ABO

Porträt: «Ich wäre gerne alleine mit 500 Kühen»

Mechthild Knösel lebt nördlich des Bodensees, hat aber enge Verbindungen zur Schweiz. Auch dank ihrer gut 100 Stück Original Braunvieh, um die sie sich bis zum Lebensende umfassend kümmert.

«Das ist erst der Anfang», sagt Mechthild Knösel. Wir stehen auf einer Weide unweit des grosszügigen Freilaufstalls, umgeben von etwa einem halben Dutzend braunen Kühen mit Kälbern und einem kräftigen Stier. «Mein Ziel wäre es, die ganze Herde im Familienverband zu halten», klärt sie auf, dafür müsse sie ihr System aber noch weiter perfektionieren.

Acht Monate auf der Weide

Die Herde, das sind 40 Original Braune Kühe und deren Nachwuchs beider Geschlechter. Die Tiere werden entweder zu Milchkühen nachgezogen oder bis ins Alter von 24 Monaten gemästet und dann geschlachtet. Der Stall böte Platz für 50 Kühe, sie habe aufgrund der Trockenheit aber abgestockt, sagt Mechthild Knösel. Deshalb seien es im Moment nur etwa 100 statt der möglichen120 Grossvieheinheiten (GVE).

Warum hält sie OB? «Sie entsprechen meinen Zuchtzielen», sagt Knösel, «eine nicht allzu grosse Zweinutzungsrasse mit guter Grundfutterverwertung». Denn bei ihr gibts nur Gras, acht Monate von der Weide und im Winter als Heu. Silogras, Mais und Kraftfutter sind nicht vorgesehen. «Ich will die Wiederkäuer in dem stärken, was sie gut können», begründet sie.

Futterbau auf 120 Hektaren

Die OB und die regelmässigen Besuche bei Schweizer Züchtern sind aber nicht die einzigen Verbindungen der Landwirtin zur Schweiz. Sie verbrachte zwei Alpsommer im Graubünden und noch heute ist die Begeisterung für unsere Bergwelt ungebrochen. Die Familienferien mit den drei Kindern im Alter von 8,10 und 12 Jahren verbringt sie ­regelmässig in Ftan GR, und immer wieder wagt sie sich mit ihrer Schwester oder alleine auf Schweizer Hochgebirgstouren.

Die Einsamkeit der Berge liegt Mechthild Knösel. «Hier hat es mir manchmal zu viele Leute», sagt sie. Hier, das ist das Hofgut Rengoldshausen, ausserhalb von Überlingen. Der Betrieb umfasst stolze 220 ha, neben Knösels Zuständigkeit – Viehwirtschaft und 120 ha Futterbau – betreibt man Acker- und Gemüsebau inklusive Saatgutproduktion.

Zu den umfangreichen Aktivitäten gehören auch ein grosser, gut dotierter Hofladen sowie ein stark frequentierter Ausbildungs- und Seminarbetrieb. Deshalb sind stets viele Leute auf dem Gelände und «sie wollen natürlich alle zu den Tieren». Klar mache sie gerne Führungen, aber «es können nicht alle dauernd reinmarschieren und mit den Kühen ‹dutzi, dutzi› machen», sagt Knösel. Sie könnte sehr gut und gerne mit 500 Kühen auf 500 Hektaren alleine sein, schiebt sie lachend nach.

Neuer Plan für Pfarrerstochter

Die Leidenschaft für Kühe und Viehzucht wurde ihr nicht in die Wiege gelegt. Als Tochter eines Pfarrers und einer Heilpraktikerin wuchs sie in Hamburg und Bremen mit Berufsziel Krankenschwester auf. Wie in manch anderer Biografie war es die Liebe, welche die Pläne änderte. Als sie ihren späteren Mann kennenlernte, arbeitete dieser bereits in Rengoldshausen und sie absolvierte später ihre zweijährige landwirtschaftliche Lehre hier am Hofgut.

Nach einigen Wanderjahren sind die beiden wieder zurückgekehrt. 2006 konnten sie den Betrieb, der heute der Stiftung einer Industriellenfamilie gehört, gemeinsam mit einem Partner in Pacht übernehmen. Um die umfangreichen Ländereien zu bewirtschaften, können Knösel und ihre Co-Pächter auf einen Personalbestand von gut zehn Personen zählen, dazu kommen Praktikanten und Auszubildende. «Ich habe in 14 Jahren 30 Lehrlinge ausgebildet», rechnet Knösel vor.

Mit den Auszubildenden stösst sie manchmal an Grenzen. «Ich habe Lust, präzise zu arbeiten», sagt Knösel, «nicht so, wie es der Lehrling grad hinkriegt». Präzision ist beispielsweise notwendig, um die Eutergesundheit auf einem extrem guten Niveau zu halten und den Milchabsatz zu sichern. Von der Jahresproduktion von rund 220 000 kg gehen 60 000 kg direkt an die Kälber, der Rest wird vollumfänglich als Demeter-Rohmilch vermarktet. Ein Verkaufsstopp aufgrund von Hygieneproblemen wäre katastrophal: «Dieses Damoklesschwert ist sehr präsent», sagt die 41-jährige Vollblut-Milchproduzentin.

Motivierende Widerstände

Ebenso perfektionistisch wie die Abläufe im Melkstand geht sie das Lebensende der Tiere an. Gemeinsam mit einem Konstrukteur hat sie eine mobile Schlachtbox entwickelt. Bewilligt ist das Gefährt für den Transport zwischen Bolzenschuss im Fressgitter und Schlachthof zwar noch nicht. «Ein dickes Brett» sei der Weg zur Legalität der Hofschlachtung, aber durch den Durchbruch für das Verfahren in der Schweiz hat ihr Energiespeicher soeben Nachschub erhalten.

Widerstände scheinen Mechthild Knösel eher zu motivieren, noch ein Scheit nachzulegen. «Wenn man nicht anfängt, dann wird sich nie etwas ändern», sagt sie. Vieles passiere dann erst auf dem Weg zum Ziel. Dieses strebt sie konsequent, aber ohne Scheuklappen an: Obwohl sie und ihre Kinder Steiner-Schüler(innen)sind, betrachtet sie die biodynamische Lehre eher als Anregung zum Experimentieren. «Ich bin keine Freundin von Rezepten, die ein anderer für mich geschrieben hat», so Knösel. Man glaubts ihr aufs Wort.

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