«Chum Bäh, chum», lockt Alya Bärtschi die Schafe aus dem Stall auf die Weide, in bester Aussichtslage aufs Rhonetal. Die vier Widder nähern sich erst zögerlich, machen sich dann aber mit Begeisterung über die Schüssel mit Zusatzfutter her. Alya Bärtschi zeigt auf das grösste Tier. «Das ist Emil», sagt sie, und fügt schmunzelnd hinzu: «Er ist mein Liebling.» Felix, das kleinste Tier des Quartetts, hätten vor allem ihre beiden Kinder ins Herz geschlossen. «Wir mussten ihn schöppeln, die Mutter hat ihn abgewiesen. Er bekommt immer noch zweimal am Tag die Flasche.»
Zu Alya Bärtschis Herde gehören 37 Schwarznasenschafe. Doch die weiblichen Tiere sömmern bereits seit einigen Wochen im «Aletschji», nahe der Belalp. Den rund zweistündigen Aufstieg schafften diesmal sämtliche Tiere auf den eigenen Beinen. «In den letzten Jahren mussten wir auch schon einzelne Lämmer schultern, doch dieses Jahr liefen alle mit», sagt Alya Bärtschi. Sie ist seit Kurzem Präsidentin des Oberwalliser Schwarznasen-Schafzuchtverbands, in dem sie schon seit sechs Jahren aktiv ist. «Hätte mir das früher jemand prophezeit, hätte ich abgewinkt», meint sie lachend.

Schon mit Schafen aufgewachsen
Die Walliserin ist in Naters mit Schafen aufgewachsen, der Vater hatte im Nebenerwerb immer eine Herde. «Aber die anfallenden Arbeiten mit den Schafen und dem vielen Heuen im Sommer, während meine Kolleginnen ins Schwimmbad durften, hätten mich damals nie dazu bewegen können, einmal eigene Schafe zu halten», so Alya Bärtschi. Ihren fürs Wallis nicht sehr gebräuchlichen Namen hat ihr die Mutter verliehen. «Sie reiste in jungen Jahren gern, daher haben einer meiner Brüder und ich türkische Vornamen.»
Nach der Schule lernte Alya Bärtschi Textilverkäuferin, bildete sich als Lehrlingsausbildnerin und Textildetailhandelsspezialistin weiter und arbeitete als stellvertretende Filialleiterin in einem Modegeschäft. Mit Schafen hatte sie nur zu tun, wenn sie gelegentlich dem Vater half, etwa wie beim Alpabzug, dem «Schäful».
Es begann mit einem Lamm
An solch einem «Schäful» fiel auch der Startschuss für die eigene Schafzucht. «Beim Schäful auf der Belalp findet jeweils am Sonntag nach der Schafscheid eine heilige Messe statt», erzählt Alya Bärtschi. «Und während der Wandlung kam ein Lamm auf die Welt.» Das Mutterschaf gehörte ihrem Vater. Ihr heutiger Mann bekundete Interesse an dem Tier, zumal er noch genügend Heu vorrätig hatte. «So kam es, dass ich ihm im darauffolgenden Oktober zum Geburtstag dieses ‹Lammji› schenkte. Mein Vater schenkte ihm die Mutter dazu und wir konnten mit der Schafzucht loslegen.»

Mit der 12-jährigen Tochter und dem 10-jährigen Sohn leben Alya und Micha Bärtschi in der Oberwalliser Gemeinde Termen. Seit sie auf Schwarznasen-Schafe umgestellt haben, ist Alya Bärtschi begeisterte Züchterin. «Eigentlich rede ich seit Jahren davon, dass ich gern weniger Tiere hätte», sagt die 44-Jährige. «Auf der anderen Seite kann ich mich schwer von guten und lieben Tieren trennen. Zudem braucht es eine gewisse Grösse für die Zuchtlinie.»
Auch im Ausland beliebt
Ihre Begeisterung für die genügsamen, trittsicheren und umgänglichen Schwarznasenschafe ist spürbar. Zum Verband gehören 38 lokale Schafzuchtgenossenschaften. «Wir organisieren die Herbstschauen, Kurse, den Widdermarkt und die Ausstellung in Visp», erklärt Alya Bärtschi. «Zudem kommen Anfragen aus dem Ausland.» Denn die Tiere begeistern Touristen aus aller Welt, die ins Wallis kommen. So berichtete unter anderem der englische Fernsehsender BBC vor einigen Jahren über die «cutest sheep in the world», die süssesten Schafe der Welt. Und plötzlich zierten die typischen Walliser Schafe die Cover von Fachzeitschriften in den Schafzucht-Nationen Neuseeland und Australien. Mit Züchtern in England und Schottland ist der Schweizer Verband regelmässig in Kontakt. «Das Klima dort passt zu den Schafen.»
Schwarznasen gelten nicht als ausgesprochene Fleischrasse, doch bei Schlachttieren lassen sich ansprechende Preise erzielen. Alya Bärtschi verwertet das Fleisch all ihrer Schafe selbst. «So wissen wir, was wir essen», erklärt sie dazu. Schaffleisch sei «super», wenn man wisse, wie man es zubereiten müsse. «Früher hat man eher ältere Tiere für sich selbst behalten und das Fleisch stundenlang gesotten», weiss Alya Bärtschi. «Es roch dann auch dementsprechend in der Küche. Heute bereite ich mit der Niedergarmethode ein Gigot mit Knoblauch zu, das auch Leuten schmeckt, die sonst kein Schaf mögen.»
Die Wolle ist kratzig auf der Haut
Wolle liefern Schwarznasenschafe reichlich, für die Produktion von Kleidung, die direkt auf die Haut kommt, ist sie allerdings zu langstapelig und damit zu kratzig. Die Wolle eignet sich vielmehr für Dämmmaterial, für Isolierungen oder als Pellets für den Garten. Doch die Verwertung sei «eine Herausforderung», wie es Alya Bärtschi ausdrückt. Es fehle an Wäschereien und Abnehmern. Das sei unbefriedigend. «Das Schönste am Schaf kann man nicht verwerten. Doch mein Herz lässt nicht zu, dass ich die Wolle unserer Schafe in den Grüngutcontainer werfe.» Sie überlässt die Wolle daher gratis Gartenbesitzerinnen und -besitzern im Dorf.
Mit ihren Schafen ist Familie Bärtschi auch immer wieder an den Herbstschauen dabei, wie die Auszeichnungen in der Küche zeigen. Vor den Schauen werden die Schafe gründlich gereinigt. «Erst vorwaschen, dann spülen, jede Züchterin und jeder Züchter hat da seine eigene Mischung», sagt Alya Bärtschi. Dann lässt man das Fell an der Sonne trocknen und arbeitet die letzten Halme heraus. Das Wollkleid muss schön hängen, auch im Gesicht. Doch dann sieht das Tier nichts. «Also behilft man sich mit einem Haargummi.»

Es braucht Zeit für die Schafe
Rund zweieinhalb Stunden am Tag, so schätzt Alya Bärtschi, brauchen sie und ihr Mann täglich für die Schafe. «Ohne Misten und Zäunen. Dazu kommt der Rundum-Bereitschaftsdienst im Frühling und im Herbst während der Ablammzeit.» Während die Tiere den Sommer auf der Alp verbringen, fallen im Tal zusätzliche Arbeiten wie Heuen und Wässern an. An freien Wochenenden geht die Familie zudem auf die Alp, um nach den Tieren zu sehen.
So ist es auch nicht verwunderlich, dass auch im Wallis immer weniger Menschen bereit sind, Schafe im Nebenerwerb zu halten. Laut Zuchtverband gibt es nur noch rund 10 000 Herdebuchtiere in der Schweiz, die Rasse ist vom Aussterben bedroht. «Doch wer pflegt dann die steilen Matten in den Gemeinden, wenn nicht die Schafe?», gibt Alya Bärtschi zu bedenken. «Zudem gehören die Schwarznasenschafe doch einfach zum Wallis. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es sie nicht mehr gibt.»

5 Fragen
Welches Landwirtschaftsthema beschäftigt Sie am meisten?
Die Problematik rund um den Wolf. Wir hatten auch schon Sichtungen im Nachbardorf. Es gibt keinen sicheren Ort mehr für die Schafe, das ist ein Riesenaufwand.
Welchen Traum möchten Sie sich verwirklichen?
Ich möchte irgendwann eine längere Reise machen, mal rund einen Monat unterwegs sein. Das Reiseziel ist noch offen.
Wie belohnen Sie sich selbst?
Am Abend mit meinem Mann bei einem Glas Wein zusammensitzen.
Wie lautet Ihr Leitspruch fürs Leben?
Geht nicht, gibt es nicht.
Wo und wie können Sie sich am besten entspannen?
Indem ich einige Tage in unserer hoch gelegenen Alphütte verbringe, auch wenn sie einfach eingerichtet ist.

