ABO

«Über Änderungen diskutieren und nicht auf jeden Hype aufspringen»

Treuhänder Urs Eggerschwiler sagt, wie sich der Buchhaltungsabschluss als Instrument zur Betriebsführung nutzen lässt.

Als Treuhänder im Agrarbereich hat Urs Eggerschwiler Einblick in viele landwirtschaftliche Buchhaltungen. Er rät, diese als Instrument zu nutzen, um bewusst mit den Finanzen und Risiken des Betriebs umzugehen.

Sprechen Ihre Kunden gerne über ihren eigenen Buchhaltungsabschluss?

Urs Eggerschwiler: Unsere Buchstelle bespricht den Abschluss und die Steuererklärung jedes Jahr beim Kunden oder bei uns im Büro. Bei einem grossen Teil unserer Kunden erstellen wir einen Buchhaltungsabschluss mit betriebswirtschaftlicher Auswertung. Das heisst, die Deckungsbeiträge werden ausgewiesen und Vergleichszahlen anderer Betriebe sowie über mehrere Jahre jene des eigenen Betriebes werden dargestellt. Das hat zur Folge, dass die Besprechung einer Buchhaltung interessant, ja geradezu spannend sein kann und dem Betriebsleiter die Stärken und Schwächen aufgezeigt werden können. Dabei liegt der Fokus auch, aber nicht nur, bei den Steuern. Grundsätzlich habe ich den Eindruck, die persönliche Besprechung der Buchhaltung wird geschätzt, da die Landwirte wissen, dass der Buchhaltungsabschluss ein effektives Betriebsführungsinstrument ist. Voraussetzung für diese gründliche Besprechung sind aber auch gute Kenntnisse der Landwirtschaft durch den Treuhänder. [IMG 2]

Werden Sie vor grösseren Investitionen um Ihre Einschätzung gebeten?

Da die Landwirte wissen, dass unsere Mitarbeitenden die landwirtschaftliche Praxis kennen, werden wir auch oft um unsere persönliche Meinung gefragt. Unsere Meinung deckt sich natürlich mit der in diesem Zusammenhang gerechneten Tragbarkeit. Tragbarkeitsberechnungen für kleine bis grosse Projekte rechnen wir sehr oft. Hier wird mit kalkulatorischen Zinsen gerechnet, die viel höher sind als die Marktzinsen bei der Bank. Es gibt Situationen, in denen eine solche Berechnung knapp ausfällt. Wenn wir dann um unsere Meinung gefragt werden, kommen dann etwa einmal die «weichen» Faktoren ins Spiel, wie die Beurteilung des Betriebsleiters als Unternehmer, dessen Umfeld usw. Schlussendlich ist dann die Beurteilung des Geldgebers entscheidend.

Bringen die steigenden Zinsen viele Betriebe in Bedrängnis?

Als die Zinsen langfristiger Hypotheken Ende 2022 gegen 3 % gingen, hatten wir bereits Telefone von besorgten Landwirten. Wenn laufende Hypotheken eine Zinsbelastung von 1 % haben und die Banken langfristige Angebote für 3 % anbieten, heisst das bei Hypotheken von einer Million 20 000 Franken mehr Schuldzinsen pro Jahr. Diese Überlegung machen sich die Landwirte. Ein Anstieg in dieser Grösse ist, falls es so kommen müsste, bei vielen Betrieben existenziell. Da kommt dann wieder die Frage auf, ob bei der seinerzeit gerechneten Tragbarkeit genügend Reserven beim kalkulatorischen Zins und bei den zugrunde gelegten Deckungsbeiträgen und Strukturkosten einkalkuliert wurden.

Kurs «Risiken bewusst eingehen»

Mittwoch, 22. Februar, 13 bis 16 Uhr, BBZN Sursee. Anmeldung bis Sonntag, 12. Februar: www.bbzn.lu.ch/kurse

Gibt es Tipps für Familien, die unsicher sind, wie sich der Betrieb langfristig entwickeln soll?

Grundsätzlich sind die Fragen: Muss sich der Betrieb kurzfristig bis mittelfristig verändern oder ist der Ertrag des Betriebes in Ordnung? Sind Arbeitsqualität und -belastung tragbar und entsprechen die Strukturen des Betriebes den Gesetzen? Falls das alles so ist, gibt es keinen Grund, kurzfristig den Betrieb umzukrempeln. Jede Umstellung kostet. Manchmal muss oder darf man einfach auch mit bestehenden Strukturen Geld verdienen. Falls Änderungen im Betrieb notwendig sind, ist es wichtig, in der Familie viel darüber zu diskutieren; auch über Ideen, die im Moment vielleicht nicht vorstellbar sind. Gut beraten sind die Landwirte auch damit, nicht auf jeden Hype aufzuspringen. Es gibt für einen Betrieb manchmal wichtigere Investitionen als eine Fotovoltaikanlage oder eine Biogasanlage, obwohl diese stark gefördert werden und der Strom teuer ist. Es lohnt sich, frühzeitig Berater ins Boot zu holen, damit die Auswirkungen des Projekts auf den Betrieb evaluiert werden können.

Risiken analysieren

Seit Kurzem steht ein Risikoanalyse-Tool für landwirtschaftliche Betriebe der Agridea und der Berner Fachhochschule BFH-HAFL zur Verfügung. Anhand von prägnanten Fragen wird eine Selbsteinschätzung verschiedener Risiken erstellt und die Ergebnisse werden grafisch dargestellt. Eine Frage aus dem Bereich Personen lautet zum Beispiel: Wie oft haben Sie Probleme im Zusammenhang mit Ihrem persönlichen Wohlbefinden erlebt (z. B. körperliche oder geistige Erschöpfung, soziale Isolation usw.)? Die Bereitschaft zeigt auf, wie gut der Betrieb auf ein Risiko vorbereitet ist. Der Grad des Risikos zeigt, wie häufig das Risiko auftritt und wie schwerwiegend seine Folgen sind. Sind Themen im roten Bereich, sollten die Risiken genauer beleuchtet und mögliche Veränderungen diskutiert werden. Und umgekehrt brauchen sich Betriebsleiterfamilien bei Themen im grünen Bereich nicht unnötig Sorgen zu machen. th

Weiterlesen