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Sommerserie Teil 5: Der Bauernhof kam unerwartet

Werner Iten hat Landwirt gelernt, aber er hat nicht damit gerechnet, jemals einen eigenen Betrieb zu führen. Er und seine Frau arbeiten nebenbei in Teilzeitstellen, denn sie schätzen die Abwechslung.

Werner Iten war parat für einen fünftägigen Spitalaufenthalt. Die Abwesenheit von seinem Landwirtschaftsbetrieb und vom Arbeitsplatz als Werkstattleiter einer Baufirma hatte er organisiert. Aber eine kleine Wespe durchkreuzte die Pläne: Sie stach ihn beim Grasmähen genau in das Knie mit lädiertem Kreuzband und Meniskus, das hätte operiert werden sollen. Mit dem Wespengift im Gelenk wollte der zuständige Arzt nicht behandeln und verschob den Eingriff um eine Woche.

Kein Hof in der Familie

Und so ist Werner Iten diese Woche nicht im Spital, sondern auf seinem Hof in Thalheim und schaut für die BauernZeitung auf die Jahre seit seinem Lehrabschluss als Landwirt zurück.

Das Bauern liebte er schon als Kind und wollte unbedingt Landwirt lernen. Trotzdem: «Ich hätte nicht gedacht, dass ich wirklich einmal Bauer werde», erinnert er sich. Denn der Hof in Seon, den sein Vater führte, war nicht in Familienbesitz und ein anderer stand nicht in Aussicht.

Nach dem Lehrabschluss als Landwirt im Jahr 2004 am LZ Liebegg stand für Werner Iten jedenfalls fest, dass dies nicht die letzte berufliche Station sein würde. Er hätte sich ein Studium in Richtung Maschinenbau vorstellen können. Aber vorerst arbeitete er zwei Jahre lang bei einem Lohnunternehmer, «dabei ist mir das Traktorfahren etwas verleidet und ich fand heraus, wie gerne ich in der Werkstatt arbeite». Und so hängte er eine Zweitausbildung als Landmaschinenmechaniker an.

Freundin und Job

Danach reiste der junge Mann für ein halbes Jahr nach Australien. Er transportierte mit dem Trucker Heu und Stroh durch den halben Kontinent, erzählt er noch heute voll Begeisterung. «Wer weiss, wenn zu Hause nicht die Freundin und eine Arbeitsstelle gewartet hätten ...» Er kam zurück und trat die Stelle an. Heute ist die Freundin Anja seine Ehefrau, die beiden haben einen kleinen Sohn. Und sie führen einen Landwirtschaftsbetrieb, der ziemlich überraschend in ihr Leben kam. Er gehörte einer Tante von Anja Iten, die einen Nachfolger suchte.

Das Paar übernahm im Jahr 2011 den Bruggmatthof im Schenkenbergertal, Jurapark-Gebiet und Bergzone I. Die Vorgänger hielten Mastkälber, Mastrinder und einige Milchkühe. «Weder Anja noch ich wollten den externen Job aufgeben», erklärt Werner Iten, also wurde der Betrieb auf Nebenerwerb ausgerichtet. Anja Iten – mittlerweile auch Bäuerin mit Fachausweis – arbeitet mit einem 45-Prozent-Pensum als Kauffrau, Werner Iten mit einem 90-Prozent-Pensum bei einer Baufirma.

Mutterkühe und Geflügel

Die beiden halten 15 Mutterkühe, 13 Simmental und zwei Tiroler Grauviehkühe. Ein Limousinstier begleitet die Herde. Sie produzieren Natura-Veal und Natura-Beef. Davon vermarkten sie einen Teil direkt, ebenso die Eier der 120 Freilandhennen ­sowie Süssmost aus Hochstammobst. Etwa die Hälfte der 130 Bäume sind Kirschbäume, deren Früchte die Nachbarn pflücken dürfen.

Von den 20 Hektaren Landwirtschaftlicher Nutzfläche sind 16 Hektaren Naturwiesen. Das meiste in Hanglage, mit flachgründigem und felsigem Boden, Trockenperioden gibt es regelmässig. Das ist einer der Gründe, warum Werner Iten seine Rinderherde nicht ausbaut. Einen grösseren Stall aufzustellen, stand auch schon als Überlegung im Raum. Aber die­Futtergrundlage soll im Gleichgewicht bleiben und etwas Reserve vorhanden sein, findet der Landwirt: «Lieber etwas Futter verkaufen können, als zukaufen müssen.» Zudem könne bei der aktuellen Betriebsgrösse noch alles sauber gemacht werden.

«Lieber etwas Futter verkaufen als zukaufen.»

Werner Iten passt die Anzahl Tiere der Futtergrundlage an.

Perspektivenwechsel tut gut

Derzeit sind die Kühe nachts auf der Weide. Wenn sie im Stall sind, beginnt der Tag für Werner und Anja Iten um 4.30 Uhr. Die beiden packen viel Arbeit in ihr Leben. «Aber es ist perfekt so», sagt der Betriebsleiter. Er und seine Frau finden dank der Mithilfe ihrer Familie auch Freiräume. Zwei Wochen Ferien im Jahr sind gesetzt, an den Sonntagen wird nur das Nötigste gearbeitet, sie nehmen sich Zeit zum Radfahren und Wandern.

Wenn Werner Iten eine abschätzige Haltung von Berufskollegen gegenüber Nebenerwerbsbetrieben erlebt, nervt ihn das. «Wir bringen ja dieselbe Leistung wie die anderen. Ausserdem tut es gut, wenn Bauern rausgehen.» Nicht nur die eigenen Herausforderungen und Probleme zu sehen, sondern auch die der anderen. Für ihn sind seine zwei Arbeitsfelder eine ideale Ergänzung, der Betrieb ersetze ihm den Psychiater, sagt er mit einem Lachen. Umgekehrt schafft er bei seinen Arbeitskollegen Verständnis für die Anliegen der Landwirtschaft, wenn er mit ihnen darüber spricht.

Vollgas oder Ökologie

«In der Schule wurde ‹Vollgas-Bauern› gelehrt», schaut Werner Iten auf seine Lehrzeit zurück. Vieles davon könne er nicht gebrauchen. Im Schenkenbergertal sieht er andere Prioritäten. Er hat ­Bewirtschaftungsverträge mit Naturschutzorganisationen, beteiligt sich am kantonalen Bienenprojekt und sät als einer von wenigen Aargauer Bauern Begleitflora in Ackerflächen ein. An seinem Standort mache das Sinn, sagt er. Im Tal unten könne und solle intensiver produziert werden. Er tüftelt an anderen Dingen. So hat er zusammen mit dem Schwiegervater eine leichte Maschine für die Übersaat von Naturwiesen konstruiert, «ich will mit 80 PS in den Hang fahren können». Er setzt sie auf seinen Wiesen etwa alle fünf Jahre ein und arbeitet auch im Lohn damit.

Werner Iten - damals und heute

damals

heute

Beruf

- Abschluss als Landwirt EFZ im Jahr 2004

- Landwirt mit eigenem Betrieb

- Zweitausbildung als Landmaschinenmechaniker und verschiedene Weiterbildungen

- Werkstattleiter in einer Baufirma

Familie

- ungebunden

- verheiratet

- Vater eines 1,5-jährigen Sohns

Betrieb

- kein Landwirtschaftsbetrieb in der Familie

- Übernahme eines Betriebs aus der Familie der Ehefrau

- Mutterkuhhaltung, Legehennen, Direktvermarktung

Freizeit

- aktiver Kranzschwinger

- 2 Wochen Ferien pro Jahr, sonntags nur die nötigste Arbeit

- wandern und radfahren mit der Familie

- Gruppenführer Feuerwehr

Pläne

- Zweitausbildung als Landmaschinenmechaniker

- Auslandaufenthalt

- Fachhochschule als Option

- gesund bleiben und das Leben geniessen

- externe Arbeit etwas zurückfahren

Betrieb Bruggmatthof

Betriebsleiter: Werner und Anja Iten-Studer

Ort / Zone: Thalheim, BZ I

Fläche: 20 ha LN, davon 6 ha Pacht. 4 ha Ackerbau (1 ha Raps, 2,2 ha Weizen, 0,8 ha Gerste), 16 ha Naturwiese

Tierhaltung: 15 Mutterkühe mit Kälbern (13 Simmental und 2 Tiroler Grauvieh) für Natura-Veal und Natura-Beef, 1 Limousinstier; 120 Freiland-Lege­hennen. Sämtliche Eier und Fleisch teilweise für Direktvermarktung.

Externe Arbeit: Werner Iten hat ein Teilzeitpensum als Werkstattleiter, Anja Iten als Kauffrau.

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