Plus

Porträt: Ein bodenständiger Mundwerker, der auch mal den Schlachthof zum Thema macht

Der Sprachkünstler Remo Rickenbacher erklärt, warum wir ein Gewitter im Gehirn haben, aber Cumuluswölklein im Mund.

Ambivalent. So wie das Leben, so Remo Rickenbacher. Gemütlich sitzt er im Hocker und spricht über sein Schaffen. Energisch fliegen die Worte, wenn er auf der Bühne eine Geschichte inszeniert. Und doch ist beides Remo Rickenbacher.

Widersprüchlicher Mensch

«Wir Menschen sind voller Widersprüche», sagt der Künstler ohne dabei analytisch zu wirken. Im Gegenteil: Er spricht aus dem bodenständigen Leben eines jeden von uns. Denn Hand aufs Herz: Sind wir nicht alle gerne ruhig und besonnen, um dann doch enerviert zu sein? Sind wir nicht alle gerne vorausschauend und weise, um dann ab und an doch übertölpelt zu werden? Sind wir nicht fähig, komplex zu denken um im nächsten Augenblick einem naiven Gedanken zu verfallen?

«Nid ufrege»

«Ich will beide Seiten sehen», erlöst uns Rickenbacher ein wenig vom Gefühl der Scham. Noch mehr, in dem er uns auf der Bühne die Ambivalenz ein wenig abnimmt, überskizziert und uns damit erleichtert und erheitert. Doch wie gelingt das dem Thuner Künstler? «Es ist ein wenig eine Rolle, die ich einnehme», sagt Rickenbacher. Etwa jene Rolle des WG-Bewohners, der von seiner vegetarischen Mitbewohnerin in den Schlachthof gezerrt wird, nachdem er sich eine Woche lang von Schweinefleisch ernährt hat, um die Erlebnisse dann im vegetarischen Restaurant zu teilen:

Nahrungsmittel, die unbekannt sind

«Bei der Hälfte der Nahrungsmittel dort – Bulgur, Quinoa oder Shiitake – hatte ich keine Ahnung, um was es sich genau handle und wählte deshalb überfordert nach Farben aus. Als meine Mitbewohnerin mich fragte: «Was hast du dir denn da Feines zusammengesucht?», lächelte ich schweigend und dachte mir verärgert: Beige!» Ja dieses Denken ist so eine Sache. Während in unseren Gedanken ein Gewitter an Wortfetzen wütet, verlassen den Mund wohlgeformte Cumuluswölklein. Und das ist kein Abgrund, dessen man sich schämen müsste, sondern menschlich. Remo Rickenbacher greift diese Menschlichkeit auf und spielt auf der Bühne mit diesem Wetterunterschied zwischen Gewitter in der Innenwelt und eitlem Sonnenschein in unseren Worten.

Er ist bodenständig

«Auf der Bühne habe ich das Bedürfnis energisch zu sein, meinen Körper einzusetzen und umso entspannter bin ich neben der Bühne», resümiert er und seine Erscheinung im Sessel im Kaffee unterstreicht seine Worte. Im Prinzip ist Remo Rickenbacher mehr als nur Unterhaltung. Er hilft uns zu entspannen, er hilft uns zu erkennen, wie wir den Unmut in uns verarbeiten können und das wir damit nicht alleine sind; im Gegenteil, dass es vollkommen menschlich ist. Remo Rickenbacher ist nicht nur bühnenständig, er ist damit auch bodenständig.

Nach Hause kommen

Doch für den Thuner ist bodenständig noch mehr als nur unsere Menschlichkeit zu insze­nieren, um dann wieder ein beschauliches Leben neben der Bühne zu führen. «Ich fliege nicht gerne, von daher ist mir ­jeder Boden lieber», schmunzelt er und ergänzt: «Bodenständig heisst für mich auch immer wieder von den vielen Reisen nach Hause zu kommen. Von der Hektik in die Ruhe zu kommen, Thun ist gemütlicher als Wien.»

Auftritt an der Fête des Vignerons

Und mit diesem Beispiel übertreibt er nicht. Die Auftritte im deutschsprachigen Ausland häufen sich und der Wortkünstler gewinnt zusehends an Bekanntheit. Sicherlich ein Grund, weshalb ihn der Kanton Bern mit an die Fête des Vignerons nahm. Der Thuner Slam, die Poetry Slam Show im Café Bar Mokka ist ein national bedeutender Anlass, den Remo Rickenbacher leitet. Ein Anlass mit internationaler Besetzung, aber auch ein Anlass mit bekannten und ­aufstrebenden Schweizer Künstlern. Letztere liegen dem bodenständigen Rickenbacher besonders am Herzen. Er leitet Workshops, geht in die Schulen und engagiert sich besonders für die Jugendlichen. «Es ist beeindruckend wie in einer Projektwoche junge Menschen etwas für sich entdecken, das sie eigentlich gerne machen und sich plötzlich entfalten», spricht er etwas weniger ruhig als noch wenige Augenblicke zuvor. Insbesondere im ländlichen Raum. «Oft haben diese Schüler noch nie etwas von dieser Kunstform gehört und was daraus entstehen kann, fasziniert mich immer wieder», freut er sich.

«Die Natur ist mein Anti-Hektik-Platz.»

Remo Rickenbacher, Sprachkünstler

Der Bezug zur Landwirtschaft

Und diese Schulprojekte sind nicht die einzigen Bezüge zur Landwirtschaft bei diesem Künstler in einem urbanen Umfeld. Als Erstes erwähnt er seine Esskultur. «Ich bin ein Liebhaber lokaler Kost, speziell von Käse», doch Letzterer kann ihn auch schon mal in die Bredouille bringen. Dann nämlich, wenn er mit seiner Gemütlichkeit beim Fondue mit dem Tempo der anderen nicht mithalten kann: «Dann essen sie mir das Fondue weg», schmunzelt er.

Die Natur als Stress-Killer

Auch in seinem privaten Umfeld ist die Landwirtschaft nicht weit. Seine Freundin ist aus dem Seeland und wohnt in einem Bauernhaus; so verbringt der Künstler auch Zeit im Seeland: «Eine Gegend, die mir ebenfalls gut gefällt», verrät er und ergänzt: «Die Natur ist aber vor allem mein Anti-Hektik-Platz. Die Füsse in einen Bach zu halten oder durch einen Wald zu laufen, das sind für mich Möglichkeiten, zu landen.» Und da ist sie wieder: die Bodenständigkeit. Ein aufstrebender Künstler, der nicht gerne abhebt, sondern am Boden bleibt. Der «Spoken Word Artist» ist ein Künstler des gesprochenen Wortes. Remo Rickenbacher ist ein ebensolcher Mund-Künstler. In seinem Falle aber noch treffender: Ein Werker. Der Mundwerker.

Weitere Informationen: www.remolution.ch

Ds ist Wortkunst

Menschen mit Wörtern zu unterhalten ist eine Kunstform. Wer seine Texte liest oder spricht und diese gekonnt in Szene setzt, ist ein Künstler; ein Spoken-Word-Artist (zu deutsch: Künstler des gesprochenen Wortes). Bekannt ist in diesem Genre die «Slam-Poetry» eine Untergattung, die in vorgegebener Länge mit viel Tempo und Rhythmus eine humorvolle Annäherung an eine Thematik wagt. Die Spoken-Word-Artisten sind in der Literaturszene eine eigene Richtung, die weder der Comedy, noch der Kleinkunst oder dem Cabaret zugewiesen werden kann. Trotzdem sind die Grenzen fliessend und je nach Künstler ist eine Abgrenzung relativ schwer.