In der Stube des schmucken Einfamilienhauses im Aargau erinnert sich Josefina Bodenmann-Wicki, genannt «Schosi», klar und detailreich an die Weihnachten in den Weltkriegsjahren 1939 bis 1945. Sie wurde als achtes von 13 Kindern in die Kleinbauernfamilie Wicki im Weiler Steinibach in der Entlebucher Gemeinde Flühli-Sörenberg geboren. Sie erinnert sich gerne an Weihnachten.
Einfache Verhältnisse

«Am 24. Dezember mussten wir Kinder immer früh ins Bett», erinnert sich die 89-Jährige. Sie stieg mit ihren zwei Schwestern ins gemeinsame Bett, welches als quadratische Holzpritsche in einer Zimmerecke stand. Auf dieser befand sich ein grosser, mit Laub gefüllter Sack als Matratze und darauf eine mit Gänsefedern und -flaum gefüllte Decke. «Darunter schliefen wir drei Mädchen, Greti, Hilde und ich. Wir hatten es trotz der mit Raureif überzogenen Fenster warm im Bett», erinnert sich Josefina Bodenmann-Wicki. Früh, um sechs Uhr am 25. Dezember, als es noch dunkel war, weckte die Mutter alle Kinder. Sofort stürmten sie die Treppe hinunter in die warme Stube. Warm war sie darum, weil die Mutter schon um vier Uhr in der Frühe aufgestanden war und den Ofen tüchtig eingeheizt hatte. «In der Stube stand unser Christbaum in aller Pracht», erzählt Schosi.
Schokolade, aber keine Geschenke
Die Rottanne stammte ausdem eigenen Wald und war geschmückt mit Glaskugeln, welche im Kerzenschein glänzten. Zuoberst thronte eine Silberspitze. Was die Augen der Kinder besonders zum Glänzen brachte, waren die einzigen Weihnachtsgeschenke: Die in Silberpapier eingehüllten Schokoladenmäuse, -kläuse, -tannenzapfen und -kugeln am Baum. «Wir Kinder zählten sofort die Schokoladen. So wussten wir immer genau Bescheid über die Zahl der Schokoladen – und wenn jemand eine dieser Kostbarkeiten genascht hätte, hätten dies sofort die Geschwister entdeckt», erinnert sich Schosi. Jeweils am Abend erlaubte es die Mutter den Kindern, je ein kostbares Stück vom Christbaum zu pflücken. «Nur eines», betont Schosi, und die Kinder kontrollierten sich gegenseitig, ob es auch wirklich nur eines war.
Geschenke gab es keine, denn ihre Eltern Albert und Agatha, geborene Emmenegger, kannten keinen Luxus auf dem kleinen Bauernhof in Steinibach. Der Ertrag des Kartoffelackers, des Gemüsegartens und des Bohnapfelbaumes reichte kaum zum Überleben für die grosse Familie mit 13 Kindern. Die steilen Wiesen und Weiden ernährten vier Braunvieh-Kühe, Kälber, Jungvieh und ein paar Ziegen. Im Schweinestall lebte eine Sau, die einmal oder mit Glück zweimal im Jahr ein paar Ferkel warf.
Nach dem Lebkuchen in die Kirche
Nach der Überraschung mit dem Weihnachtsbaum erwarteten die Kinder sehnlich den Lebkuchen zum Frühstück. Diesen buk die Mutter in einer grossen, schwarzen Bratpfanne, welche sie in die Glut im Feuerloch des Herdes legte. Über die Pfanne legte sie einen Blechdeckel und darüber häufte sie mit einer Schaufel Glut. So buk der beste Lebkuchen, den Schosi je in ihrem Leben gegessen hatte. Nach dem köstlichen Frühstück mit warmem Lebkuchen und frischer Milch zogen diejenigen Kinder, welche Sonntagskleider besassen, diese an, schnürten ihre Holzschuhe und machten sich durch den hohen Schnee und die eisige Kälte auf den einstündigen Weg in die Kirche Sankt Josef in Flühli.
Dort sangen alle mit Inbrunst «Stille Nacht» und andere Weihnachtslieder vor dem grossen Christbaum. Diejenigen Kinder, die keine Sonntagskleider hatten, blieben zu Hause und besorgten das Vieh. Sie wussten, nächstes oder übernächstes Jahr würden sie die Sonntagskleider ihrer Geschwister erhalten, wenn sie diesen zu klein waren.
Schlechte Noten wegen des Vaters Partei
«Ich hatte eine schöne Jugend», betont die rüstige 89-Jährige. Sie ist gesund, einzig ihr Augenlicht nimmt stetig ab. Aber ihr Erinnerungsvermögen ist ungetrübt. Alle zehn Wicki-Mädchen und die drei Wicki-Buben besuchten die rund 20 Gehminuten entfernte Gesamtschule Steinibach. «Das Schulhaus bestand aus einem grossen Zimmer für sämtliche sieben Klassen und daneben einem kleinen Klassenraum für den Handarbeitsunterricht der Mädchen», erzählt Schosi.
Schosi lernte leicht. «Als Viertklässlerin beauftragte mich der Lehrer Walter Felder, den Erstklässlern im Handarbeitszimmer das Lesen beizubringen», erinnert sie sich. Und sie schätzte das Vertrauen des Lehrers und freute sich darüber, Hilfslehrerin zu sein. Man könnte denken, dass sie vom Lehrer mit guten Noten belohnt wurde. Das war aber nicht so. Denn im Entlebuch gab es damals nur zwei politische Parteien: Die «schwarzen» Männer – wie ihr Vater Albert Wicki – gehörten den Liberalen an und die «roten» Männer – wie Lehrer Walter Felder – der konservativen Partei. Die Frauen waren zwar nicht stimmberechtigt, trotzdem musste Schosi unter dem Zwist der beiden Parteien leiden.
Als Tochter eines «schwarzen» Vaters bekam sie schlechte Noten im Zeugnis. Aus Erfahrung wusste Schosi, dass ihre Mutter in Tränen ausbrechen würde, wenn sie wieder miserable Noten zum Unterschreiben heimbringen würde. «Ich wollte meine Mutter nicht zum Weinen bringen und deshalb zeigte ich ihr meine Noten nicht», schildert sie. Sie brachte das Zeugnis ohne Unterschrift zurück.Die Folgen bekam sie sofort zu spüren: Ab sofort durfte sie den Erstklässlern das ABC nicht mehr beibringen.
Die Kinder weinten und froren
Im kalten Winter trugen die Mädchen damals handgestrickte Wollstrümpfe, die mit Gummibändern an einem «Gestältli», das um die Hüften getragen wurde, befestigt waren. Darunter trug man wollene Unterhosen, darüber einen langen Rock und einen Pullover. Für auf den Schulweg trugendie Kinder Holzschuhe, einen «Tschoppen», handgestrickte Mützen und Handschuhe. Die Winter der Weltkriegsjahre 1939 bis 1945 seien ausserordentlich kalt und schneereich im 880 Meter über Meer liegenden Flühli gewesen, versichert Schosi. «Ich fror den ganzen Winter über», erinnert sie sich mit einem Schaudern, auch jetzt, 80 Jahre später im wohlig geheizten Haus.
Der Schnee lag damals einen Meter hoch, zeigt Schosi mit der Hand. Wenn frischer Schnee fiel, pfadete ihr Vater mit dem von einer Kuh gezogenen Schneepflug den Weg bis ins Schulhaus. Der Schulweg der Wicki-Kinder führte am Haus von Luise, einer Wäscherin, vorbei. «Oft weinten wir auf dem Weg wegen der grossen Kälte», erinnert sich Schosi. Luise rief die halb erfrorenen Kinder zu sich hinein. Sie setzte die Kinder auf den Ofen, gab ihnen warme Milch zu trinken «und Luise wärmte meine eiskalten Füsse mit ihren Händen.» Und obendrein verteilte sie wollene Socken.

«Bringt doch diesen Hitler um»
Der Zweite Weltkrieg war Tagesgespräch im Entlebuch, auch wenn Wickis kein Radio hatten. «Die Erwachsenen redeten ständig vom Weltkrieg und von Adolf Hitler, der Länder überfiel und viele Leute töten liess», erinnert sich Schosi deutlich. Während eines solchen Gesprächs rief sie laut: «Bringt doch diesen Hitler einfach um.» Die Antwort der Mutter war, dass das nicht so einfach sei, aber man bete jetzt einen Rosenkranz. Und so beteten die Wickis jeden Abend stundenlang Rosenkränze beim Schein des Herdfeuers. Das verleidete dem kleinen Schosi und eines Tages sagte sie beim Zubettgehen zu ihrer Mutter: «Wenn ich dann einmal gross bin, bete ich nicht mehr, ich habe genug gebetet.»
Ausser an Weihnachten gab es immer das gleiche Essen: Zuerst eine Suppe, als zweiten Gang meistens Kartoffeln, häufig in Form von Kartoffelstock, und dazu Randen oder Rüebli. Ganz selten gab es dazu ein kleines Stück Schweinefleisch. Zum Nachtessen gab es meistens Brot und Milch. Erst als Schosi 14 Jahre alt war, nahm sie ihre sieben Jahre ältere Schwester Agatha mit in die grosse Stadt Luzern. Dort kaufte sie ihr eine gelbe Frucht. Schosi fragte: «Was ist das und kann man das essen?» Agatha erklärte ihr, dass das eine Banane sei und dass man sie schälen müsse. So ass Schosi mit 14 Jahren das erste Mal in ihrem Leben eine Banane und fand sie köstlich.
Erstmals ein eigenes Bett
Nach sieben Schuljahren war die Schulpflicht erfüllt und Schosi arbeitete ein Jahr auf dem elterlichen Bauernhof, um ihre Eltern zu entlasten. Denn ihr Vater hatte Rückenschmerzen von der harten Arbeit und ihre Mutter offene Beine als Folge der Krampfadern. Im Dezember 1947 vermittelte eine Verwandte Schosi eine Stelle als Magd bei der Familie Scherer in Meggen. Diese bewirtschaftete einen Bauernhof nahe am Vierwaldstättersee mit Vieh und sehr vielen Obstbäumen. Der Haushalt bestand aus 14 Personen.
«Dort lernte ich Kochen, Nähen, Wäsche waschen und Plätten, Backen, Sauerkraut einmachen, Konfitüre einkochen, Fleisch räuchern und Früchte dörren und Einkochen», erzählt sie. Sie liebte das Backen von Weihnachtsguetsli, Züpfen, Rosenkuchen und Birrenweggen. Und besonders gefiel ihr: «Bei Scherers hatte ich mit 15 Jahren zum ersten Mal ein richtiges Bett für mich ganz allein mit einer richtigen Matratze, einem Unter- und Oberleintuch, einem richtigen Federkissen und einer warmen Federdecke.» An Weihnachten hätte sie frei gehabt und nach Hause gedurft. Sie zog es trotz starkem Heimweh vor, bei Scherers zu bleiben, denn sie wusste, ein so bequemes Bett und ein so reichhaltiges Essen gab es in Steinibach für sie nicht. Sie dachte: «Meine Mutter bemerkt es bei so vielen Kindern wahrscheinlich gar nicht, wenn ich nicht da bin.»
Bäuerin mit Leib und Seele
Bei Familie Scherer verdiente sie erst 60, später 80 Franken im Monat. Ab 1950 arbeitete Schosi für Kost und Logis als Serviertochter in Hellbühl im Kanton Luzern. Ihr Lohn war ausschliesslich das Trinkgeld, welches sie von den Gästen erhielt. Hier blieb sie nur zwei Monate, denn es kam vor, dass wenn sie um Mitternacht müde ins Bett sinken wollte, schon ein junger Bursche darin lag. «Erst musste ich diesen Frechdachs rausschmeissen, bevorich ins Bett konnte», erinnert sie sich. Wegen dieser Belästigungen wechselte sie ins Restaurant Meierhof in Baden AG. Dort beobachtete sie, wie die damaligen BBC-Arbeiter ihren Lohn nach dem 14-täglichen Zahltag vertranken.
Wöchentlich holte Hans, ein Bauer aus Birmenstorf, Biertreber bei der Brauerei Müller. Diesem vertraute Schosi an, dass sie lieber einen Bauern als einen durstigen BBC-Arbeiter heiraten möchte. Schon die nächste Woche wurde Hans von Fritz Bodenmann begleitet, der den Pachthof Äbereich in Mellingen bewirtschaftete. Die beiden verliebten sich und Schosi heiratete den 10 Jahre älteren Fritz am 2. Mai 1953. Die Ehe blieb kinderlos. Später gaben sie die Pacht auf und kauften für den Ruhestand das Haus in Birrhard. 2007 starb Fritz. «Ich war mein ganzes Leben lang mit Leib und Seele Bäuerin und am meisten Freude hatte ich an unserer Braunviehzucht», schliesst Schosi ihre Erzählung ab.

