Antalya ist weithin bekannt als Touristenhochburg, wo All-inclusive-Angebote Sonnenhungrige aus ganz Europa anlocken. Im März ist es jedoch noch zu kühl zum Baden, und die Hotels liegen verlassen entlang der langen Sandstrände. Doch jenseits der alten Stadtmauer macht sich der Frühling bemerkbar: blühende Mandelbäume, reife Zitrusfrüchte – und ein Bus voller Schweizer Agronominnen und Landwirte. Unter der Leitung des erfahrenen lokalen Reiseführers Ali Soyüllü begeben wir uns auf die Spuren der Geschichte der Region, insbesondere mit Blick auf die Landwirtschaft.

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Orangen vom Samichlaus

Entlang der malerischen lykischen Küste geht es nach Finike. Die Hafenstadt liegt in einem der fruchtbarsten Gebiete der türkischen Mittelmeerküste. Bereits auf der Anfahrt sind die glänzenden Dächer zahlreicher Gewächshäuser zu sehen, die sich über das Delta des Flusses Akçay erstrecken. Die Orangen aus Finike geniessen in der Türkei wegen ihres saftig-süssen Aromas einen besonders guten Ruf. Sie profitieren vom milden Winter und den vielen Sonnenstunden der Region. 

Wahrscheinlich kommt es nicht von ungefähr, dass der Samichlaus in seinem Sack nicht nur Nüsse, sondern auch Orangen und Mandarinen mit sich trägt. Der Bischof Nikolaus von Myra wurde nämlich unweit der heutigen Stadt Finike geboren. An ihn erinnern heute die restaurierten Ruinen einer Kirche am Stadtrand – ein wichtiger Wallfahrtsort, insbesondere für Anhänger der orthodoxen Kirche. Vom Rand des mächtigen Taurusgebirges aus lassen sich zudem die beeindruckenden Felsengräber von Myra erahnen. Beim Näherkommen werden wir von Ziegen begrüsst, die das historische Areal grasfrei halten und so vor Flächenbränden schützen. Die Gräber stammen aus dem 5. bis 4. Jahrhundert vor Christus, aus der Zeit des lykischen Reiches. Die Gegend war bereits damals für ihr Olivenöl und ihren Wein bekannt; mit beiden Produkten wurde reger Handel betrieben.

Weinbau mit langer Tradition

Von der Küste aus geht es weiter ins Landesinnere Richtung Denizli. Das Taurusgebirge und seine Pässe stellen Busfahrer Salih vor einige Herausforderungen, die er jedoch mit Bravour meistert. Der Stopp beim Weingut Likya zählt zweifellos zu den ersten grossen Höhepunkten der Reise. Auf dem über 50 Hektar grossen Familienbetrieb werden 60 verschiedene Traubensorten angebaut, die jährlich zu bis zu 400 000 Litern Wein verarbeitet werden. Der Weinanbau ist in der Region kulturell älter als der Islam, was erklärt, weshalb sich viele Türken auch heute noch gerne ein Glas dieses edlen Tropfens gönnen. Nachdem auch wir uns bei einer Degustation von sechs Sorten von der Qualität des türkischen Weins überzeugen konnten, geht es weiter nach Pamukkale.[IMG 3]

Pamukkale bedeutet wörtlich «Baumwollschloss». Aus der Ferne wirkt das Naturschauspiel wie der Fuss eines riesigen Gletschers. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Kalkterrassen, die sich über Jahrtausende gebildet haben. Die Gegend ist bekannt für ihre Thermalquellen, deren im Wasser gelöster Kalk beim Austreten an der Oberfläche zu Travertin wird – einem porösen Kalkstein. Die Terrassen mit dem hellblau schimmernden Wasser gehören zu den bekanntesten UNESCO-Welterbestätten der Türkei. Darüber liegen die Überreste der antiken Stadt Hierapolis, die bereits im 3. Jahrhundert vor Christus für ihre Thermalbäder berühmt war. Im nahegelegenen Hotel kommen wir in den Genuss des warmen Thermalwassers und der ausgezeichneten lokalen Küche.

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Zwischen Thymian und Granatäpfeln

Der nächste Tag steht ganz im Zeichen des Anbaus von Früchten und Gemüse in der Region. Busfahrer Salih navigiert uns gekonnt durch Plantagen mit Orangen, Nektarinen, Aprikosen, Pflaumen, Pfirsichen, Quitten und Granatäpfeln bis zu einem Thymianfeld in den Bergen. Noch seien die Pflanzen klein, erklärt uns der Besitzer Nihad Tanir mit Blick auf die zarten Blättchen. Im Sommer könne er jedoch pro 1000 Quadratmeter rund 150 Kilogramm Thymian ernten, diesen in der Sonne trocknen und in 135 Länder exportieren. Zurück im Tal empfängt uns Nihads Mitarbeiter Mustafa Demiralan auf einer Granatapfelplantage. Während die benachbarten Pflaumenbäume bereits blühen, stehen die Granatapfelbäume im März noch kahl da. Ihre Blütezeit beginnt im Mai, die Ernte erfolgt zwischen September und November.

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Mustafa erklärt stolz, dass er seine Bäume nicht mit Pestiziden behandelt, sondern auf biologische Schädlingsbekämpfung setzt. Pheromonfallen und die Förderung von Nützlingen halten unerwünschte Insekten in Schach und sorgen für gesunde Früchte. So kann er im Herbst pro Baum 70 bis 80 Kilogramm Granatäpfel ernten, wovon rund zwei Drittel zu Fruchtsaft verarbeitet werden. Die restlichen – besonders schönen – Früchte gelangen direkt auf den Markt oder in den Export. Mit bis zu 500 000 Tonnen exportierten Granatäpfeln pro Jahr gehört die Türkei International zu den Spitzenreitern.

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Moderne Landwirtschaft unter Glas

Während der Granatapfelbaum vermutlich schon zu Zeiten der Lykier vor rund 5000 Jahren angebaut wurde, ist die Tomate ein deutlich jüngeres Kulturgewächs. Während des Osmanischen Reiches fand sie ihren Weg über Spanien und Italien in die Türkei und setzte sich erst im 19. Jahrhundert durch. Heute liegt die Türkei mit jährlich 13 bis 15 Millionen Tonnen auf Platz drei der grössten Tomatenproduzenten der Welt. In Denizli bei Pamukkale nutzt die Firma CYL Tarım die Thermalquellen der Region, um ihre Gewächshäuser zu beheizen und den Tomaten optimale Bedingungen zu bieten. Je nach Sonneneinstrahlung fliessen täglich zwischen 40 und 300 Tonnen heisses Wasser durch die Anlage – kostenlos und umweltfreundlich.

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Grundsätzlich ist die Landwirtschaft in der Türkei alles andere als rückständig. Das zeigen auch die aktuellen Forschungen am Agrarinstitut BATEM. Hier werden neue Pflanzensorten entwickelt und Möglichkeiten der biologischen Schädlingsbekämpfung untersucht. Als Teil des türkischen Landwirtschaftsministeriums stehen die Mitarbeitenden des Instituts den Landwirten der Region mit Rat und Tat zur Seite. Dazu gehören neben Workshops und Schulungen auch Beratungen zu Anbau, Bewässerung und Pflanzenschutz.

Besonders innovativ präsentiert sich das Unternehmen Grow Fide, das Pflanzensetzlinge aus einer einzigen Mutterpflanzenzelle zieht. Dies geschieht unter kontrollierten Bedingungen in einem mit Nährlösung gefüllten Reagenzglas, in dem sich die Zellen teilen und zu einem kleinen Pflänzchen entwickeln, das anschliessend in Erde weiterwachsen kann. So entstehen aus besonders gesunden, resistenten Mutterpflanzen unzählige Klone, die weltweit verkauft werden.

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Tierische Produkte

Zurück in der Region Antalya kommen auch Tierliebhaber auf ihre Kosten – wenn auch die Tierhaltung in der Türkei anders organisiert ist als in der Schweiz. Auf der Kilit-Et-Farm werden gleichzeitig rund 2500 Rinder gehalten, je zur Hälfte Milch- und Fleischtiere. 76 Mitarbeitende arbeiten hier im Schichtbetrieb rund um die Uhr und kümmern sich um die Tiere, die in Gruppen unter grossen Unterständen stehen. Ein Teil der Milch wird an Ekici geliefert, den grössten lokalen Käseproduzenten. Das Unternehmen verarbeitet frische Milch aus einem Umkreis von bis zu 600 Kilometern zu weissem und gereiftem Käse sowie zu Schmelzkäse und Quark. In einem mit türkischen und Schweizer Fähnchen geschmückten Raum dürfen wir die verschiedenen Käsesorten degustieren.

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Bevor dabei bei dem einen oder anderen fast Heimweh aufkommt, geht es zurück zum Flughafen und nach Zürich – im Gepäck der eine oder andere Teppich, Granatäpfel und viele schöne Erinnerungen an eine der sonnigsten und fruchtbarsten Regionen der Türkei.