ABO

Erika Meier ist glücklich in der Selbstständigkeit

Gelernt hat sie Gärtnerin. Heute geniesst Erika Meier als Selbstständigerwerbende die freie Zeiteinteilung in der Landwirtschaft. Aktiv ist sie sowohl im Stall als auch in ihrem Atelier, wo Meier für ihre eigene Firma «Fadenstark» näht.

«Ich bin keine Bäuerin», sagt Erika Meier bestimmt und schüttelt den Kopf: «Ich bin Hausfrau und Gärtnerin.» Die 36-Jährige ist auf einem Bauernbetrieb in Wattwil SG gross geworden und hat nach ihrer Lehre als Gärtnerin in verschiedenen Gärtnereien gearbeitet.

Eine Sommersaison arbeitete sie im Bergrestaurant Chrüzegg, wo sie heute noch aushilft. Doch eine Aus- oder Weiterbildung im landwirtschaftlichen Bereich hat sie nie gemacht. «Deshalb steht es mir auch nicht zu, mich Bäuerin zu nennen. Ich fahre nicht mit den Maschinen, mit der Strukturdatenerhebung habe ich nichts am Hut und eine Bäuerin mit Ausbildung verfügt über mehr Grundwissen», sagt die Mutter zweier Teenager.

Den Hof doch übernommen

Erika Meier hatte nie vor, einen Bauern zu heiraten, und ihr Mann wollte nicht unbedingt den elterlichen Betrieb übernehmen. Christian Meier ist gelernter Schreiner und arbeitet bis heute mit viel Freude auf seinem Beruf.

Doch als es darum ging, was nach der Pensionierung der Schwiegereltern mit dem Betrieb geschieht, entschied sich das junge Paar gemeinsam für den Hof und für Mutterkuhhaltung. Christian Meier absolvierte die Nachholbildung. «Es ist schön, etwas Eigenes zu haben», so Erika Meier. «Als unsere Kinder noch klein waren, brauchte ich keine Fremdplatzierung, ich habe sie einfach in den Stall mitgenommen. Von Grund auf lernten sie so natürliche Kreisläufe kennen.»

Das Fleisch der Kälber vermarkten sie direkt. Über die Jahre konnten sie sich eine gute Stammkundschaft aufbauen. «Mit den Grauen und unseren Futtergrundlagen erreichen wir nicht die gewünschte Fettabdeckung, um erfolgreich in die industriellen Kanäle zu liefern.» Zudem schätzt das Paar die kurzen Transportwege. «So können wir zudem das lokale Gewerbe mitunterstützen.»

Klare Arbeitsaufteilung

Der Nebenerwerbsbetrieb umfasst neun Hektaren, etwas mehr als die Hälfte davon ist als BFF angemeldet. Im Stall stehen fünf Mutterkühe mit ihren Kälbern und zwei tragende Rinder der Rasse Grauvieh. Die Ziegenherde besteht aus vier Muttertieren und ihren Zicklein, für sie ist Sohn Benjamin zuständig.

Erika Meier sorgt von Montag bis Freitag für das Wohl der Mutterkühe, am Wochenende ist die Stallarbeit Familienangelegenheit. Mit den Maschinen fährt hauptsächlich Christian und auch beim Verladen der Tiere oder sonstigen schweren körperlichen Arbeiten packt er mit an. «Wenn der Besamer oder der Tierarzt kommt, dann gehe ich in den Stall», erklärt Erika Meier.

Die Gesundheit der Tiere liegt ihr sehr am Herzen. Wenn immer möglich, behandelt sie mit alternativer Medizin wie etwa Homöopathie. Ihre neue Leidenschaft ist die Biokybernetik. Bei dieser Technik werden mithilfe von Metallstäbchen gezielt Reize auf die Reflexzonen der Haut gesetzt. Das Nervensystem von Mensch und Tier reagiere sofort auf diese Impulse, Blockaden könnten sich lösen.

Kuh Ronja

Unter anderem mit Hilfe dieser Methode wurde die älteste Kuh im Stall der Familie Meier wieder erfolgreich besamt: «Ronja ist die erste Kuh, die wir 2008 nach der Übernahme des Betriebes gekauft hatten.» Sie ist inzwischen 18 Jahre alt und gebar 16 Kälber. «Fast ein Jahr lang hat sie nicht mehr aufgenommen. Wir sind froh, dass sie jetzt wieder trächtig ist.»

Dabei war es keineswegs Liebe auf den ersten Blick zwischen Kuh Ronja und Erika Meier. Die frischgebackene Mutter war gerade nach einem Kaiserschnitt mit ihrem ersten Kind Sereina aus dem Spital entlassen worden, als Ronja auf den Betrieb kam.

Wild geworden übersprang die Kuh am nächsten Morgen alle Gatter und stand mitten auf dem Hofplatz. Nur mit Mühe konnte sie zurück in den Stall gebracht werden. «Noch einmal und sie muss wieder weg, eine solche Kuh können wir nicht gebrauchen», so die Reaktion der Wöchnerin. Offenbar hatte Ronja sie verstanden.

Wieder mehr Kontakt

Der Betrieb der Familie Meier liegt abgelegen in steilem Gelände. Die lebhafte, aufgestellte Frau hatte bis zur Geburt des ersten Kindes immer gearbeitet und war sich gewohnt, dass sie Menschen um sich hatte. Die Kontakte fehlten ihr. Schnell war für sie klar, dass sie in einem kleinen Pensum auswärts eine Stelle annehmen möchte.

Die Selbstständigkeit entstand, als sie sich kurzerhand selbst half. Die junge Mutter hatte eine Occasion-Kindersicherheitsdecke für Töchterchen Sereina ersteigert. Schon nach kurzer Zeit war der Reissverschluss kaputt. Also nähte Erika Meier mit ihrer Bernina-Haushaltsnähmaschine eine eigene Decke, dies war der Start der heutigen Firma Fadenstark.

Heute stehen zwei vollautomatische Stickmaschinen, eine normale Nähmaschine, Plotter und Transferpresse für Foliendruck auf verschiedene Stoffe, zwei Spezial-Nähmaschinen für dehnbare Stoffe und – unverzichtbar – ein Laptop im Arbeitszimmer.

Eigenes Unternehmen

Am 1. April 2015 liess Erika Meier ihre Firma Fadenstark im Handelsregister eintragen und gilt seither als Selbstständigerwerbende: «Nun ist es für mich einfacher, Grossmengen an Stoffen einzukaufen, das war eigentlich der Hauptgrund für meine Entscheidung.» Mit viel Leidenschaft näht sie Kinderkleider, Handtaschen und Necessaires. Sie stickt und bedruckt Firmenkleider, Nuscheli, Lätzli und Caps nach den Wünschen ihrer Kund(innen).

Sehr oft werden Stoffe und Sujets im Bauernlook gewünscht. «Momentan brauche ich vor allem Stoffe im Scherenschnittstil», erklärt Erika Meier. Hauptsaison ist für sie in der Vorweihnachtszeit. Ab November zeichnet, näht, stickt und druckt sie bis zu acht Stunden täglich. Über hundert Bestellungen verliessen letzte Weihnacht ihr Atelier.

Traum: neuer Stall

Erika Meier und ihre Familie träumen von einem neuen Stall für ihre Mutterkühe. Der alte wurde noch vom Schwiegervater erbaut. Von den Wänden und der Decke bröckelt der Beton. «Das Misten ist mühsam und man könnte Arbeitsabläufe effizienter gestalten.» Zusätzlich müsste der Futterraum vergrössert werden und Christian würde das Dach gerne mit Solar ausstatten. Obwohl die Finanzierung nicht ganz einfach wird, entwickeln sich erste Pläne in den Köpfen des Ehepaares.

Weitere Informationen: www.fadenstark.ch

Weiterlesen