Es ist Freitag, 8. August. Ich sitze auf dem Heukran, meinem Lieblingsplatz, wenn wir am Heuen oder Emden sind. Hinter uns liegen etwa zwei Wochen mit gefühlt Dauerregen. Wer hätte gedacht, dass es hier im Schaffhauserland in der Getreideerntezeit zwei Wochen «seichen» kann, ohne ein einziges Zeitfenster für den Mähdrescher. Wir leben hier in einer der – nebst meiner alten Heimat Baselbiet – trockensten Ecken zumindest der Deutschschweiz. Doch nun freuen wir über das wüchsige Wetter und das schöne Emd.
Weit verteilte Felder
Soeben sind unser Sohn Michi und Pascal, der neue Lehrling, dabei, mir ein weiteres grosses Fuder «vor die Füsse zu legen». Pascal kann mit unserem Pius – ihr erinnert euch an meinen letzten Bericht, das ist unser grosser blauer Traktor – perfekt den grossen Ladewagen retour in die eher enge Scheune manövrieren. Überhaupt staune ich immer, wie schnell unsere neuen «Stiften» unsere weit verteilten Felder finden. Nicht überall ist genug Internetabdeckung, dass man sich auf die modernen Pfandfinder im Handy verlassen könnte. Ich mit meinem eher unterentwickelten Orientierungssinn wäre hoffnungslos überfordert. Dazu kommt, dass einige unserer Flurnamen in den Ohren der Lehrlinge alle gleich klingen: Bergle / Barme / Bargen. Soll noch einer drauskommen.
In Merishausen haben wir «Aussiedlungsverbot». Das heisst, unsere Betriebe stehen im Dorf und der grössere Teil unserer Flächen ist 300 Höhenmeter weiter oben auf dem Randen – einem Juraausläufer mit entsprechend kargen Böden. Für ein Fuder Futter brauchen wir hin und zurück ca. 40 Minuten. Wehe, wenn ein nahendes Gewitter schneller ist. Aber heute ist genug Zeit für mich, das Fuder mit dem Heukran zu «versorgen». Mein Lieblingsmoment bei dieser Arbeit: Wenn ich mit der Zange in den grossen Haufen fein duftendes, rösches Emd ca. 10 Meter unter mir greife, ist das, als ob ich mit voller Lebensfreude in einen gluschtigen Mohrenkopf beissen würde.

Es fehlt das Eiweiss
Diese repetitive Arbeit auf dem Heukran lässt mich meine Gedanken (ab)schweifen. Zum Beispiel zur vergangenen Regenperiode: Einerseits haben wir den Regen mehr als gerne genommen. Das Gras wächst wunderbar und es gibt einen schönen zweiten Schnitt, was in trockenen Jahren bei uns nicht selbstverständlich ist. Auf der anderen Seite stehen noch mehr als die Hälfte unserer vielen Getreidefelder. Vor dem Regen waren sie in unseren eher späten Lagen knapp reif und jetzt sind sie alle restlos ausgewachsen. Urdinkel, Weizen, Triticale. Alles! Max meinte, so was habe er noch nie gesehen. Ausgewachsen bedeutet: Die Kerne beginnen noch an der Ähre wieder zu keimen. Das für den Keimvorgang benötigte Eiweiss fehlt dann im Mehl beim Brotbacken.
Urdinkel braucht eine Fallzahl von mindestens 180, bis diese Backqualität erreicht ist. Wir hatten heute grad mal 62! Wir hätten heulen können. Mein Neujahrsvorsatz 2025 lautete: Entspann dich, versuch immer das Positive zu sehen. Und genau daran erinnere ich mich jetzt. In der Buchhaltung wird es beim Getreide einige Löcher haben, aber anderseits müssen wir vermutlich – wie in trockenen Jahren üblich – kein Futter zukaufen.
Eigene Sorgen relativiert
In der Landwirtschaft wissen wir ja: Es gelingen nie alle Kulturen. Letztes Jahr mussten unsere Berufskollegen im Chläggi (Klettgau, westlicher Teil unseres Kantons, frühere Lagen als bei uns) wegen des Mykotozins im Getreide ihre Posten entweder in die Biogasanlage oder in die Verbrennung/Fernheizanlagen kippen, während wir Randenbauern zufrieden sein konnten. Dieses Jahr bejubeln sie ihre guten Qualitäten und Mengen, sie seien ihnen von Herzen gegönnt.
Im Oberen Kantonsteil ist bei einem Berufskollegen diese Woche ein Pouletstall komplett abgebrannt – auch zu dieser Familie schweifen meine Gedanken. Ihre Existenz liegt am Boden. Meine Güte, einfach nur schlimm! Da werden die eigenen Sorgen allerhöchstens zu einem «Sörgeli», auch wenn mir der Rücken und s‘Füdli nach dieser langen bis in die Nacht dauernden Kranfahrschicht weh tun. Freuen wir uns über volle Heustöcke und die vollen Bäuche der Kühe bzw. die vollen Milchtanks. Und der Familie in Ramsen wünschen wir ganz viel Kraft und dass sie wieder auf die Beine kommt.

