbeiten. Ganz bestimmt werde ich melken und auch beim Käsen mithelfen und schauen, dass es den «Guschti» gut geht.
Dies ist für mich eine grossartige Chance, das Leben und die Arbeiten auf der Alp kennen zu lernen. Ich bin froh, dass ich mit Leuten auf die Alp «Baumgarten» gehen kann, die dies schon viele Sommer lang machen und wissen wie es geht.
Hörner sind schön, aber...
Ich möchte mich jetzt schon bei ihnen bedanken, dass sie mir diese Chance geben. Schon lange träume ich davon, einen Sommer lang z’Alp zu gehen. Denn mir gefällt es in den Bergen. Mir gefallen die Kräuter, die dort wachsen, die Vögel, die dort zwitschern und fliegen und die Bächlein, die gurgelnd gegens Tal fliessen. Ebenfalls gefallen mir die schönen Simmentalerkühe mit ihren Hörnern. Aber ich habe auch etwas Respekt vor ihnen. Denn ich habe noch nie mit Kühen gearbeitet, die Hörner tragen. So schön sie auch aussehen, ist es aber auch gefährlich. Wie schnell hat doch eine beim Anbinden den Kopf verworfen.
Freuen tue ich mich auch auf die Einfachheit. Obwohl einfach wohl eher auf die Einrichtung der Alphütte zutrifft und nicht unbedingt die Arbeit und das Leben unter diesen Umständen. Allein der Platz in der Alphütte macht es unmöglich, viele Dinge mitzunehmen. Dass wir auf der Alp einen Betruf sprechen werden ist sehr unwahrscheinlich. Trotzdem wird vieles für mich neu sein. (Video et)
Digital-Detox
Meine Idee ist es, soweit wie möglich auf elektronische Geräte verzichten. Denn ich möchte ja dort sein, auf Baumgarten, und zwar voll und ganz mit Leib und Seele. Ich weiss aber schon jetzt, was der schwierigste Punkt sein wird, und zwar mein iPhone. Denn ich bin ein Teil-Mensch – ich will immer alles mit meinen Mitmenschen teilen – sei es feines Essen, aber auch schöne Momente. Gerne würde ich möglichst viele Menschen an meinem Alpsommer teilhaben lassen über Fotos und Videos. Zudem fände ich es schön, wenn mich möglichst viele Freunde auf der Alp besuchen kommen würden. Andererseits mache ich dieses «Abenteuer» ja für mich und nicht für die anderen. Ich weiss aber auch, dass es oft nicht so spannend ist, Fotos aus den Ferien von anderen anzuschauen, wenn ich nicht selber dabei war.
Also ist es mein Vorsatz, mein Handy währen des Alpsommers nur zum Telefonieren mit den Alpleuten und für meine engsten Leute zu nutzen, am Abend nach getaner Arbeit. Zudem schreibe ich für die BauernZeitung, jede zweite Woche, ein kurzes Alptagebuch. Wer sich also für meine Erlebnisse interessiert, kann diese so mitverfolgen.
Ein weiterer Knackpunkt des «einfachen» Lebens ist meine elektrische Schallzahnbürste. Soll ich sie nun mitnehmen oder nicht? Leben ohne elektrischen Strom oder doch lieber gesunde Zähne? Obwohl, der Stromverbrauch der Zahnbürste massiv geringer ist, als der des Handys, mache ich mir darüber Gedanken. Beim Handy überlege ich schon gar nicht, es zu hause zu lassen. Das ist eigentlich schon verrückt.
Alleine mit fremden Leuten
So fest ich mich auf das «einfache» Alpleben freue, umso mehr macht mir ebendieses auch Gedanken. Wie wird es sein, drei Monate lang mit fremden Leuten eng zusammenzuarbeiten und mich nur mit diesen austauschen zu können? Werden sie mich akzeptieren? Denn nicht nur für mich ist die Situation neu, sondern auch für sie. Jahrelang hat das Älplertrio den Sommer alleine auf der Alp gemeistert. Und jetzt, da das Alter und die strenge Arbeit langsam ihre Spuren zeigen, merken sie, dass sie um eine tatkräftige Unterstützung froh wären. Und dann kommt da so ein «Frölein» aus dem Büro! Kann die das? Kommt das gut?
Ich kann nur soviel versprechen: Ich gebe alles dafür, damit ich für die Älpler eine Erleichterung und auch Freude bringen kann!

