Der Frauenhof im Kürbisglück

Vor knapp zwei Jahren übernahm Sandra Reinhardt zusammen mit ihrer Schwester den elterlichen Hof in Ettenhausen.

Den Iltishof in Ettenhausen kann man in dieser Jahreszeit nicht verfehlen. Geschätzte Tausende von grossen und kleinen Kürbissen in allen Farben und Formen schmücken bereits die Einfahrt zum Hof. Wo man hinschaut: orange, weisse, rote, gelbe, braune, gemusterte, gestreifte und gepunktete Kürbisse. Kunstvoll arrangiert, wild durcheinander oder in strengen Linien aufgestellt. Sandra Reinhardt erzählt, dass es ihnen auf dem Hof wichtig sei, ihre Produkte attraktiv der Kundschaft zu präsentieren.

Drinnen im Gemeinschafts-Aufenthaltsraum sitzen eine Handvoll Erwachsene und ein paar Kinder am langen Tisch. Auf dem Tisch ist die Geburtstagstorte von Ueli Weber, Sandra Reinhardts Vater, der heute 67 Jahre alt wird. «Bei uns ist immer viel los und unsere Familie feiert gerne», sagt die 31-Jährige mit einem Lachen.

Nie mehr zurück ins Büro

Die kleine Geburtstagsrunde löst sich auf, alle gehen an die Arbeit, auf dem Iltishof gibt es immer viel zu tun. Sandra Reinhardt erzählt, wie es dazu kam, dass ihre ältere Schwester Andrea Weber (37) und sie vor knapp zwei Jahren den Hof ihrer Eltern übernahmen und seither gemeinsam führen. Die insgesamt vier Schwestern sind auf dem Iltishof aufgewachsen. Bis 1996 betrieben die Eltern auf dem 11 Hektaren grossen Betrieb Milchwirtschaft, später nur noch Ackerbau. Der Vater war Strassenmeister und danach Werkhofmitarbeiter bei der Gemeinde.

Andrea Weber ist die zweite Betriebsleiterin auf dem Iltishof.
Andrea Weber ist die zweite Betriebsleiterin auf dem Iltishof.

Die drei ältesten Töchter lernten einen kaufmännischen Beruf, die Jüngste machte eine Ausbildung zur Fotofachfrau, ein zukünftiger Schwiegersohn mit landwirtschaftlicher Ausbildung war nicht in Sicht. Man habe in der Familie viel diskutiert, doch konkret konnte es sich keine der vier Frauen vorstellen, den Hof weiterzuführen. Sandra Reinhardt, die zweitjüngste der vier Töchter, reiste gerne und war bis Mitte zwanzig oft und lange unterwegs. Hongkong, Bali, Amerika, Australien, Neuseeland, sie liebt es unterwegs zu sein und Fotografieren wurde zu ihrer Leidenschaft.

Zurück im thurgauischen Ettenhausen wusste sie, dass sie nicht mehr Vollzeit zurück ins Büro wollte. Zu Hause auf dem Hof gab es immer Arbeit und nebenbei machte sie eine Ausbildung zur Fitnesstrainerin. Zudem begann sie sich als Fotografin zu professionalisieren, nahm Aufträge an und erteilte Fitnessunterricht. Zwei Leidenschaften, die sie heute noch mit Freude betreibt.

Fahrbarer Hühnerstall

In dieser Zeit reifte bei Sandra Reinhardt und ihrer älteren Schwester Andrea Weber (37) der Gedanke, die Bäuerinnenschule zu besuchen. Nach dessen Abschluss erwarben sie den Eidgenössischen Fachausweis, Andrea mit dem Schwerpunkt Hofladen und Sandra mit dem Schwerpunkt Eier ab Hof. Ab dann stand der Entschluss, gemeinsam den Hof zu übernehmen. «Wir sagten den Eltern, dass wir übernehmen, aber den Hof wieder mehr beleben möchten», sagt Sandra Reinhardt. Sie ist mittlerweile verheiratet und Mutter von zwei Kindern (drei- und einjährig). Ihr Mann arbeitet beim Kanton, hilft aber mit, wenn es ihn braucht.

Seit Anfang 2023 führen die beiden Schwestern nun den Betrieb; Sandra Reinhardt als Verantwortliche für die Hühner mit einem fahrbaren Hühnerstall mit 220 Hühnern, der alle zwei Wochen gezügelt wird. Ihre Schwester ist verantwortlich für den Hofladen.

Noch viel lernen

Da Vater Ueli Weber seit zwei Jahren pensioniert ist, hat er genügend Zeit, seine Töchter zu unterstützen: vor allem im Bereich Ackerbau und überall dort, wo es seine Hilfe braucht. «Das ist unser grosses Glück, uns fehlt das landwirtschaftliche Wissen», sagt die junge Bäuerin. «Wir müssen noch viel lernen und auch weitere Kurse, speziell zum Ackerbau, besuchen. Vor allem müssen wir uns die Zeit nehmen, um Maschinen und Fahrzeuge besser kennenzulernen. Auf die Frage, wer letztendlich der Chef sei, antwortet sie: «Wir teilen uns die Aufgaben und verlassen uns gegenseitig auf die Stärken der anderen.»

Macht Arbeit, aber auch Freude: der Hofladen mit seinem breiten Sortiment.
Macht Arbeit, aber auch Freude: der Hofladen mit seinem breiten Sortiment.

Damit der Hofladen angemessen bestückt ist und immer einladend wirkt, braucht es viele Stunden Arbeit: Konfitüren einkochen, Sirup, Apfelmus und Schoggischäumchen zubereiten, Eierlikör mischen, Salatsauce anmachen und Pesto mixen. Das sind nur ein paar der Lebensmittel, die von der Familie selbst hergestellt werden. Dazu muss alles hübsch verpackt und beschriftet werden.

Breites Angebot

Von regionalen Produzenten verkaufen sie am Samstag jeweils Büffelfleisch, Wildfleisch, Natura-Beef, frisches Gemüse, Milchprodukte und saisonale Früchte. Selbstverständlich machen auch die eigenen Eier einen Grossteil der Auslage aus. Dass es im Moment die Kürbisse sind, die die Kundschaft anlocken, versteht sich von selbst. Auf die Frage nach der Zukunft muss Sandra Reinhardt nicht lange studieren: «Meine Familie wäre überglücklich, wenn wir endlich mit dem Umbau unserer Wohnung auf dem Hof beginnen könnten, dies würde unseren Alltag stark vereinfachen.» Zudem wünsche sie sich einen Streichelzoo. Für den Moment gibt es aber genug Arbeit. Zusammen mit Schwester Andrea sei sie unendlich dankbar für die grosse Unterstützung ihrer Partner, der Eltern und Schwestern: Ohne die Familie ginge es nicht.

Weitere Informationen: www.iltishof.ch

Fünf Fragen

Was können Sie besonders gut? Anlässe organisieren, etwa unser Kürbisfest, und zu grosse Schuhe kaufen. Worüber können Sie lachen? Wenn ich rückwärts mit Traktor und Anhänger parkieren muss. Was möchten Sie sich abgewöhnen? Meine Dinge wie Schlüssel und Handy ständig zu verlegen. Ihr Leitspruch fürs Leben? Es ist, wie es ist, aber es wird, was du daraus machst. Wie offen reden Sie über Ihre Finanzen? Offen, aber noch keiner wollte unsere Schulden übernehmen.