Im September 2025 wanderte Anicia Kohler mit ihrem Vater über den Lötschentaler Höhenweg. Beim Anblick des gewaltigen Schuttkegels, der das Dorf Blatten VS unter sich begraben hatte, blieben sie betroffen stehen. Auf dem Rückweg begegneten sie einer Frau aus der Region. Diese erzählte den beiden Wanderern, dass die Trauerarbeit im Tal erst jetzt beginne und wie wichtig es sei, dass die Menschen ihre Geschichten erzählen könnten.
Diese Begegnung nahm sich Kohler zu Herzen. Für ihr Buch «Wenn der Berg kommt – Geschichten vom Weiterleben» (erschienen im August im Zürcher Arisverlag) reiste die Autorin durch die Schweiz. Sie sprach mit Menschen aus Kandersteg BE, Brienz BE, Brienz GR, Blatten VS, Gondo VS, Bondo VS und Schwanden GL – Dörfern, die durch Bergstürze, Murgänge und andere Naturgefahren in die Schlagzeilen geraten waren.
Ungewissheit wird Alltag
Besonders belastend ist für die Betroffenen oft die Ungewissheit. Diese sei für die Betroffenen gewiss besonders schwer aushaltbar, sagte die Autorin im Interview mit «Der Bund» – und erzählte von den Menschen in Brienz GR, die ab November 2024 ihr Dorf für mehr als 60 Wochen verlassen mussten. Das Warten fern von Haus, Hof und geliebten Tieren, die vielen Anweisungen von aussen und die Sorge um die Zukunft zehrten an ihnen. Gleichzeitig sei die Dankbarkeit für rasch gefundene Lösungen gross gewesen.
Noch schwerer wiegen persönliche Schicksale. Was bedeutet es, stundenlang nicht zu wissen, ob die eigene Tochter noch lebt? Oder als Jugendlicher den Vater zu verlieren und ihn nicht beerdigen zu können, weil er nie gefunden wurde? Solche Erfahrungen zeigen, wie weit die Folgen einer Naturkatastrophe reichen – weit über die Zerstörung hinaus.
Geschichten vom Weiterleben
Doch Anicia Kohlers Buch erzählt nicht nur von Angst und Verlust. Es gibt Menschen, die bereits oft in den Medien waren, Raum, ihre ganze Geschichte zu erzählen. Sie berichten von ihrer Kindheit im Dorf, von Freundschaften, Liebe, Musik und Dorffesten. Und von der tiefen Verbundenheit mit den Bergen, die seit Jahrhunderten zugleich Lebensgrundlage, Heimat und Gefahr sind.
Besonders eindrücklich ist der Zusammenhalt. Gemeinschaften rücken näher zusammen, Traditionen werden gepflegt und Feste erst recht gefeiert. «Wenn der Berg kommt» erzählt davon, was verloren gehen kann – und was die Kraft gibt, weiterzuleben.


