Vor etwas mehr als sieben Jahren stach mir die Stellenausschreibung ins Auge, mit der Agriviva einen neuen Geschäftsleiter suchte. Der Verein mit Sitz in Winterthur, der mir wie vielen älteren und «mittelälterlichen» Personen noch unter der früheren Bezeichnung Landdienst bekannt war und ist, vermittelt Jugendlichen Einsatzplätze auf Bauernhöfen in der ganzen Schweiz.
Die jungen Menschen im Alter zwischen 14 und 25 Jahren wohnen während einer beschränkten Zeit (zwischen einer bis maximal acht Wochen) bei ihren Gastfamilien. So erleben sie durch aktive Mitarbeit die vielseitige und anspruchsvolle Tätigkeit der Bäuerinnen und Landwirte und lernen auch das bäuerliche Umfeld und den Alltag näher kennen.
Weg von der Oberflächlichkeit
Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen und es begeisterte mich die Vorstellung, mich in einer Non-Profit-Organisation für eine sinnstiftende Tätigkeit einbringen zu können. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt gerade einige Berufsjahre in der Musik- und Unterhaltungsindustrie hinter mir, was eine durchaus interessante, lebhafte und attraktive Branche ist – aber zuweilen doch etwas oberflächlich.
So fühlte ich mich glücklich, dass mir die Vereinsverantwortlichen am Ende des Bewerbungsprozesses die operative Leitung anvertrauten. Eine vielseitige, schöne Aufgabe, in deren Ausübung ich viele interessante Begegnungen und Erfahrungen machen durfte. Ich habe sehr engagierte Bauernfamilien kennengelernt, die zu Recht stolz auf ihr wertvolles Handwerk sind und bereit, dieses den jungen Menschen mit viel Geduld und Empathie näherzubringen. Familien, die willens sind, ihnen unbekannte Personen bei sich in den eigenen vier Wänden aufzunehmen und in ihren Alltag zu integrieren.
Ein eigenes Bild von der Landwirtschaft machen
Gastgeber, die sich mit viel Offenheit auf den Austausch mit den meist aus nicht bäuerlichen Kreisen stammenden Jugendlichen einlassen und damit auch die riesige Chance beim Schopf packen, die solche Einsätze bieten: den Jugendlichen zu ermöglichen, sich ein eigenes Bild des Lebens auf dem Bauernhof zu machen.
Diese Jugendlichen erleben im Einsatz hautnah mit, mit welch enormem Aufwand, Fachwissen, Hingabe und Sorgfalt im Stall, auf dem Feld, in Wald, Garten und Haushalt gearbeitet wird. Diese Erfahrungen und Eindrücke prägen das Bild der Teenager und jungen Erwachsenen und sie werden mit hoher Wahrscheinlichkeit das nächste Mal, wenn in einer Diskussion die Rede ist vom «subventionsverwöhnten Bauern», eine differenziertere Meinung vertreten.
Die Jugendlichen werden vermutlich das Preisschild von hiesigen Nahrungsmitteln mit anderen Augen betrachten und womöglich ihr eigenes Konsumverhalten reflektieren.
Ein grosses Dankeschön
Dieses Schaufenster für die Landwirtschaft und dieser Imagetransfer sind die Raison d’Être, die Daseinsberechtigung von Agriviva. Nach sieben Jahren und rund 10'000 Platzierungen mit über 150'000 Einsatztagen ist es an der Zeit, den Platz meiner Nachfolge zu übergeben mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Weiterführung.
Ich danke allen Gastfamilien für ihr Engagement. Sie sind das Rückgrat von Agriviva. Übrigens nimmt der Verein gerne und jederzeit «Familiennachwuchs» auf.
Ich bedanke mich auch bei allen Jugendlichen, die sich mit Interesse und Tatendrang dieser Herausforderung stellen. Ein grosses Merci geht kollektiv an die vielen Personen und Stellen in allen Landesteilen, die dieses sinnvolle Angebot möglich machen (Vorstand, MitarbeiterInnen, Vermittlungsstellen, Verbände, Gönner, Behörden). Danke, merci, grazie, Agriviva!

