Meerrettich: Scharfe Stangen aus Deutschland

Quereinsteiger Karl Brehm setzt die Familientradition der Meerrettichproduktion mit viel Handarbeit und selbst gebauten Maschinen fort.

Im Spätherbst läuft bei Karl Brehm in Lonnerstadt die Meerrettichernte auf Hochtouren. Mit sieben Hektaren dieser Sonderkultur gehört der 52-Jährige zu den grössten Produzenten in der Region Mittelfranken (Deutschland). Was man auf den ersten Blick nicht vermuten würde: Brehm hat Architektur studiert und arbeitete danach rund zehn Jahre in renommierten Planungsbüros im In- und Ausland.

Bauern statt verpachten

Als ihm sein Vater im Jahr 2000 den Betrieb mit einer Fläche von 50 Hektaren überschrieb, entschied sich Karl Brehm für die Landwirtschaft, anstatt die Flächen zu verpachten. Der Quereinsteiger stellte den Betrieb auf biologischen Anbau um. «Das wollten meine Frau und ich auf jeden Fall, auch wenn die Eltern nicht begeistert waren», sagt Brehm.

Die ersten drei Jahre fuhr er zweigleisig: Er arbeitete weiterhin als Architekt und führte den Hof im Nebenerwerb. Dabei kam er zur Erkenntnis: «Man kann sich im Leben nur auf eins konzentrieren.» Er holte die Ausbildung zum Landwirtschaftsmeister nach, die er mit Auszeichnung abschloss. «Da hab ich viel gelernt», meint er lachend, «von da an ging es aufwärts mit dem Betrieb.»

Er überdachte alle bisherigen Kulturen. Grünland, Getreide und Kartoffeln sollten bleiben. Brehm nahm den Meerrettich in die Fruchtfolge auf, obwohl wenig für die Kultur sprach.

Eine Familientradition

Zum Zeitpunkt der Hofübernahme standen nur noch 50 Meerrettichstangen auf dem Hof Brehm. Die baute seine Mutter noch an, um die lange Anbautradition der Familie fortzusetzen.

Um den Meerrettich ausreichend mit Nährstoffen zu versorgen, baut der Landwirt als Vorfrucht Kleegras an, das drei Jahre steht. Zusätzlich düngt er die Kultur mit Festmist und Hornspänen. Den Mist erhält er von einem benachbarten Milchbauern, den er im Gegenzug mit Heu von seinem Grünland versorgt. «Den wertvollen Rindermist bekommen nur mein Meerrettich und die Kartoffeln», sagt Brehm, «der Boden dürstet regelrecht danach.»

Fürs Setzen des Meerrettichs hat der Biobauer von einem Schmied eine eigene Maschine anfertigen lassen.
Fürs Setzen des Meerrettichs hat der Biobauer von einem Schmied eine eigene Maschine anfertigen lassen.

Fürs Setzen des Meerrettichs hat der Biobauer von einem Schmied eine eigene Maschine anfertigen lassen. (Bild Petra Jacob)

Es gibt kaum Maschinen für die Nischenkultur

Da er vergeblich nach Geräten suchte, die ihm die Arbeit erleichterten, baute er sie sich selbst. «Meerrettich ist eine absolute Nischenkultur, da ist kein Markt für Spezialmaschinen», sagt er. Er pflanzt die Kultur mit einer vierreihigen Pflanzmaschine mit selbstlaufenden Rädern, die ihm ein Schmied nach seinen Plänen herstellte. Das Gerät legt die etwa 30 cm langen Wurzeltriebe, die Fechser, schräg in den Boden ab, pro Hektare 20 000 Pflanzen. Am Schluss bedecken Schare, wie beim Setzen von Kartoffeln, das Pflanzgut mit Erde und formen einen Damm. Würde er die Stangen senkrecht setzen, blieben viele Wurzeln unerreichbar tief im Boden.

Der Vollernter ist ein  Samro, den Karl Brehm für die Meerrettichernte umgerüstet hat.
Der Vollernter ist ein Samro, den Karl Brehm für die Meerrettichernte umgerüstet hat.

Der Vollernter ist ein Samro, den Karl Brehm für die Meerrettichernte umgerüstet hat. (Bild Petra Jacob)

Vom Erntegut zum Unkraut

Meerrettich vermehrt sich aus jedem noch so kleinen Wurzelteil und wird im Weizen, der als Folgefrucht kommt, zum lästigen Unkraut. «Im konventionellen Anbau behandelt man diese Pflanzen mit Glyphosat», erklärt Karl Brehm. Im Bioanbau sei die Bekämpfung jedoch aufwendiger.

Der Landwirt hat sich mit einem befreundeten Berufskollegen aus einem Samro für Kartoffeln eine Meerrettich-Erntemaschine gebaut. Die arbeite bereits sehr sorgfältig, sagt er. Trotzdem folgt während der Ernte immer noch ein Mitarbeiter dem Roder und sammelt Wurzelteile, die aus dem Boden hochgekommen sind, in einen Korb. Mit Grubbern, Fräsen und Pflügen bekommt Brehm das restliche Unkraut schliesslich in den Griff.

Schwierige Ernte

Da Meerrettich erst ab Ende Oktober geerntet wird, geschieht das oft unter schwierigen Bedingungen. Häufig ist es zu nass, der Boden nicht befahrbar – «da ist dann jeder Tag kostbar», so Karl Brehm. «Meerrettich sollte einen Frost hinter sich haben», sagt er. «Steht die Pflanze bei der Ernte noch im Saft, hat die Wurzel einen bitteren Geschmack – und das will der Konsument nicht.»

Besonders stolz ist der Biolandwirt auf seine selbst entwickelte Technik, mit der er den wichtigsten Schädling im Meerrettich, den Erdfloh, unter Kontrolle hält. Mit zwei Holzplatten mit Leimfolie im Frontanbau fährt er über die Pflanzen. Der dabei geworfene Schatten lässt die Flöhe hochspringen – sie bleiben an der Folie kleben.

«Ohne die polnischen Arbeiter müsste ich aufhören.»

Karl Brehm über die aufwändige Ernte des Meerrettichs.

Trotz Technik müssen noch viele Arbeitsschritte von Hand erledigt werden. «Für Pflanzung, Pflege und Ernte einer Hektare Meerrettich braucht es um die 1000 Arbeitsstunden», schätzt der Biobauer. Im Frühling muss er anpflanzen, im Sommer die Kopfwurzeln entfernen, die sich an den Hauptwurzeln bilden. Ohne seine polnischen Arbeiter, zu denen er ein gutes Verhältnis pflegt, müsste er aufhören, gibt der Landwirt offen zu.

Auch das Sortieren und Reinigen der Meerrettichstangen nach der Ernte ist Handarbeit. Seine Mitarbeiter entfernen Blätterreste, separieren nach Stangen und Pflanzgut für die nächste Saison. Die Fechser legen sie direkt auf dem Hof im feuchten Sand ein. Die zwischen 300 und 1000 Gramm schweren Stangen zum Verzehr verpacken sie in Plastiksäcke und stapeln diese dann auf Paletten für den Transport im Lastwagen.

Die geernteten Stangen werden gebündelt.
Die geernteten Stangen werden gebündelt.

Die geernteten Stangen werden gebündelt. (Bild Petra Jacobs)

Regionaler Verarbeiter

Brehm liefert die Stangen auch an die nahegelegene Firma Schamel in Baiersdorf, einem der weltweit grössten Verarbeiter für Meerrettich. Das Unternehmen bevorzugt heimische Ware, weil es vor allem unter der Marke «Bayerischer Meerrettich» produziert. Dies ist eine von der EU geschützte geografische Angabe. Franken ist mit jährlich rund 1500 Tonnen Meerrettich eine der bedeutendsten Anbauregionen Deutschlands.Petra Jacob

Weiterlesen