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Die Schafskälte trat heuer verfrüht auf

Das Wetter-Ereignis ist ein Fixpunkt im landwirtschaftlichen Jahr und hat durchaus Substanz. Zu beobachten ist sie Mitte Juni, in den letzten Jahren trat die Schafskälte jedoch oft etwas weniger ausgeprägt auf. Aber wie sieht es heuer aus?

Zur Junimitte steht gemäss dem klimatologischen Kalender die Schafskälte an. Die Schafskälte ist eine Erscheinung, die in dieselbe Kategorie eingeordnet werden kann, wie die Eisheiligen, der Altweibersommer oder das Weihnachtstauwetter: Eine sogenannte meteorologische Singularität, ein Wetterereignis, das häufig, aber längst nicht immer, um dieselben Kalendertage eintritt.

Betrachtet man die aktuelle Wetterlage, so kann man durchaus von einer –etwas verfrühten – Schafskälte sprechen, allerdings geht es danach sofort wieder in Richtung Hochsommer.

Mal stärker, mal weniger

Dabei ist die Schafskälte durchaus eine Wetterregel, die auch Substanz hat. Gemäss einer Auswertung der Meteo Schweiz war die Schafskälte beispielsweise an der langjährigen Messstation Davos seit dem Jahr 1901 regelmässig zwischen dem 11. und 15. Juni zu beobachten.

In gewissen Perioden war sie zuverlässiger und stärker ausgeprägt, in anderen Perioden etwas weniger stark. Besonders ausgeprägt und zuverlässig trat die Schafskälte in den Jahren 1931 – 1960 auf, während sie in den letzten Jahren oft etwas weniger ausgeprägt und kürzer zu beobachten war.

Während die Eisheiligen dieses Jahr komplett ausgefallen sind und stattdessen die erste Hochsommerphase gebracht haben, so liegt die Schafskälte dieses Jahr in einem Graubereich. Denn der Donnerstag, 9. Juni, brachte tatsächlich einen Kaltlufteinbruch, der der Schafskälte alle Ehre machte, mit einem deutlichen Temperaturrückgang und Schneefall in den Alpen bis auf 2000 Meter hinunter. Streng genommen liegt der 9. Juni zwar nicht in der klassischen Periode der Schafskälte vom 11. – 15. Juni, aber das Wettermuster und der Temperaturrückgang passen so gut, dass man da durchaus ein Auge zudrücken kann.

Wärme statt Kälte?

Bleibt man hingegen bei den Kalendertagen streng konsequent, so zeigt sich dieses Jahr auch bei der Schafskälte dasselbe Bild wie bei den diesjährigen Eisheiligen: Zumindest vom 11. bis am 13. Juni folgt eine weitere Hochsommer-Phase. Neben der etwas formellen Analyse nach den Kalendertagen sind vor allem auch die Prozesse, die hinter der vorzeitigen Schafskälte und der darauffolgenden Hochsommer-Phase stecken, hochinteressant.

Einerseits ist schon nur die Geschwindigkeit, mit der der Übergang von Kälteeinbruch zu Hochsommer stattfindet, sehr eindrücklich. In der Kaltluft, die die Alpen im Laufe des Donnerstags erreichte, sank die Nullgradgrenze im Tagesverlauf auf rund 2200 Meter, wodurch kurzzeitig und lokal Schneefall bis unter 2000 Meter möglich war. Ganz im Trend der letzten Jahre war der Kaltluftschub jedoch nicht nachhaltig, sondern die Frontalzone wurde von Westen her rasch durch ansteigenden Luftdruck verdrängt. Mit diesem Druckanstieg erfolgte auch eine massive Erwärmung in der Höhe.

Und so stieg die Nullgradgrenze bereits in der Nacht auf Freitag wieder an, am Freitagnachmittag liegt sie auf knapp über 4000 Meter. Eine solch rasche Erwärmung in der Höhe ist eindrücklich, in den letzten Jahren konnte man solche Prozesse jedoch öfters beobachten. Während sich der Sommer in den Bergen also bereits am Freitag wieder durchsetzt, erfolgt die Erwärmung in den tieferen Lagen etwas verzögert. Erst am Samstag folgt auch im Mittelland Sommerwetter.

Auslöser über dem Atlantik

Spannend ist auch die Tatsache, dass sowohl der Kälteeinbruch wie auch die Sommer-Phase ihren Auslöser im Atlantik haben. Verantwortlich für den Wetterverlauf ist nämlich indirekt ein tropischer Wirbelsturm mit dem Namen «Alex». Tropische Stürme im Atlantik sind im Juni eher untypisch. Der Sturm wanderte im Laufe dieser Woche immer weiter nach Norden. Mit dieser Bewegung führt er auf seiner Ostflanke auch viel warme Luft in die mittleren Breiten.

Diese massive Warmluftzufuhr hat am Mittwoch die Tiefdruckaktivität über Grossbritannien verstärkt, wodurch sich ein kleines Tief gebildet hat, das quasi als Ausgleich mit einem Schwall Kaltluft nach Südosten, Richtung Alpenraum, gewandert ist – und nun die verfrühte und kurze Schafskälte gebracht hat. Da der tropische Sturm jedoch auch zunehmend in den Westwindgürtel gewandert ist, wurden er und seine grossflächige Warmluftzunge auf der Ostseite zunehmend in Richtung Europa gedrückt. Diese Warmluftzunge erreicht nun am Wochenende Mitteleuropa.

Es ist also nicht nur der Druckanstieg, sondern auch die Zufuhr von warmen, subtropischen Luftmassen, die uns eine weitere Hochsommer-Phase bringen. Wie lange diese dauert, ist unsicher: Die Wettermodelle haben besonders viel Mühe damit, die Zugbahn von tropischen Wirbelstürmen korrekt vorherzusagen. Und nachdem der aktuelle Sturm «Alex» uns zuerst die Schafskälte und direkt darauf ein paar Sommertage gebracht hat, könnte er durchaus im Laufe der Kalenderwoche 25 noch weitere Überraschungen für uns bereit halten.