Reportage: Finnland – Das Land der starken (Land-)Frauen mit Wahlrecht seit 1906

Die finnischen Frauen gelten als gut ausgebildet, gleichberechtigt und selbstbewusst. Und sie haben «Sisu», eines der Markenzeichen Finnlands. Auch auf dem Land.

Tuuli Kotaja hat einen Leinensack um die Hüfte gebunden und pflückt rosa Blüten auf einem Feld voller Rosen. Ein betörender Duft liegt in der Luft. Wären da nicht der dichte Wald und der weite Fluss auf der Fahrt hierher könnten wir in Bulgarien oder Frankreich sein.

Nördlichste Rosenplantage

Aber wir sind in Finnland. Der Eindruck drängt sich auf, hier sei der Natur ein Stück bebaubares Land abgerungen worden. «Das Projekt ist einmalig», sagt die 62-jährige Rosenbäuerin, «das ist die wohl nördlichst gelegene Rosenplantage der Welt, sicher Europas». Finnland hat viele starke Frauen – Tuuli in der Region Huittinen, unweit von Vampula im Südwesten von Finnland ist eine von ihnen.

Reportage: Finnland – Das Land der starken (Land-)Frauen mit Wahlrecht seit 1906
Tuuli Kotaja (62) und ihr Mann Matti produzieren auf 37 ha Rosen. Für das richtige Rosenblätterkonfi-Rezept tüftelte sie vier Jahre.

Landwirtschaft in diesen Breitengraden heisst «ackern» unter schwierigen Bedingungen. Kurze Sommer, in denen die Sonne nie untergeht, sowie lange, kalte und dunkle Winter. Das hat Tuuli jedoch nicht abgeschreckt, sich vor etwas über zehn Jahren an den Anbau von Bio-Rosen zu wagen. «Ich liebe meinen Mann und er liebt Rosen». So begann das damals, blickt die Rosenbäuerin zurück. Matti (58) ist Ackerbauer (Weizen, Braugerste, Kleegras) und hatte Fläche zur Verfügung.

Konfitüre aus Rosenblüten

Inzwischen sind sechs von 37 ha mit Rosenstauden der Sorte Rosa Rugosa Hybrid bepflanzt. Würde man die 24 000 Rosenstauden aneinanderlegen, komme man auf eine 20 Kilometer lange Strecke, lacht Tuuli. Steigt die Nachfrage, kommen weitere 25 ha hinzu. Auf einer Testfläche wird die eigene Sorte «Rosa Kotaja» gezüchtet. Sie soll wegen ihrer gesundheitsfördernden Anthozyanen und Winterfestigkeit einmal die bisherige Sorte ersetzen.

Es war Tuulis Idee, aus Rosenblütenkonfitüre herzustellen. Vier Jahre dauerte es, bis sie mit dem Rezept zufrieden war. Heute werden unter dem Logo «Finnish Plant» jährlich an die 30 000 Gläser Konfitüre produziert. Produzenten von Cidre und Schokoladen verwenden die Rosenblüten. Verkauft wird nach Europa und Japan. Die Rosenblüten werden im Sommer von Hand gepflückt. Dafür braucht es Gelassenheit und Bescheidenheit, das sind zwei finnische Charaktereigenschaften. Es gibt noch viele andere, so wie «Sisu». Das lässt sich nicht in einem Wort übersetzen. «Sisu» steht für Zähigkeit, Ausdauer, Durchhaltevermögen, Beharrlichkeit und Kraft.

Viel «Sisu» auch in Karelien

Auch Riitta Okkonen (56) hat viel «Sisu». Einsam und abgeschieden auf einem Hügel, nur mit Blick auf Seen und Wälder, richtete sie unweit von Tohmajärvi in der Region Karelien an der russischen Grenze den ehemaligen Kleinbetrieb der Eltern für den Tourismus her. Ein neues Gäste-Blockhaus steht, es gibt Saunen auf der Wiese, im Wald und schwimmend auf dem See, nur per Ruderboot zu erreichen.

Von Mitte Mai bis Mitte September werden maximal zwölf Gäste aufgenommen. Sie habe «so viel Platz und Natur», so dass sich auch in Zeiten von Corona alle sicher fühlen können. Ausserdem hätte es in diesem Sommer im Norden Kareliens nicht einen einzigen Corona-Fall gegeben, so Okkonen. Waren es 2020 wegen Corona nur Einheimische, erhofft sich Riitta Okkonen für die heurige Saison auch wieder Gäste aus dem Ausland.

Riitta spricht fliessend Deutsch. Auf dem Programm stehen Workshops unter anderem für gesunde Ernährung und «Waldbaden». Die Idee kommt ursprünglich aus Japan und ist dort seit Anfang der 1980er Jahre Teil des öffentlichen Gesundheitssystems. Riittas österreichische Freundin Tatjana ist ausgebildeten Waldbademeisterin und begleitet die Übungen im Wald, zu der auch das Umarmen von Bäumen gehört. «Waldluft ist wie Doping für das Immunsystem», sagt sie.

Im Baumstamm übernachten

An das Potenzial des Waldes glaubte auch Sanni Luomahaara, als sie sich vor neun Jahren zu ihrem 30. Geburtstag unweit des elterlichen Hofes 20 Hektaren Wald kaufte. In Jämijärvi, in der Region Satakunta, 80 Kilometer nordwestlich von Tampere im Westen Finnlands. «Auch wenn ich anfangs verspottet wurde», so Sanni. «Wer ist denn so verrückt und investiert in den Wald, hiess es», erinnert sie sich.

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Sanni Luomahaara hat sich vor 9 Jahren Wald gekauft, nun betreibt sie hier eine Aktivferienanlage.

Entstanden ist eine Ferienanlage mitten im Wald, wo Besucher «wieder Teil der Natur werden», wie sie sagt. «Bis 2001 hatten wir noch einen landwirtschaftlichen Mischbetrieb mit Milchvieh», so Sanni. Viele Kleinbauern in dieser Gegend gaben in den Jahren nach Beitritt in die EU die Milchwirtschaft auf. Ihr Vater funktionierte den Kuhstall in eine Werkstatt um und baute Kanus. Auf den 55 Hektar landwirtschaftlicher Fläche wächst heute nur noch Hafer. Korsuretket, so der Name des Betriebs, war für 2020 jedes Wochenende ausgebucht, erzählt Sanni. Leider machte Corona dann einen Strich durch die Rechnung und es kamen viele Absagen. Doch dafür liefen die Kanutouren und ein neu errichtetes Waldcafé gut.

Superfood aus dem Wald

Eine halbe Autostunden entfernt lebt Nina Abraitis, die Chefin von «Luonnon Magiaa», Magie der Natur. Unter diesem Label verkauft Nina Pulver, Tee, Müsli, Säfte, Konfitüren und Dressings aus Beeren, Kräutern und Sprossen aus dem Wald. Alles Handarbeit, kleine Mengen, dafür beste Qualität. «Meine Kunden schätzen besonders, dass meine Produkte keine Massenware sind», sagt sie.

Manchmal kommen auch Besuchergruppen zu Nina in den Wald. Dann richtete sie einen Salat mit 20 verschiedenen von Wald und Wiese gepflückten Zutaten zu. Und führt über die Beerenobstplantage. Vor drei Jahren begann sie damit, in den hohen Wald hinter dem Haus eine Schneise zu schlagen. Hier wachsen Aronia, Sanddorn, Maibeere, Felsenbirne und noch mehr. Für ihre Produkte verarbeitet Nina 13 verschiedene Beeren. Jedes Jahr braucht sie allein 400 Kilo Fichtensprossen. Zur Hochsaison arbeiten neun Erntehelfer zu.

Nina blickt dankbar in den Wald: «Hier ist alles was ich brauche», meint sie. 20 Jahre lang arbeitete sie als Funktionärin für das EU-Parlament. «Es war ein Job auf Lebenszeit», sagt sie. Dann kam der Burn-out, sie wurde schwer krank. 2012 ist sie ausgestiegen. Statt aufzugeben, zog sie mit ihrem Mann Jukka in den Wald. Der führt zehn Kilometer entfernt noch einen kleinen Hof mit zehn Milchkühen und zehn Rindern. «Der Wald und das Essen seiner Früchte haben mich geheilt», ist Nina überzeugt.

Rentierbraten für Prinzen

Auch Maritta Autio (58) ist begeistert vom Wald. Sie gehört zum Volk der Sami und lebt und arbeitet in und um Sodankylä, einer Kleinstadt in Lappland im hohen Norden. 40 verschiedene Beeren wachsen in den Wäldern Lapplands. Dazu gehören Exoten wie Krähenbeeren, Moosbeeren und Moltebeeren. Früher hat Maritta viele Beeren noch selbst gesammelt, heute schafft sie das nicht mehr. An guten Tagen kauft sie 1500 kg von den seltenen Moltebeeren und produziert Säfte, Liköre, Marmeladen und Kompott vom Feinsten.

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Maritta Autio (58) hält in Lappland Rentiere und verwöhnt ihre Gäste mit deren Fleisch und Beeren aus dem Wald.

Als wahre Sami hat Maritta auch Rentiere. Wie viele? Sie lacht, kein Rentierhalter würde diese Frage beantworten. «Frage ich dich, wie viel Geld du auf dem Konto hast?» Maritta hat ihre Tiere, Ehemann Asko seine eigenen. Im Sommer laufen die Rentiere frei herum. Ende September werden sie von den Männern eingesammelt. Danach gibt es immer ein grosses Fest, an dem Maritta kochte. Das war der Beginn des jetzigen Cateringbusiness. Heute kommen die Würste, Burger oder Braten aus Rentierfleisch aus eigener Schlachtung überall gut an. In Sodankylä gibt es einen Saal und Grossküche für Events und Familienfeiern.

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Die Rentiere von Maritta Autio. Wie viele es sind, ist wie bei allen Lappen ein gut gehütetes Geheimnis. «Frag ich dich, wie viel Geld du auf dem Konto hast?» antwortet sie auf die entsprechende Frage.

Finnische Bescheidenheit

Erst nach langem Nachfragen kommt ein Foto zum Vorschein: Maritta und ihr Mann Asko neben Prinz Edward aus Grossbritannien. Vor ein paar Jahren war ihr Cateringservice für die Verköstigung der noblen Gäste zuständig. Es gab Rentierbraten und Schneehuhn aus dem Ofen. Da ist sie wieder, diese Gelassenheit, prahlen liegt den Finnen fern.

Wahlrecht schon seit 1906

Finnland war das erste Land auf der Welt, das den Frauen das uneingeschränkte aktive und passive Wahlrecht zugestanden hat. Das war 1906. Im finnischen Parlament sitzen über 40 % Frauen. Ein Drittel aller Selbstständigen ist weiblich. In der Altersgruppe zwischen 25 und 59 haben 42 % einen Universitätsabschluss und 40 % der Promovierten sind Frauen.

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