Die Buchungs- und Umsatzzahlen von 2021 zeigen, der Agrotourismus in der Schweiz boomt. Doch immer mehr Besucher(innen) interessieren sich zusätzlich zu klassischen Ferienwohnungen und dem Besuch der Tiere im Stall für weitere Angebote auf den Höfen. Die voranschreitende Urbanisierung, eine immer älter werdende Gesellschaft, der Verlust des Bezugs zur Natur und letztlich auch die Corona-Pandemie führen zu einer steigenden Nachfrage nach gesundheitstouristischen Angeboten auf Bauernhöfen.
Bauernhof hat Potenzial
«Landwirtschaftliche Betriebe bringen schon vieles mit, was zur Gesundheitsförderung beiträgt», betont Roland Lymann, Präsident von Agrotourismus Schweiz während des Forums Agrotourismus Anfang Dezember 2021. Dazu zählten die Arbeit an der frischen Luft, ein Lebensrhythmus, der der Natur angepasst ist, Bewegung, sozialer Austausch und Selbstwirksamkeitserfahrungen. Mit dem Angebot von gesundheitsfördernden Aktivitäten böte sich so eine langfristige Einkommensmöglichkeit für die Betriebe.
Buchungsflauten verhindern
«Gerade Buchungsflauten ausserhalb der Ferien können verhindert werden, da die Hauptzielgruppe von Familien mit Kindern erweitert wird», sagt auch Marcel Meek, Geschäftsführer der Schweizer Online-Buchungsplattform für Ferienwohnungen, e-Domizil, im Rahmen des Forums. Gesundheitstourismus käme auch für Alleinreisende und Paare in Frage.
Zu Gesundheitsangeboten auf landwirtschaftlichen Betrieben gehören:
- Wellness wie Sauna, Dampfbad und Massagen
- Sport und Fitness wie Yoga und Gymnastik
- Aktivitäten wie Wandern und Radfahren
- Heilverfahren wie Waldbaden und Heilpflanzen-Gärten
- Kulinarik wie gesundes Frühstück und hofeigene Produkte
- Kurse über z.B. Heilkräuter oder Käsen
Studie untersucht Nachfrage
Welche dieser Angebote besonders gefragt sind, hat die Studie «Gesundheitsfördernder Tourismus im Alpenraum» der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft in Deutschland untersucht. Dafür wurden 1000 Personen im Alter von 18 bis 69 Jahren befragt. Robert Lymann präsentierte die Studienergebnisse im Rahmen des Forums Agrotourismus und betonte, dass viele Erkenntnisse auch auf die Schweiz übertragbar seien.
Entspannung gesucht
«Die Mehrheit der Befragten gab an, dass sie bei gesundheitsfördernden Ferien auf dem Bauernhof vor allem Entspannung und Erholung suchten», so die Autor(innen) der Studie. Auch die Vorbeugung von körperlichen Erkrankungen und das Fliehen aus der städtischen Umgebung spiele eine Rolle. Gerade Zivilisationskrankheiten wie Kopfschmerzen, Erschöpfung, Übergewicht und Bluthochdruck bewegten Menschen, einen Aufenthalt auf dem Hof zu buchen. Weiter sei dem Grossteil der Befragten ein persönlicher Ansprechpartner für Gesundheitsfragen wichtig. Ausserdem würden Services wie Physiotherapie, Gesundheitschecks und Ernährungsberatung häufig nachgefragt werden. Diese erfordern jedoch Zusatzqualifikationen, die meist nicht von landwirtschaftlichen Betrieben geleistet werden können. In diesem Fall empfiehlt die Studie, Kooperationen mit Anbietern in der Region einzugehen.
Natur-Wellnessgarten
Auf dem Berghof Montpelon in Gänsbrunnen SO betreibt Elsbeth Lanz seit 2008 einen Natur-Wellnessgarten. Dieser umfasst einen Barfussweg, ein Wassertretbecken und viele Blumen und Kräuter. Bei der Gestaltung des Gartens orientierte sich die diplomierte Bäuerin auch an den Kneipp-Grundsätzen. Zuvor hatte sie eine Ausbildung zur Natur-Wellness-Begleiterin am Inforama Berner Oberland absolviert. In den Kursen war auch die Preiskalkulation ein Thema. Deshalb kommt Elsbeth Lanz zu dem Schluss, dass viele Betriebe bisher ihre Angebote zu günstig anböten. «Wir dürfen unsere Arbeit nicht unter Wert verkaufen», appelliert sie. Bei einem Besuch in der «Hofbeiz» und im Garten können sich Besucher(innen) mit selbst gemachten Getränken erfrischen. Diese werden mit Kräutern, Blüten und Beeren vom Hof hergestellt. «Cola gibt es bei uns nicht», so Elsbeth Lanz. Sie weise jedoch nie darauf hin, dass ihre Getränke gesünder seien. Vielmehr verfolge sie die Devise, «unsere Gäste dürfen selbst merken, was ihnen guttut». [IMG 2]
Bewegung ist gefragt
«Natur erleben» wurde mit 64 Prozent am häufigsten von den Studienteilnehmer(innen) genannt, als nach den Lieblingsangeboten gefragt wurde. Gleich darauf folgten Massagen. Ebenfalls stark nachgefragt seien Wanderungen (40 %) und E-Bikes (30 %). Aber auch klassisches Wellness wie z.B. Sauna und Massagen seien mit 38 % wichtig. Dass der gesundheitliche Nutzen auch wissenschaftlich bewiesen ist, spiele für viele Kund(innen) ebenfalls eine Rolle.
Viele gesetzliche Auflagen
«Das geltende Raumplanungsgesetz ist oft eine Herausforderung. Gerade wenn man etwas Neues bauen will, braucht man für alles eine Umnutzungs- oder Baubewilligung», sagt Elsbeth Lanz aus Gänsbrunnen SO. Sie hat bereits Erfahrung mit gesundheitsfördernden Angeboten. Auf dem Berghof Montpelon betreibt sie seit 2008 einen Naturwellness-Garten. Es lohne sich daher, alle Pläne vor der Umsetzung mit dem jeweiligen Amt zu besprechen. Auch Bauernsekretariate seien eine gute Unterstützung. Ausserdem empfiehlt sie interessierten Betrieben, den Aufwand der Angebote nicht zu unterschätzen.

