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Handwerk: Ledersticken ist kein Hobby für schöne Fingernägel

Die obwaldner Bäuerin Martina von Rotz macht die Nasenbänder für ihre Kühe selber. Für dieses Hobby braucht es Biss sowie einiges an Material und Werkzeug.

Schon beim Eingang zum Wohnbereich merkt man: Hier wohnt jemand, der gerne z Alp geht. Wunderbar gearbeitete Nasenbänder für Kühe hängen an der Wand. Zudem liefern ein selbstgemachtes Schild und ein hübsch verziertes, altes Fenster Indizien, dass die Bewohner ein Flair fürs Handwerken haben. Tritt man ein, grüsst Martina von Rotz (38). Die Bäuerin aus Kerns OW vereint beides: Leidenschaft für Alp und Handwerk.

«Es ist eine strenge Arbeit»

Vor ungefähr einem Jahr begann Martina von Rotz ihr neues Hobby, die Lederstickerei. Diese Verzierungen schmücken die Riemen von Glocken und Treicheln und die Nasenbänder der Kühe. Darauf angesprochen, dass man als Schöpfer solcher Arbeiten eher einen etwas in die Jahre gekommenen Mann vermuten würde, erwidert die zierliche Frau: «Es ist eine strenge Arbeit. Vor allem das Zuschneiden des Leders und das Zusammennähen von Hand verlangen einiges ab.» Dabei steckt sie ihre Hände aus. «Wer gern schöne Nägel hat, für den ist es sicher nicht das geeignetste Hobby.»

Selber Leder besticken

Lederarbeiten herstellen ist ein eher aufwendiges Hobby. Es braucht einiges an Material und Werkzeug:

  • robustes Leder (mehrere Millimeter dick)
  • Stickriemli, aus Kunststoff in diversen Farben
  • Lederband für die Randverzierung
  • Nieten und Verschlüsse aus Messing
  • Dachs- oder Gämsfell
  • Leim
  • Ledermesser
  • Werkzeug zum Leder Abkanten
  • Ahlen in diversen Dicken
  • Sattlerbock, auch Nähross genannt
  • Pressstation

Eine Nadel braucht es übrigens nicht. Die Stickriemli und das Lederband werden spitzig angeschnitten und von Hand durchs Loch im Leder gestossen.

Der Flachstich ist relativ einfach zu lernen. Verschiedene Stichlängen und -richtungen sowie Kreuze sogen für die nötige Struktur im Bild.

Komplizierter hingegen ist die Randverzierung. Nur eines der Lederbänder wird gestickt. Das andere Band wird geschlungen hingelegt und durch das gestickte fixiert.

Am besten lernt man das Handwerk bei einem Sattler. Der Ballenberg bietet ebenfalls Sattlerkurse an. 

Handwerk: Ledersticken ist kein Hobby für schöne Fingernägel

Die Stickriemli kauft Martina von Rotz auf Spulen à 100 Meter. Es braucht verschiedene Ahlen und Werkzeuge für die Lederbearbeitung.

Bei der Alpabfahrt sind alle hübsch geschmückt

Beim «Heimfahre» (Alpabfahrt) schmückt Familie von Rotz, jeweils alle in Edelweisshemden gekleidet, ihre Brown-Swiss-Herde mit Blumen, Nasenbändern und reich verzierten Treicheln. «Bis anhin liehen wir uns die Nasenbänder jeweils von Freunden aus. Aber mir gefielen die immer sehr.» Die Bäuerin entschloss sich deshalb, ihre eigenen Lederwaren zu fabrizieren und die 25-köpfige Kuhherde mit selbstgemachten Kreationen zu schmücken. Und wenn
sie sich etwas vornehme, dann mache sie das auch.

Das Handwerk vom Onkel gelernt

Wo lernt man dieses Handwerk? «Bei meinem Onkel. Er macht sogar seine Treicheln selber.» Martina von Rotz’ Onkel ist zwar nicht gelernter Sattler, aber er interessierte sich für das Handwerk. Vor ein paar Jahren konnte er in Alpnachstad OW das Stickwerkzeug von einer Sattlerei übernehmen. «Bei meinen ersten Stickversuchen dachte ich, das lerne ich nie!», erzählt sie rückblickend. Man darf nämlich die Löcher im Leder, durch die man die Stickriemli zieht, nicht zu dicht beieinander setzten. «Sonst reisst das Leder ein.» Sind die Löcher hingegen zu weit auseinander gebohrt, sieht das Sujet nicht schön aus. Sie habe jedoch einen harten Kopf, sie wollte es einfach können.

Die Vorlage wird aufs Leder genädelt

Ideen für ihre Stickbilder hat Martina von Rotz selber, und sie lässt sich von bestehenden Lederwaren inspirieren. Sie zeichnet das Sujet auf ein kariertes Papier auf, das exakt die Grösse des Lederstücks hat. Dann legt sie die Vorlage aufs Leder und sticht mit einer Nadel durchs Papier, exakt dort, wo der Stich im Leder sein sollte. Die feinen Nadelmarkierungen auf dem Leder sind ihre Stickmarkierungen. Zurzeit pröbelt sie mit Kombinationen von Lederschnitzen und Stickerei. «Diese Kreation gefällt mir sehr.» Sie zeigt auf ein Stück Leder, das in Bearbeitung ist. Darauf ist ein Berg eingekerbt und ein Edelweiss prangt auf der Hauptflanke.

Handwerk: Ledersticken ist kein Hobby für schöne Fingernägel

Eine der vielen Vorlagen von Martina von Rotz. Die Vorlage legt sie aufs Leder und sticht mit einer Nadel durchs Papier, exakt dort, wo der Stich im Leder sein sollte.

Das Nähross als Hilfsmittel

Damit sich die kreative Macherin nicht dauern in die Hände sticht – «Das kam schon ein paarmal vor.» – oder den Tisch nicht zerstört, arbeitet sie oft am Nähross. Das ist eine Vorrichtung, in welche die Lederarbeit eingespannt werden kann. «Mein Mann hat mir eins zum Muttertag geschenkt», erzählt Martina von Rotz freudig.

Zeit für ihr Hobby findet die Bäuerin am Abend, an Regentagen und vor allem im Winterhalbjahr. Ob sie auch während der Alpsaison Zeit zum Sticken haben wird, weiss sie noch nicht. Waren in den Vorjahren hauptsächlich die Schwiegereltern auf der Alp, übernimmt ab nächstem Jahr Martina von Rotz zusammen mit ihrem Mann Ruedi, den drei Kindern und einem benachbarten Bauern eine frisch zugeloste Alp. Darauf freut sie sich sehr.

Handwerk: Ledersticken ist kein Hobby für schöne Fingernägel

Der Sattlerbock, auch Nähross genannt, hat Martina von Rotz von ihrem Mann Ruedi zum Muttertag geschenkt bekommen.

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