
Marc* hat in der BauernZeitung den Artikel gelesen «Rabattmarken und warum kleine Anlässe grosse Gefühle auslösen.» Er ist Landwirt und bildet Lernende aus. In der Beratung sagt er: «Auch ich ‹explodiere› wegen Kleinigkeiten und es gibt darum immer wieder Streit mit meiner Partnerin Monika*.» Wenn sie frage, was denn eigentlich los sei, wisse er oft selbst keine Antwort und die schlechte Stimmung bleibe wie eine Gewitterwolke im Raum hängen. «Ich möchte lernen, anders mit meinen Gefühlen umzugehen.»
Dinge anzusprechen, die uns stören, ist für viele Menschen anspruchsvoll. Marc gelingt es im Berufsalltag gut, Lernenden Feedback zu geben oder klar zu sagen, wenn er mit einer Arbeit unzufrieden ist. Wenn es jedoch um Gefühle und die Paarbeziehung geht, wird es schwieriger. So wie ihm geht es vielen anderen auch.
Nicht gelernt, über Gefühle zu sprechen
In seiner Kindheit wurde wenig über Gefühle gesprochen. Manche Gefühle waren erlaubt, andere nicht. Marc hat früh gelernt: «Traurig sein ist schwach.» Ärger hingegen war erlaubt. Und so lebt er dieses Muster bis heute weiter. Im Alltag schluckt er vieles hinunter, bis der innere Druck steigt wie in einem Dampfkochtopf ohne Ventil und er «explodiert».
Ärger ist ein sogenanntes «Ersatzgefühl». Er deckt Grundgefühle zu und verhindert den Zugang zu ihnen. Hinter dem Ärger verstecken sich häufig Angst, Trauer oder Wut.
Grundgefühle helfen bei der Weiterentwicklung
Diese Grundgefühle haben eine regulierende Funktion und ermöglichen uns, zu handeln und uns weiterzuentwickeln.
- Angst schützt uns vor Gefahren
- Wut gibt uns Kraft, Grenzen zu setzen und Hindernisse zu überwinden
- Trauer hilft uns, Verluste zu verarbeiten
- Freude schenkt uns Entspannung und Lebensenergie
Marc beginnt zu lernen, seinen Ärger zu «übersetzen». Wenn er sich aufregt, fragt er sich: «Was würde ich fühlen, wenn ich ganz ehrlich zu mir wäre? Ist es Wut, Trauer oder Angst?»
Mit der Zeit merkt Marc deutlicher, was ihn belastet. Es ist die hohe Arbeitsbelastung, der grosse administrative Aufwand und die Wut darüber, dass er die Arbeiten am Computer nicht besser kann.
Gefühle zeigen, wo man sich sicher fühlt
Gefühle zu zeigen, macht verletzlich. Deshalb ist es wichtig, zu überlegen, wo und wem wir sie anvertrauen. Vertrauensvolle Beziehungen sind eine gute Basis dafür. Je besser Marc wahrnimmt, was in ihm vorgeht, desto klarer kann er es Monika mitteilen.
Statt nur zu sagen: «Ich bin genervt!», übt er neue Sätze, wie etwa: «Eigentlich bin ich traurig und wütend über mich selbst, weil ich die Büroarbeiten immer wieder hinausschiebe.»
Oder: «Ich bin überfordert mit der Planung der vielen Aufgaben auf dem Betrieb und wünsche mir Unterstützung.»

Zur Person
Doris Brönnimann ist Bäuerin und psychosoziale Beraterin SGfB. Den Landwirtschaftsbetrieb im Kanton Bern übergaben sie und ihr Mann vor einiger Zeit der nächsten Generation. In ihrer Praxis in Köniz BE unterstützt sie Menschen bei persönlichen Schwierigkeiten, Sinnkrisen oder bei zwischenmenschlichen Konflikten. In loser Folge schreibt sie über ihren Beratungsalltag.
Beginnt er sich zu ärgern, fragt er sich: «Was hat mich in diesem Moment wirklich getroffen?» Oder: «Was hätte ich mir gewünscht?» Und: «Was wäre ein erster kleiner Schritt, um mein Bedürfnis auszusprechen, ohne dass alles eskaliert?»
Weniger dem Ärger ausgeliefert
Mit diesen Fragen lernt sich Marc immer besser kennen. Seine Gefühle und Bedürfnisse werden klarer und er ist dem Ersatzgefühl «Ärger» weniger ausgeliefert. Auch Monika erlebt ihn auf eine neue Weise. Die Gefühle, die Marc anspricht, sind für sie nun nachvollziehbar. Gemeinsam überlegen sie dann jeweils, was helfen könnte.
Wenn Marc doch wieder einmal «explodiert», fragt ihn Monika mit einem Augenzwinkern: «Marc, geht es wirklich um die falsch eingeräumte Abwaschmaschine oder steckt da noch etwas anderes dahinter? Wollen wir später darüber reden?» Aus Konflikten entstehen so plötzlich echte Gespräche und eine neue Verbundenheit.
(*Namen geändert)

