Stier Makar ist die Ruhe selbst. Auf der Weide hoch über dem Sempachersee pflegt er eine seiner gehörnten Damen. Eine andere kommt hinzu, sie sucht auch seine Nähe und es gibt gar kein Problem daraus. In der Herde sind auch vier Jungstiere am Grasen. Möchte man fotografieren, fragt die Bäuerin zuerst die Tiere. Sie weiss, wie man mit ihnen kommuniziert.
In der Natur fliesst Energie
Bäuerin Bernadette Habermacher erklärt die Energie, die in der Natur fliesst. «Wir könnten jeden Tag lernen, wenn wir es schaffen, auf die Lebendigkeit und die Klänge in der Natur zu achten», sagt sie. Das Bauchgefühl, die Seele und das Herz seien wichtig, nicht nur der Kopf.
Die Kuh verkörpert Ruhe und Frieden. Ihre Verbundenheit zum Wunderwerk Boden wird spürbar, wenn man den Tieren auf der Weide zuschaut. Gegenwärtig sei auf der Erde sehr viel im Umbruch, weiss Habermacher. Trotzdem ist sie zuversichtlich: «Es sind die Naturgesetze, die ihr Wirken jetzt in ihrem Rhythmus wieder aktivieren und ihren Platz auf der Erde einnehmen.» Dass sich Hof-Hund Marvin gerade auf der Weide wälzt und sich an ausgewählten Fladen gütlich tut, stört sie nicht. Sie weiss, dass Marvin sich den Dung der Kälber aussucht, denn dieser ist besonders nährreich für ihn.
«Wir könnten viel lernen, wenn wir auf die Klänge in der Natur achten.»
Bernadette Habermacher über Zeichen in ihrer natürlichen Umgebung.
1000 Duftkompositionen
Der alte Apfelbaum neben der Kuhweide strahle bis 1000 Duftkompositionen aus, sagt die Biobäuerin. Dies sei die Kommunikation der Bäume. Feuer, Erde, Metall, Wasser und Luft bildeten einen nährenden Kreislauf. Hof-Hahn Johnny bestätigt dies. Er ruft nicht nur am frühen Morgen. Schliesslich darf er mit rund 60 Hühnern hier weilen. Ihnen allen schenken Bernadette und Franz Habermacher ein möglichst langes Leben. Nach der intensiven Eierproduktion in anderen Betrieben wurden einige von ihnen hierhergebracht.
Auf dem Hof der Habermachers dürfen sie in Ruhe ihr Federkleid wechseln. Nach der Mauser legen sie zwar nur noch alle zwei bis drei Tage ein Ei, aber die Eier sind grösser. Für 85 Rappen pro Stück werden sie im eigenen Hofladen verkauft. Die Kunden vor Ort unterstützen diese Philosophie. Einige legen sogar noch etwas drauf.
Nur zu fünf Prozent kommuniziere ein Tier über Laute, erklärt Habermacher, «40 Prozent mit dem Körper und 55 Prozent über Frequenzen. Babys, die sich noch nicht in Worten ausdrücken können, kommunizieren via Frequenzen.» Das Senden von einer Empfindung wie Hunger komme bei herzoffenen Eltern an und sie erwachten sogar in der Nacht, bevor ihr Kind rufe. Die Tiere bedienten sich dieser Ursprache, die in unserer kopflastigen Welt etwas in den Hintergrund gerückt sei, ganz natürlich. Als Mensch könne man sich achtsam in diese unsichtbare Struktur einfühlen und in diesem Feld lesen.
Tiere sind weise
Hinter dem Haus schlafen Schafbock Kasimir und seine Vianna friedlich im Stroh. Heute geht es etwas später auf die Weide. Eine Krähe lässt sich draussen auf Kasimirs Rücken nieder. Nebenan sonnen sich vier Schildkröten im Gehege. «Das sind auch so weise Tiere, von denen wir viel lernen können», sagt die Bäuerin, «die Schildkröten waren damals die Ersten, die vom Wasser an Land gingen. Sie kennen die Zyklen der Erde. Bevor der Winter übers Land zieht, graben sie sich in die Erde ein. Wird es Frühling, kommen sie wieder an die Oberfläche zurück.»
«Wenn wir mit Tieren nicht klarkommen, sollten wir mit ihnen reden.»
Bernadette Habermacher kommuniziert viel mit ihren Tieren.
Zeichen der Tiere verstehen
Bernadette Habermacher weiss: «Die Tiere geben uns Zeichen, die wir lesen können.» Wenn man mit einem Tier nicht klarkomme, solle man ihm dies sagen und reden mit ihm. Einmal habe sie in einem Mastbetrieb mit einem Hasen geredet und ihn gefragt, wie er sich fühle. Er habe ihr ganz cool geantwortet, der Mensch werde ja auch gegessen, wenn er gestorben sei.
Die Habermachers ziehen auch Heilpflanzen selber. Es ist ihnen ein Bedürfnis, dass man sie weitergibt, damit sie nicht aussterben. Unzählige Töpfchen stehen parat. Im wunderbar vielfältigen Garten nebenan kann man sehen, was aus ihnen werden kann.
Lernen vor Ort
Sieben Jahre lang haben Bernadette und Franz Habermacher Kinder und Jugendliche der «Lindenschule» täglich auf dem Hof willkommen geheissen. Turnstunde beim Misten und Rechnen beim Holzbeigen. Beide erinnern sich sehr gerne daran. Lernen in der Natur biete unendlich viel und entspreche unserem natürlichen Zustand. Heute ist ein Schnupperlehrling auf ihrem Hof angekommen. Franz Habermacher ist mit ihm unterwegs, barfuss wie immer.

