Die Wolkendecke ist aufgebrochen und taucht die weite grüne Landschaft des County Clare in sanftes Licht. «Wer weiss wie lange das so anhält, das müssen wir ausnützen», sagt Landwirt John Joe Lynch.
Er weiss, wie wechselhaft das Wetter an der Westküste Irlands ist, er will mit dem Geländewagen hinaus aufs Feld. Die Landschaft ist mit schwarzen Reihen aus gestochenen Torfbarren bedeckt. «Wir stechen nur für den Eigenverbrauch, nur gerade so viel, wie wir brauchen und das seit unzähligen Generationen», sagt er.
Alle Iren haben ein Recht auf Torf
Das Thema Torf ist ein schwieriges in Irland geworden. Denn die Regierung hat den Abschied von der Torfproduktion als Energielieferantin eingeläutet, denn der Abbau ist aufgrund hoher CO2-Emissionen ökologisch problematisch. Die Moore sollen geschützt und renaturiert werden. Doch das Recht, Torf für den Eigenbedarf zu stechen, ist den Iren allerdings (noch) erhalten geblieben – und in Zeiten der Energieverteuerung machen viele wieder Gebrauch davon.

Dazu gehört John Joe Lynch. Er bezieht eine Pension und hält nebenher noch ein paar Rinder. Torf ist Brennstoff für seinen Kamin. Doch vorher muss er den Torf trocknen, das geschieht auf dem Feld. Das Frühjahr ist die beste Zeit für diese Aktion: Mai und Juni haben die meisten Sonnenstunden, und es weht ein stetiger Wind vom Atlantik über das flache, baumlose Land. Über allem liegt dieser süssliche Duft des Torfmoors, während Landwirt Lynch die einzelnen Torfbarren zu Pyramiden aufeinandersetzt.

Herausforderndes Klima auf der grünen Insel
Die Landschaft wirkt einsam und menschenleer, County Clare ist eine der unberührtesten Grafschaften Irlands. Die Gegend war von der Grossen Hungersnot Mitte des 19. Jahrhunderts mit am schlimmsten betroffen und verlor über die Hälfte seiner Bewohnerinnen und Bewohner. Viele mussten aus Armut ins Ausland emigrieren.

Auf dem Heimweg fährt John Joe Lynch an einem Friedhof vorbei, die Grabsteine liegen eng beieinander, viele während der Hungersnot Verstorbene liegen hier begraben.
Zurück im Haus hat seine Frau Josephine starken Schwarztee aufgebrüht und Guinness-Kuchen gebacken. Im Wohnzimmer knistert das Torffeuer im Kamin. Die wohlige Wärme, die von dem Feuer ausgeht, kann man im Westen Irlands auch im Frühjahr und Sommer gut gebrauchen. Irland hat ein gemässigtes Klima ohne extreme Temperaturschwankungen, das heisst milde Winter, kühle Sommer. Und es ist immer irgendwie feucht. Die Westküste gehört mit zu den regenreichsten Regionen, da der Wind vorwiegend aus Südwesten über den Atlantik kommt.
Ein Torffeuer brennt in der Gaststube
«Traditionell darf so ein Torffeuer nie ausgehen», erzählt Josephine und zeigt über die Wiesen: «Bei Michael Keane brennt es bestimmt seit hundert Jahren.» Keanes Grossvater und die Grossmutter von John Joe Lynch seien Geschwister gewesen, erzählt sie.

Keanes Oyster Bar & Restaurant steht direkt an der Hauptstrasse, die nach Kilkee undweiter zur beeindruckenden Klippenküste führt. Die Familie Keane gibt es bereits seit 1641 an diesem Ort. Heute führt Michael Keane mit Frau Bridie und den beiden Töchtern die Geschäfte. Ja, es gebe auch bei ihm ein Torffeuer, stimmt er zu, jedoch nur in der Wirtsstube, weil die Gäste das so gerne hätten. Keane ist nicht nur Kneipenwirt, sondern vermietet auch Zimmer, führt einen Tante-Emma-Laden, ist Koch, Austern-Fischer und Rinderzüchter.
Feen und Rindviecher nebeneinander
Ein Teil seiner insgesamt 110 Rinder (vorwiegend Limousin) steht auf einer Wiese hinter dem Haus. Zum Hof gehören 51 ha Grünland, das in kleine Flächen aufgeteilt ist und verstreut liegt. Ein paar Kilometer entfernt vom Hof stehen Mutterkühe mit Nachzucht und ein paar Stiere. Um sie zu besichtigen, geht es vorbei an vielen weissen Plastikballen, in die Grassilage eingeschweisst ist. Das sei der Ertrag von 20 ha und als Winterfutter gedacht, merkt Michael Keane an.
Er zwängt sich an einem mit Gras bewachsenen Rundwall vorbei, der um einen uralten Baum aufgeworfen ist. Die Konstruktion wirkt sehr hinderlich und unpraktisch auf der Fläche. Michael Keane nickt zustimmend. Doch den Baum abholzen oder den Erdwall ebnen – «niemals» wehrt Keane vehement ab. Denn das sei ein «Fairy Fort», hier lebten Feen, wie er sagt, und diesen Ort zu zerstören, würde Unglück bringen. An die 45 000 dieser Plätze gibt es noch über ganz Irland verteilt.

Über die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche in Irland ist Weideland. Das milde Klima, die frische Meeresbrise, Sonne und Regen, die einander abwechseln, begünstigen das Wachstum von Gras. So können irische Kühe fast das ganze Jahr über auf der Weide grasen, und Butter aus Weidemilch ist ein wichtiges irisches Exportprodukt.
Zurück zu Hafer und Mühle
Weniger bekannt im Ausland, doch ebenfalls typisch irisch ist der Haferanbau. In früheren Zeiten hatte fast jede irische Bauernfamilie Hafer auf dem Feld stehen.
Die Anbaubedingungen sind in Irland ideal. Hafer stellt an die Böden keine hohen Ansprüche, hat es gern feucht und verträgt reichlich Niederschläge, jedoch keine Trockenheit, weiss Kevin Scully. Der Landwirt baut in Merrymount im County Laois, 90 Minuten Autofahrt südwestlich von Dublin, auf 40 ha Biohafer an. So wie seine Vorväter, nur im grösseren Stil, wie er sagt. The Merry Mill, wie der Betrieb heisst, liegt direkt neben dem 200 Jahre alten Haus der Grossmutter, in dem jetzt eine seiner fünf Schwestern wohnt. «Hier ist Hafer-Land, in den 1800er-Jahren haben alle Hafer angebaut, und bis vor hundert Jahren hatte jede Stadt auch noch eine Getreidemühle.»
Schonendes Mahlen mit einer alten Mühle
Kevin Scully sind Tradition und das Wiederbeleben regionaler Strukturen wichtig. 2015 kaufte er sich eine Osttiroler Getreidemühle, «die wie vor zweihundert Jahren arbeitet», wie er sagt. Es ist ein schönes Gerät aus Holz mit einem Mahlstein aus französischem Kalkstein. Durch eine niedrige Umdrehung wird der Hafer sehr schonend vermahlen, für ein Kilogramm braucht es zwei Minuten. Die Mahltemperatur steigt dabei auf maximal 15°C und «die Enzyme im Korn bleiben erhalten», wie er anmerkt. Die maschinelle Flockenquetsche hat der Landwirtgebraucht aus Deutschland eingekauft. 2021 produzierte Scully auf seinen Flächen 50 t Hafer bei einem durchschnittlichen Ertrag von 4,5 t/ha.

Um die steigende Nachfrage zu bedienen, sei für 2022 eine Ernte von 70 t geplant, wie er sagt. «Drei Jahre Hafer, drei Jahre Rotklee, unter anderem für die Produktion von Grassilage», erklärt er die Fruchtfolge. Zum Hof gehören auch 45 Wagyu-Rinder, für die gebe es einen guten Preis auf dem Markt. Stolz ist er auf sein «Zero-Waste-System»: Abfall aus der Getreidemühle wird Viehfutter, das Haferstroh wird Einstreu oder eingepflügt, sowie auch der Rindermist aus dem Stall.
Kevin Scully hat die Landwirtschaft im Blut
Es sei sein Onkel gewesen, der ihm in jungen Jahren den Samen für die ökologische Landwirtschaft eingepflanzt, aber auch das Interesse an der Welt gesät habe, erzählt Kevin Scully, der sich als Zwanzigjähriger für ein Wochenende nach London aufmachte und erst fünf Jahre später auf die Insel zurückkehrte.

Er reiste durch Südostasien, per Anhalter von Kambodscha über Vietnam nach China, vor allem über entlegenes Land. «Ich wollte die Bauern treffen – Landwirtschaft war immer in meinem Blut. Je ärmer der Ort, umso glücklicher waren die Menschen, sie waren so zufrieden mit ihrem Leben.» Hier und da fragte er bei den Bauern an, ob er mithelfen könne. In Vietnam pflanzte er mit ihnen Reis, in Indien pflügte er mit dem Ochsen die Felder. Er erinnert sich an eine lustige Begebenheit: «Der junge Bauer liess mich machen, doch sein Vater wollte mich nicht auf dem Feld, ich sei zu schwer, die Füsse zu gross. Erst viel später verstand ich – ich verdichtete ihm denBoden.»
Produziert in einer einzigartigen Qualität
1996 wurde Scullys Vater schwer krank und er kehrte nach Irland zurück. Der damals 26-Jährige übernahm den Hof, der aufden konventionellen Anbau von Gerste spezialisiert war, und stellt auf Haferanbau um. Ab 2002 arbeitete er zertifiziert nach ökologischen Richtlinien der Irish Organic Association (IOA).

Kevin Scully ist der Einzige in Irland, der Biohafer anbaut, auf dem Hof nach traditionellen Methoden verarbeitet und Mehl und Flocken glutenfrei anbieten kann. Ein Geschäftsmann aus Jerusalem suchte auf der ganzen Welt nach dieser Qualität, wie er Scully berichtete. Was jenen Mann ausserdem beeindruckte, war die «Stille» der Landschaft, in der das Getreide wuchs, so Kevin Scully. «Am liebsten hätte er meine gesamte Produktion aufgekauft.» Doch er will sich nicht abhängig machen. «Die kleinen Kunden sind wichtig, denn die bleiben treu. Wenn da mal einer wegfällt, kann ich es verkraften.» 90 % der Kunden kommen aus Irland, 70 % der Produktion wird über das Internet verkauft, ein Teil direkt ab Hof und auf Bauernmärkten.
Kerngesund mit Haferbrei
Auf Kevin Scullys Website wird ein 450-Gramm-Sack Haferflocken für Fr. 4.65 oder der Zehn-Kilogramm-Sack für 62 Franken angeboten. «Nein wir sind nicht teuer», wehrt Landwirt Scully ab, «die anderen sind zu billig.» Die Nachfrage nach seinem Hafer steige trotzdem, denn immer mehr Menschen sei wichtig, wo die Lebensmittel herkommen und wie sie produziert werden. Er überlegt nun, mit einem befreundeten Landwirt zusammenzuarbeiten, der ebenfalls Biohafer anbaut.

Für Kevin Scully ist Nahrung Medizin, «My body is my temple», steht auf seinem T-Shirt. Vor zehn Jahren wollten sie ihm eine «neue Hüfte verpassen», wie er sagt. Dann hat er seine Ernährung umgestellt: Ausschliesslich irisches Gemüse, Fleisch vom eigenen Hof und jeden Morgen Haferflockenbrei, den er mit Wasser zubereitet, so wie einst die Grossmutter. Seitdem ist er nicht mehr krank und eine künstliche Hüfte habe er auch nicht mehr gebraucht, sagt er und lacht verschmitzt.
Sich auf altes Wissen zu besinnen, heisst in Irland nicht unbedingt, sich anderen Traditionen zu verschliessen. Kevin Scullys Schwester Kitty ist Gärtnerin und arbeitet für eine TV-Gartenshow. Sie holt sich ihre Ideen aus aller Welt.

Über das Wochenende trifft sie sich mit Freundinnen zum Einmach-Workshop. Im Garten ernten die Frauen riesige Kohlköpfe, jemand hat kistenweise Rüben, Radieschen und Rotkohl mitgebracht. Zusammen schnippeln sie das Gemüse und befüllen Einmachgläser. In der Küche riecht es so ganz und gar nicht irisch – die Damen produzieren nach alten Rezepten koreanisches Kimchi und deutsches Sauerkraut!


