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Rajka Frei hat Fasnacht im Kopf und Struktur in der Agenda

Von der SBB über die Armee auf den Bauernhof: Rajka Frei kam nicht aus der Landwirtschaft. Heute lebt sie auf einem vielseitigen Betrieb in Pfäffikon ZH und engagiert sich in der Bäuerinnenausbildung, im SBLV-Vorstand und als Gemeinderätin.

«Die sind doch alle verrückt hier. Komm, Einhorn, wir gehen!», steht auf der Teetasse von Rajka Frei. Auch auf den Untersetzern auf dem Küchentisch sind ähnliche Sprüche zu lesen, sie erzählen von einer Person, die nicht alles so ernst nimmt, das Leben mit einer Portion Glitzerstaub überzieht und nicht perfekt durchgeplant ist.

«Ich bin vom Typ her eigentlich eher chaotisch – ich habe manchmal ein bisschen Fasnacht im Kopf», stimmt die 45-Jährige schmunzelnd zu. Wenn sie ihren Lebenslauf schildert, kann man das fast nicht glauben. Da schimmert nämlich eine sehr strukturierte und disziplinierte Person durch.

Vom Land, aber nicht vom Hof

Aufgewachsen ist sie nicht auf einem Bauernhof, aber sehr ländlich. Nach der Sekundarschule machte sie aus einer Laune heraus ein bäuerliches Haushaltslehrjahr.

Danach lernte Rajka Frei Bahnbetriebsdisponentin bei der SBB. Sie blieb insgesamt elf Jahre bei der Bahn, zuletzt in Bern. Sie hatte eine Stelle, die ihr entsprach: zur Hälfte Führungsunterstützung, zur Hälfte Fachspezialistin. «Dinge organisieren, mitdenken, zudienen – das liegt mir.» Gleichzeitig hat sie auch strategisches Arbeiten immer interessiert. Es sei ein toller Job gewesen, dem sie lange nachgetrauert habe.

Elf Jahre bei der SBB

Geprägt hat sie auch ihre Zeit im Militär. Rajka Frei absolvierte die Grundausbildung bei der Sanität, machte die Unteroffiziers- und Feldweibelschule und war später in Stabsfunktionen tätig. Als Frau war sie damals noch etwas Spezielles. Gerade in der Rekrutenschule haben viele Männer nicht verstanden, warum eine Frau freiwillig Militärdienst leiste. Andere fanden, Frauen gehörten nicht dorthin. «Je weiter ich kam, desto weniger war das ein Thema.»

In der Armee hat sie viel gelernt: Führung, Durchhaltewillen und strukturiertes Denken. «Du lernst, an eine Problemstellung heranzugehen, sie zu analysieren, in Teilbereiche aufzuteilen und Varianten zu prüfen.» Für jemanden, der sich selbst als chaotisch bezeichnet, sei das wertvoll gewesen.

Struktur gelernt in der Armee

Im Militär lernte sie auch ihren Mann Stefan Frei kennen. Liebe auf den ersten Blick war es aber bei weitem nicht. Zuerst gingen sich die beiden eher aus dem Weg. Er war Motorfahrerwachtmeister, sie Feldweibel. «Wenn der Feldweibel kommt, gibt es Arbeit», dachte er. Sie wiederum wusste: Wenn der Frei kommt, dann kommen wieder seine lästigen Fragen, zum Beispiel, wie viele Dienste er noch absolvieren müsse.

An einem letzten Dienstabend gerieten die beiden heftig aneinander, weil sie seine Leute schon ins Bett geschickt hatte und er mit ihnen noch feiern wollte. Die Diskussion dauerte bis halb drei Uhr morgens. Am Wochenende kam aber eine SMS, er lud sie zu einer Veranstaltung ein.

Kurz darauf waren sie ein Paar und schon bald folgte das erste Kind, Sohn Livio. «Das war aber kein Unfall, sondern eine bewusste Entscheidung.» Darauf folgten Tochter Malin und Sohn Robin. Ab August ist der älteste in der Ausbildung, die anderen beiden sind in der Oberstufe.

Blick über die Weide auf den Stall des Betriebs im Weiler Hermatswil (Pfäffikon ZH).(Bild: Jeanne Göllner)

Bäuerinnenschule lieferte Wissen und Netzwerk

Mit der Familie kam der Hof. Und mit dem Hof eine neue Welt. «Ich hatte von Landwirtschaft keine Ahnung», sagt Rajka Frei rückblickend. Deshalb war für sie klar: Wenn sie auf einem Bauernhof lebt, will sie auch verstehen, was dort läuft. Als Livio im Juni zur Welt kam, startete sie im August bereits in die Bäuerinnenschule. Neu in der Region, kannte sie ausser ihrer Schwägerin kaum jemanden. In der Klasse lernte sie auf einen Schlag über zwanzig Frauen kennen.

Dieses Netzwerk wurde wichtig. Denn auf dem Betrieb der Familie Frei in Pfäffikon ZH ist vieles in Bewegung. Sie halten rund 25 Milchkühe. Dazu kommen Munimast, Kälber, Acker- und Futterbau, Wald, Lohnarbeiten und ein Wärmeverbund mit Hackschnitzeln.

Bei den Kühen seien sie «farbenblind», sagt Rajka Frei. Braun, rot, schwarz – Hauptsache, es passt. «Wir sind keine Züchter.» Ihr Mann ist vor allem draussen zuständig, unterstützt vom Schwiegervater – «der mit 82 noch nicht aus dem Stall wegzudenken ist» – vom Lernenden und den eigenen Kindern. «Wir sagen immer: Stefan ist der Outdoor-Chef und ich bin die Indoor-Chefin.»

Bei dieser läuft vieles zusammen. Meistens sitzen sechs Personen am Tisch, manchmal kurzfristig mehr. Dann ruft Stefan an und fragt, ob noch jemand zum Mittagessen kommen könne. «Wenn es irgendwie geht, mache ich das möglich.»

Ein vielseitiger Betrieb in Pfäffikon

Einen eigenen Betriebszweig draussen hat sie nie ganz gefunden. «Ich hätte mich mehr einbringen können, aber ich brauche etwas Eigenes.» Das fand sie in der Bildung. Nachdem sie selbst alle Stufen der Bäuerinnenausbildung durchlaufen hatte, wurde Rajka Frei Prüfungsexpertin, später Prüfungsleiterin.

Schon bei der SBB hatte sie Lernende begleitet und als Prüfungsexpertin gearbeitet. «Bildung war mir immer nahe.» Über diese Arbeit kam sie auch zum Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV). Dort engagiert sie sich seit Kurzem im Vorstand und in der Revision der höheren Berufsbildung.

Das Eigene in der Bildung gefunden

Die Bäuerinnenausbildung soll sich weiterentwickeln, sagt sie. Hauswirtschaft und Ernährung bleiben wichtig – aber nicht im Sinne von «Wie putze ich ein Fenster?», sondern mit Blick auf Hygiene, Organisation, Ressourcen, Ernährungskompetenz und betriebliche Zusammenhänge. «Es geht nicht darum, dass jede Bäuerin draussen ein Traktorenrad wechseln muss. Aber sie soll verstehen, wie die Produktion funktioniert.»

Auch politisch hat Rajka Frei Verantwortung übernommen. Im Pfäffiker Gemeinderat ist sie für Sicherheit und Einwohnerdienste zuständig. Feuerwehr, Kommunalpolizei, Zivilschutz, regionale Führungsorganisation, Einwohnerkontrolle, Zivilstandswesen, Friedensrichterin, Betreibungsamt. Das Ressort passt zu ihrer militärischen Prägung.

Sie will aber nicht nur Akten lesen und Sitzungen besuchen. Sie schaut vorbei und hört zu. «Du kannst strategisch noch so viel entscheiden wollen. Wenn du draussen nicht spürst, was bei den Leuten läuft und sie bewegt, fehlt dir die Grundlage.»

Zu Besuch bei den Kälbern im Stall: Ehemann Stefan sei der Outdoor-Chef und sie die Indoor-Chefin, sagt Rajka Frei über die Rollenteilung auf dem Betrieb.(Bild: Jeanne Göllner)

Ohne Agenda geht nichts

Wie bringt Frau das alles unter einen Hut? «Ohne Agenda bin ich aufgeschmissen», gibt Rajka Frei zu. Eigentlich wäre sie gerne Team Papier, doch mit fünf Familienmitgliedern und vielen Terminen funktioniert heute nur noch digital.

Alle tragen ein, alle sehen, wer wann wo ist. Dazu kommen To-do-Listen und in intensiven Phasen eine Wochenplanung. Nur der Menüplan habe bei ihr keine grosse Zukunft. «Ich habe einmal einen gemacht und mich am zweiten Tag schon nicht mehr daran gehalten.»

Von Freizeit spricht sie im Moment vorsichtig. «Hobbys? Schwierig. Ehrlicherweise muss ich wohl etwa die ehrenamtliche Arbeit in meiner Partei, der SVP, dazu zählen.» Eigentlich näht sie gerne. Sie hört Hörbücher und Podcasts, liest nordische Thriller, Fantasy und auch einmal leichtere Kost. Und sie geht gerne wandern, in Kombination mit einem guten Glas Wein in der Bergbeiz.

Ein Traum ist geblieben: Kanada. Mit 40 wollte Rajka Frei dorthin reisen. Dann kam Corona und mit der Pandemie die Planänderung. Vielleicht werde es dann mit 50 etwas, sagt die Bäuerin. Bis dahin bleibt genug anderes zu tun. Mit Struktur und Fasnacht im Kopf.

5 FRAGEN

Was würden Sie gerne besser können?
Saucen kochen. Disziplinierter sein. Besser Französisch sprechen.

Worüber können Sie immer lachen?
Über Kinder. Sie sind herrlich, vor allem am Mittagstisch. Darüber kann ich meistens lachen. Ich mag auch Comedy und schwarzen beziehungsweise schrägen Humor.

Welches Buch ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ich mag nordische Thriller, aber zwischendurch brauche ich eine Pause davon, weil ich mir das alles zu gut vorstellen kann. «Schneemann» von Jo Nesbø hätte ich vielleicht nicht im Winter lesen sollen. Der Schneemann, den mein Mann und mein Sohn gebaut haben, hat mir danach richtig Angst gemacht.

Was ist Ihnen in einer Beziehung wichtig?
Humor. Und sich gegenseitig Raum lassen und trotzdem gemeinsame Inseln schaffen. Ich muss nicht alles gut finden, was er gut findet, und umgekehrt auch nicht.

Warum würden Sie einer Frau raten, die Bäuerinnenschule zu machen?
Es ist wahrscheinlich die praxisnächste Lebensschule, die sie machen kann. Man besinnt sich auf Fragen wie: Was ist regional? Was ist saisonal? Wo habe ich blinde Flecken in meiner eigenen Organisation?