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Wer hat den Kräuterernter erfunden?

Ricola-Bonbons verdanken ihren Geschmack den Kräutern aus dem Berggebiet. Auch die Emmentaler Landwirte Matthias Linder und Christian Schütz produzieren Kräuter. Die beiden haben einen Kräuterernter entwickelt und gebaut und so die maschinelle Ernte optimiert.

Kurz & bündig

- Matthias Linder und Christian Schütz produzieren im Emmental Kräuter für verschiedene Abnehmer. - Die Ernte im Berggebiet stellt hohe Ansprüche an die Technik. - Am Markt sind kaum geeignete Maschinen verfügbar. - Die beiden Landwirte entwickelten einen Eigenbau, welcher alle Praktikeransprüche erfüllt.

Nein, das ist kein Mähdrescher im Kleinformat, sondern ein Ernter für Kräuter. Es ist die Haspel am 1,77-Meter-Schneidwerk, die an einen Mähdrescher erinnert. Der Kräuterernter, der noch über keinen Namen verfügt, wiegt 2,7 Tonnen und steht auf einem Raupenfahrwerk mit einer Spur von 1,5 Metern. Das passt zu den Kräuterbeeten.

Nach dem Schneidwerk mit Einzugsschnecke und Bandförderung gelangen die Kräuter mit einem Spezial-Förderband in den Bunker. Das steil laufende Band hat ein Gegenband. Dieses liegt auf dem unteren Band auf und läuft mit gleicher Geschwindigkeit. Dazwischen werden die Kräuter, wie der Käse im Sandwich, beidseitig gehalten. So rutschen sie nicht nach unten.

Kräuterproduzenten entwickeln eigene Lösung

Die Maschine verfügt über weitere raffinierte Lösungen zur schonenden Behandlung der Kräuter. Als Besonderheit werden die Pflanzen beim Übergang vom Bandförderer in den Bunker geschnitten. Dank dem Schnitt auf rund 12 Zentimeter Länge verkürzt sich die Trocknungszeit um einen Drittel.

Besitzer und Erfinder des Prototypen sind die Kräuterproduzenten Matthias Linder aus Heimiswil BE und Christian Schütz aus Zollbrück BE. Die Maschine wurde so gebaut, dass sie überbetrieblich eingesetzt werden kann, und grosse Flächenleistungen im Berggebiet bewältigt. Somit können mehrere Produzenten oder ein Lohnunternehmen eine solche Erntemaschine betreiben.

Linder und Schütz produzieren im Rahmen einer Produzentenorganisation Kräuter für Ricola und andere Abnehmer wie Swiss Alpine Herbs und Kennel. Beide bauen die Kräuter auf einer Höhe von rund 830 Meter über Meer an. Besonders gut gedeiht auf ihren Flächen Minze, von welcher sie verschiedene Sorten anbauen.

Trotz Haspel kein Mähdrescher, sondern ein Kräuterernter. Die Haspel stützt die Kräuter, die so besser geschnitten und zum Band-Einzug gefördert werden.
Trotz Haspel kein Mähdrescher, sondern ein Kräuterernter. Die Haspel stützt die Kräuter, die so besser geschnitten und zum Band-Einzug gefördert werden.

Bei der Erntetechnik für Kräuter gibt es Luft nach oben

Die Kräuterernte in den Schweizer Berggebieten erfolgt meistens mit selbstgebastelten Maschinen. Hier gibt es kaum Lösungen ab Werk, die mit den Bedingungen im Berggebiet optimal zurechtkommen. Oftmals basteln Landwirte mit vorhandenen Maschinen irgendetwas zusammen. Dabei wird beispielsweise ein Schneidbalken an einen Transporter montiert.

Das Ziel ist, die Kräuter zu schneiden und in einen Bunker zu bringen, ohne dass das Erntegut auf den Boden gelangt. Hobbytüftler können sich hier voll ausleben, die Ergebnisse sehen aber auch entsprechend aus.

Auf jeden Fall besteht bei der Mechanisierung viel Luft nach oben. Auch Matthias Linder und Christian Schütz ernteten bisher mit einem Allradfahrzeug und einem Aufbau. Allerdings ohne Haspel – und die Übergabe der Kräuter nach dem Schneiden an den Förderer gelang nicht immer störungsfrei.

Ein umfangreiches Anforderungsprofil für den Kräuterernter

Matthias Linder und Christian Schütz wälzten bereits seit einigen Jahren Pläne, um ein komplett neues Erntegefährt zu bauen. Das Projekt wurde im letzten Jahr realisiert und wird seit 2021 erfolgreich eingesetzt.

Dem Projekt kam zu Gute, dass Matthias Linder gelernter Polymechaniker mit diversen Weiterbildungen im Maschinenbau ist. Bei der Firma Aebi & Co AG in Burgdorf war er unter anderem in der Prototypen- und Test-Abteilung tätig. Die Erfahrung hilft ihm nun, eigene Maschinen zu entwickeln. Der Anbau der Kräuter und deren anspruchsvolle Ernte waren eine schöne Herausforderung für ihn, da er hier die Ansprüche als Anwender kennt und gleichzeitig wusste, was technisch machbar ist.

Am Anfang stand ein Anforderungsprofil an die Maschine, welches die beiden Landwirte minutiös ausarbeiteten. Das sollte der Kräuterernter können:

  • Ernte bergwärts und talwärts
  • Schonende Behandlung des Ernteguts
  • Bodenschonung durch Raupen und Leichtbau
  • Schneiden der Kräuter
  • Überladen auf 2,5 Meter Höhe
  • Störungsfreier Materialfluss vom Schneiden bis in den Bunker
  • Für die Ernte soll nur der Fahrer und keine weiteren Personen nötig sein
  • Transport der Maschine mit Auto und Anhänger (3500 kg)

«Der Kräuteranbau ist für uns ein wichtiger Betriebszweig. Die Nachfrage ist gut und wir können im Berggebiet gute Qualitäten liefern», sagt Christian Schütz, welcher auf 2,5 Hektaren verschiedene Minzen-Arten anbaut. Auch Matthias Linder sieht im Kräuteranbau eine Chance für das Berggebiet. Er wird bei Bedarf seine Fläche von 80 Aren noch ausdehnen.

Mehrere Nutzungen pro Jahr

Matthias Linder und Christian Schütz ernten ihre Minze zwischen Mai und Oktober, dabei sind drei bis vier Schnitte möglich. Der Abnehmer verlangt am Erntegut einen Blattanteil von mindestens 70 Prozent. Es hängt dann von der Erfahrung des Produzenten ab, wie tief die Kräuter geschnitten werden können, damit dieser Anspruch erfüllt wird. Nach der Ernte werden die Kräuter auf einen TS-Gehalt von 90 Prozent getrocknet. Einige Landwirte wie Christian Schütz haben eigene Trocknungseinrichtungen, andere geben die Kräuter auswärts zur Trocknung. Minze ist mehrjährig und kann während rund fünf Jahren genutzt werden.

Der Kräuterernter ist eine Investition in die Zukunft

Mit der neuen Maschine wurde nun auch die Leistung und die Qualität bei der Ernte den hohen Ansprüchen des Kräuteranbaus gerecht. Die Maschine verbessert die Effizienz und die Sicherheit beim Erntevorgang.

Die Kräuterbeete sind meist talwärts angelegt. Wären diese in Schichtlinie, käme es bei der Pflege zur Abdrift und die Beete würden verletzt. Bergwärts ernten ist selten ein Problem, die Kräuter lassen sich gut in den Bunker fördern. Talwärts wird es jedoch problematisch: Die sonst meist schon steil angeordneten Förderbänder stehen dann noch steiler. Deshalb kann oft nur in einer Richtung gefahren werden.

Aggressive Mitnehmer sind auch keine Lösung, da die Kräuter verletzt würden und dunkle Flecken entstehen, die nicht erwünscht sind. Gelöst wurde dies wie erwähnt mit dem Gegenband.

Das Raupenfahrwerk ist bodenschonend und hangtauglich. Alle Antriebe erfolgen hydraulisch. Die Kräuter werden mit einem Rollboden überladen.
Das Raupenfahrwerk ist bodenschonend und hangtauglich. Alle Antriebe erfolgen hydraulisch. Die Kräuter werden mit einem Rollboden überladen.

Gute Erfahrungen mit dem Prototypen

Der Kräuterernter wird mit einem 18,3 kW-Motor von Kubota befeuert. Alle Antriebe erfolgen hydraulisch über einen Ventilblock. Die Ölfördermenge aller Ventile lässt sich verstellen. Gesteuert wird das System mittels canbus. Der 3-Kubikmeter-Bunker wird an einem Teleskop-Rahmen ausgefahren, um genügend Überladehöhe zu gewinnen. Der Kräuteraustrag erfolgt letztlich mit dem Rollboden.

Die Maschine wird zwischen den beiden Betrieben mit einem Autoanhänger transportiert. Mit einem 3,5 Tonnen Anhänger und entsprechendem Zugfahrzeug lässt sich dies gewichtsmässig realisieren. Dies war ebenfalls eine Anforderung an den Ernter. Dank der positiven Erfahrungen mit dem Prototypen steht auch der Produktion einer Kleinserie nichts im Wege.

Das Unternehmen Semesis AG hat den Kräuterernter gebaut

Die Firma Semesis AG hat sich auf die professionelle Entwicklung von Neumaschinen entwickelt. Dabei entstehen Prototypen und Sonderanfertigungen nach Kundenwünschen. Matthias Linder gehört als Maschinenbauer zu den Gründern des Unternehmens. Am CAD wurde der Kräuterernter während 700 Stunden mit allen Teilen geplant. Die Maschine besteht aus rund 1000 Einzelteilen. Diese wurden dann zu grösseren Bauteilen zusammengeschweisst und pulverbeschichtet. Danach wurde die Maschine zusammengebaut. Von der Haspel bis zum Austragband im Bunker wurde alles neu entwickelt. Es gab keine Bauteile, welche als Basis für die Konstruktion hätten genutzt werden können. Auch die Raupenlaufwerke sind eigens entwickelt worden. Die Raupenlaufwerke verfügen über die Möglichkeit, bei engen Kurvenfahrten wie z.B. beim Wendemanöver am Feldende die Raupen in der Mitte nach unten zu drücken, so dass die Raupe nicht mehr auf der ganzen Länge auf dem Boden aufliegt. Dadurch wird der Landschaden auf ein Minimum reduziert. www.semesis.ch