ABO

Pflegeexpertin Silvia Lüdi spricht mit ihrem Mann, der Bauer ist, viel über den Tod

Silvia Lüdi hat sich schon oft Gedanken über ihren eigenen Tod gemacht. «Die Welt dreht sich auch ohne mich», stellte sie beruhigt fest. Als Pflegeexpertin sind ihr Lebensqualität und die letzten Wünsche ihrer Betagten wichtig.

Silvia Lüdi, wie bereiten Sie sich auf Ihr Lebensende vor?

Silvia Lüdi: Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich nicht mehr da wäre. Dabei fällt mir auf, die Welt dreht sich auch ohne mich weiter. Das beruhigt mich. Klar werden meine Familienangehörigen und Bekannten traurig sein, wenn ich nicht mehr da bin.

Mein Mann und ich sprechen oft über den Tod. Das kommt sicher daher, dass ich durch meine Arbeit damit konfrontiert bin. Wir kennen den letzten Willen des anderen. Da fällt mir ein, meine Patientenverfügung sollte ich wieder einmal überarbeiten und die Liste mit den Onlinepasswörtern steht ebenfalls noch auf der To-do-Liste.

Zur Person

Silvia Lüdi ist mit einem Bauern verheiratet, auf dem Betrieb in Huttwil BE werden Milchwirtschaft und Ackerbau betrieben. Die Schwiegereltern leben im Stöckli nebenan. Hauptberuflich arbeitet sie als Pflegeexpertin und ist für die Umsetzung des Palliative-Care-Konzepts verantwortlich. Erst kürzlich hat sie sich mit dem Grundkurs für freiwillige Sterbebegleiter(innen) weitergebildet (siehe Box am Textende).

Was ist Ihr persönlicher Bezug zum Tod?

Als ich etwa fünf war, starb ein Mädchen aus der Nachbarschaft. Man sagte mir: «Die kommt nie mehr, die ist tot.» Sie hätte Hirnhautentzündung wegen ihres Meerschweinchens gehabt, hiess es. Die Meerschweinchen wurden entsorgt und man sprach nie mehr darüber.

Mit 14 ist ein guter Jugendfreund von mir gestorben. Wir waren in einem Schullager in der Schweiz. Irgendwie erfuhren wir: Der Charlie ist tot. Er wurde überfahren, als er die Strasse überquerte, um eine Portion Pommes-Frites zu holen. Man stelle sich dieses Bild vor: Der schöne junge Mann mit seinen wilden Locken, und dann kommt der Lastwagen und überrollt ihn. Wir wollten alle sofort nach Hause, durften aber nicht. Nicht einmal an der Beerdigung konnten wir teilnehmen. Man meinte, uns Kinder damit zu schützen.

Mit meiner Ausbildung zur Pflegefachfrau wurde der Tod dann ein Teil meines Lebens. Ich begleitete Kinder wie auch alte Leute in den Tod.

Silvia Lüdi hat Freude an ihren Zwergziegen und am Sitzplatz, den sie zum 50. Geburtstag bekommen hat. Dort kann sie auch einfach mal sein.
Silvia Lüdi hat Freude an ihren Zwergziegen und am Sitzplatz, den sie zum 50. Geburtstag bekommen hat. Dort kann sie auch einfach mal sein.

Silvia Lüdi hat Freude an ihren Zwergziegen und am Sitzplatz, den sie zum 50. Geburtstag bekommen hat. Dort kann sie auch einfach mal sein.

Auf Bauernhöfen sind Arbeit und Leben sehr eng miteinander verwoben. Ist da der Tod im Alltag auch präsenter?

Ich denke schon. Man hat ja als Bäuerin und Landwirt immer wieder ein Tier, das man schlachtet oder eine Totgeburt im Stall. Als wir einen unserer Hunde wegen Krebs einschläfern mussten, wurde das im Beisein der ganzen Familie gemacht.

«Man hat immer wieder ein Tier, das man schlachtet oder eine Totgeburt.»

Silvia Lüdi über den Bezug zum Tod auf dem Bauernhof.

Trotzdem wird der Tod nicht oft thematisiert. Das ist aber nicht so, weil er kein Thema ist oder verdrängt wird, sondern, weil er als natürlicher Kreislauf wahrgenommen wird. Aber das ist meine ganz persönliche Interpretation.

Harren Bäuerinnen und Bauern länger zu Hause aus, bevor sie in ein Heim gehen?

Das kommt auf die Konstellation der Familie an. Vielleicht geht die Unterstützung etwas ein-facher, weil das Stöckli gleich nebenan ist. Vielleicht machst du als jüngere Generation nicht einmal viel, aber du bist da. Das gibt den Älteren eine gewisse Sicherheit. Bei der Hilfeleistung muss es aber wirklich für beide Seiten stimmen. Ansonsten ist es besser, die Spitex kommt. Auf diese wird in der Regel besser gehört als auf Angehörige.

Man sollte nur so viel helfen, wie es einem möglich ist. Manchmal ist es besser, die Betagten merken selber, dass alles zu viel wird und sie im Alters- oder Pflegeheim besser aufgehoben wären. Ich kenne eine Frau, die wollte für ein Jahr ihre Eltern pflegen und zog zu ihnen. Aus dem einen Jahr wurden zehn Jahre.

Das Plätschern vom Brunnen im Durchgang vom Stall zum Wohnhaus hat etwas sehr Lebendiges.
Das Plätschern vom Brunnen im Durchgang vom Stall zum Wohnhaus hat etwas sehr Lebendiges.

Das Plätschern vom Brunnen im Durchgang vom Stall zum Wohnhaus hat etwas sehr Lebendiges.

Sie arbeiten als Pflege­expertin in einem Wohn- und Pflegeheim, dieses ist mit dem Palliative-Care-Zertifikat ausgezeichnet. Was ist bei Ihnen anders als in einem gewöhnlichen Heim?

Wir versuchen auf letzte Wünsche, aber auch auf Ängste einzugehen. Uns beschäftigt stark der Gedanke: Was macht den Alltag unserer Bewohner(innen) lebenswert, und das nicht nur im Zusammenhang mit medizinischen Massnahmen zum Lebensende, sondern vor allem im Alltag. Anhand der Biografie jedes Einzelnen und im Gespräch suchen wir nach Anzeichen dafür, was Freude bereitet. Das bedeutet aber, jeden Tag genau hinzuschauen.

Wir arbeiten beispielsweise mit dem Konzept der basalen Stimulation. Da macht man viel über Berührung. Also statt jemanden einfach der Hygiene wegen zu waschen, arbeiten wir mit zugewandten und wohltuenden Berührungen. Dafür setzten wir extra Stellenprozente ein.

Bei uns herrscht der palliative Gedanke überall: vom technischen Dienst bis hin zur Hauswirtschaft. Alle haben den Auftrag, mit den Bewohner(innen) in Kontakt zu sein, in dem sie mit ihnen einen Schwatz machen und nicht einfach durchs Gebäude hetzen und ihrer Arbeit nachgehen. Wichtig ist, dass auch die Angestellten ausserhalb der Pflege den Gedanken verstehen.Ich rede mit jedem einzelnenvon ihnen über Lebensqualität; die eigene und die der Bewohnerinnen.

Palliative Care und Hauswirtschaft, hätten Sie ein Beispiel?

Bei uns lebt eine Frau aus Japan. Sie spricht kein Deutsch und nur ganz wenig Englisch, wir hingegen können kein Japanisch. Das macht es eher schwierig, mit ihr in Kontakt zu kommen und ihre Wünsche zu erfahren. Eine der Pflegerinnen hatte die Idee, der Frau Sushi zum Geburtstag zu bestellen. Es war sehr berührend zu sehen, mit welcher Freude und ungewöhnlich grossem Appetit unsere Bewohnerin ihr Sushi ass. Das brachte uns auf die Idee, dass unser Küchenchef ihr nun regelmässig Sushi zu-bereiten soll

Beim Essen kann man noch viel mehr machen. Wenn Pflegebedürftige mit einem Brei ge­füttert werden, kannst du eine undefinierbare Pampe auf den Teller servieren oder dir Ge­danken machen, wie man auch Brei schön anrichten kann.

Was sind die Wünsche und Ängste von Menschen, die bald sterben werden?

Ein weit verbreiteter Wunschist sicher, dass sie möglichst schmerzfrei im Bett einschlafen möchten. Immer wieder gibt es die Situation, dass jemand Frieden schliessen möchte, wenn die Familie zerstritten ist. Leider geht dieser Wunsch nicht immer in Erfüllung.

Wir führen regelmässig interdisziplinäre Rund-Tisch-Gespräche mit den Bewohner(innen) und ihren Angehörigen: Wie geht es ihnen? Vor was fürchten sie sich? Und was wünschen sie sich? – Da fällt mir eine schöne Begebenheit ein. Eine Bewohnerin erzählt in solchen Gesprächen immer wieder von der Aare. Sie möchte noch einmal auf eine kleine Insel in der Aare, wo ein Haus stand, in dem sie eine Zeit lang lebte. Die Familie plant nun die Umsetzung des Wunsches für diesen Sommer.

Wie kann ich auf dem Hof die ältere Generation im letzten Lebensabschnitt unterstützen und voraus-schauend mit ihnen das Ende vorbereiten?

Wie vorangehend schon erwähnt, zu viel Hilfe ist nicht gut – und Verbote, weil du dir Sorgen machst, auch nicht. Wenn du mit Botschaften kommst wie: «Du darfst nicht mehr in den Stall oder auf die Leiter, weil das gefährlich ist», dann ist das eher kontra produktiv. Am besten sind Ich-Botschaften. Beispielsweise: «Ich habe grosse Angst, dass du beim Bäume Schneiden von der Leiter fällst und dich verletzt. Ich wäre aber sehr froh, um Hilfe beim Äste Auflesen.» Auf diese Art fühlen sich die Älteren gebraucht und haben das Gefühl selbstbestimmt zu handeln.

Ein Gespräch unter Angehörigen ist sicher gut. Dabei kann jeder sagen, was er leisten will oder auch nicht. Vorausschauend wäre ebenfalls, dass eine Patientenverfügung vorhanden ist. Es gibt kurze und längere Versionen davon. Dann gibt es ein ganzes Netzwerk, das unterstützen kann: der Hausarzt, die Spitex, die Kirche oder andere spirituelle Institutionen, psychiatrische Unterstützung, Freunde und auch freiwillige Helfer(innen). Sich zu informieren und mit einzelnen Kontakt aufzunehmen, ist sicher vorausschauend.

Begleitung in der letzten Lebensphase

Anders als vor einer Geburt, besuchen nur wenige Leute einen Kurs, um sich auf ihren oder den Tod von anderen vorzubereiten. Dabei wird der Tod in der Fachliteratur und von Personen, die beim Sterben dabei sein durften, oft als eine Art Rückwärts-Geburt beschrieben.

Sich Sterbenden zuwenden

Der Abschied vom Leben ist nicht leicht. Deshalb braucht es Menschen, die Sterbenden und ihren Angehörigen beistehen. Dies erfordert Mut – und Wissen. Es gibt diverse Institutionen, die im Zusammenhang mit Tod oder Palliativ Care Kurse und Informationen für Freiwillige anbieten. Zum Beispiel:

Die Weiterbildung in Sterbebegleitung ist eine vertiefte sowie eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema Tod. Man bekommt Grundwissen und wird ermutigt, sich kranken sowie sterbenden Menschen und ihren Angehörigen zuzuwenden. Im achttägigen Kurs der Caritas Luzern beispielsweise finden sich folgende Kursinhalte:

  • Palliative Care und gesellschaftliche Aspekte des Sterbens
  • Sterbeprozess und Kommunikation mit Sterbenden
  • Begleitung und Unterstützung von Sterbenden sowie einfache pflegerische Hand-reichungen
  • Selbstbestimmung und Lebensorientierung
  • Spiritualität und Glauben
  • Sterben und Trauern
  • Ressourcen und Grenzen, Kontakt mit den Angehörigen
  • Einsatz als Freiwillige

Der Kurs richtet sich an Privatpersonen, die sich mit dem Thema beschäftigen möchten sowie an Menschen, die beruflich mit der Thematik zu tun haben. Im Anschluss an den Kurs kann ein Praktikum ab-solviert werden. Es dient dazu, einen direkten Einblick in die Tätigkeit der Sterbebe-gleitung zu bekommen und soll einem Klarheit geben, ob man sich der Aufgabe stellen will.

Den eigenen Tod zum Thema machen

Wegen der Corona-Pandemie ist uns der Tod in diesenTagen vielleicht etwas näherals auch schon. Eine erste, persönliche Auseinander-setzung mit dem Thema Tod könnten das Ausfüllen einer Patientenverfügung oder eines Vorsorgeauftrags sein. Diverse Vorlagen dazu findet man im Internet. Zum Beispiel:

Weiterlesen