Fragt man Bäuerinnen, was sie sich zu Weihnachten wünschen, kommen oft Antworten wie «mehr Zeit mit der Familie verbringen, Zeit für mich haben, Gesundheit für die ganze Familie, ein besserer Milchpreis, dass wir Bäuerinnen und Bauern wieder geachtet werden, …» Wenn aber hinter die Fassade geblickt werden darf, ertönen da und dort klare und deutliche Worte.
Christina*, 34, SG
«Ich bin sehr gern Bäuerin. Ich finde es total schön, wie unsere drei Kinder auf dem Hof aufwachsen können. Jedes hat sein Kälbchen. Sie kommen mit in den Stall, und die älteste Tochter versteht bereits, dass wir in einer privilegierten Lage sind mit unserem Hof und den eigenen Produkten.
Wenn da nur nicht das enge Zusammenleben mit den Schwiegereltern wäre. Ich halte das kaum mehr aus! Mein Mann steht zwar zu mir – aber, wenn es konkret wird, wagt er nicht aufzustehen und zu fordern, dass die Eltern bitte, bitte einen anderen Wohnsitz suchen sollen. Ich fühle mich auf Schritt und Tritt überwacht und kontrolliert. In meinem Beruf als Lehrerin habe ich meine Frau gestanden – hier auf dem Hof schweige ich viel zu oft. Ich habe mir schon mehrmals überlegt, den Hof zu verlassen. Mein grosser Traum wäre, dass wir endlich eine eigene Familie sein dürfen, dass wir so leben können, wie es uns zusagt.»
Anna*, 57, LU
«Wir stehen vor der Hofübergabe. Unser Sohn hat sich sehr gut vorbereitet. Er ist Meisterlandwirt, und ich bin sicher, dass er den Hof gut weiterführen wird. Seine künftige Frau ist nett. Ich wünsche mir innigst, dass es den beiden gut läuft und sie eine freundliche Zukunft haben.
Etwas Sorgen macht mir, dass seine Frau einen ganz anderen religiösen Hintergrund hat. Ich hoffe, dass das nicht zu einem Problem wird. Mein grosser Traum ist also das Wohlergehen des jungen Paares.
Für mich wünsche ich, dass ich mich nie überflüssig fühlen muss. Ja, und natürlich würde ich nach der Hofübergabe mit meinem Mann gern die eine oder andere kleine Reise unternehmen und unzählige Bücher lesen. Ich könnte mir zum Start eine Flusskreuzfahrt vorstellen – da bleibt bestimmt auch Zeit zum Lesen. Dieses Hobby ist in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen. Ich wünsche mir, im neuen Lebensabschnitt glücklich sein zu dürfen.»
Melanie*, 41, AG
«Ich bin wütend. Ich erlebe so
gar keine Weihnachtsstimmung. Mich macht – gottfriedstutz – ‹granatenverrückt›, wie mit uns Bauern umgesprungen wird! Unsere Abnehmer, beziehungsweise die Detailhändler, machen immer mehr unsinnige Vorschriften und lassen uns auf absolut guten, gesunden Produkten hocken. Nur weil ein Rüebli nicht ganz gerade ist, nehmen sie es nicht. Da kriege ich die Krise! In der Schweiz geben wir immer weniger fürs Essen aus und doch sollen unsere Produkte noch zu teuer sein. Da stimmt etwas nicht! Bei elektronischen Geräten und Ähnlichem darf es unbeschränkt kosten – niemand stört sich daran. Mich macht es wütend, dass wir Bauernfamilien so ungerecht an den Pranger gestellt werden.
Mein Traum ist deshalb logisch: Neben dem Wohlergehen für meine Familie wünsche ich mir, dass wir Bauern endlich wieder wertgeschätzt werden. So, wie es jetzt läuft, ist das aus meiner Sicht eine regelrechte Gemeinheit. Ich habe mir schon überlegt, dass wir Bäuerinnen einmal gemeinsam ‹auf die Hinteren› stehen sollten. Streiken? – Ich weiss nicht … Aber so darf es jedenfalls nicht weitergehen!»
Ein Blick nach Indien
Die indische Bäuerin Nilay ist verheiratet und Mutter zweier Söhne und zweier Töchter. Sie ist intelligent und macht sich viele Gedanken zu ihrer Situation und der Situation ihrer Gesellschaft. Der Hinduismus ist der meist verbreitete Glaube in Indien. Auch Nilay ist eine Hindu-Frau. «Bei uns feiert man im November das Diwali-Fest, Weihnachten kennen wir nicht.» Aber einen grossen Traum – oder sogar mehrere – hat Nilay schon.
Nilay, 36, Rajasthan
«Obwohl das Kastenwesen seit langer Zeit verboten ist, beherrscht diese Tradition unseren Alltag. Als Bauern sind wir zwar keine ‹Unberührbaren› – aber wir sind schon weit unten im Kastenwesen. Glücklicherweise habe ich zwei Söhne geboren. Wäre das nicht so, hätte mich die Familie meines Mannes nie als vollwertig akzeptiert. Ich würde mir wünschen, dass meine Mädchen genau so viel Wert wären wie meine Söhne. Ausser mir hat sich niemand gefreut, als die Mädchen zur Welt kamen. ‹Die kosten uns nur viel Geld›, war die Antwort der Männer in unserer Sippe.
Ich wünschte mir, dass meine Mädchen die Schule genauso besuchen dürften wie meine Söhne. Ich wünschte mir auch, dass sie ihren Mann selber auswählen dürften. Davon darf ich aber in meiner Familie nichts erzählen, denn noch heute werden über 90 Prozent der Ehen in Indien von den Eltern arrangiert. Ich hatte ja einigermassen Glück. Mein Mann ist nicht gewalttätig, und er trinkt nicht. Aber von mir wird erwartet, dass ich in der ‹Niemand-Rolle› bleibe, arbeite bis zum Umfallen und meinen Mann verherrliche, ja anbete. Das drückt mich sehr! Mein grosser Traum ist deshalb klar: echte Gleichberechtigung für Mädchen und Frauen.»
Weihnachten – Zeit der Wunder, Zeit der Wünsche, Zeit der Träume. Hoffen wir, dass sich die Träume dieser Bäuerinnen, die für viele andere stehen, erfüllen werden.
*Namen geändert

